Editorial
„Made in Luxembourg“ – warum der Klimawandel auch hausgemacht ist
Schon in den 70er-Jahren warnten Wissenschaftler vor den Folgen eines sich verändernden Weltklimas. Geändert hat das an unserem Verhalten erstaunlich wenig.
Folge des Klimawandels: Im Hohen Venn in Belgien sind im August Tausende Hektar abgebrannt Foto: dpa/Julien Warnand
Als in den 70ern, also vor rund 50 Jahren, Luxemburg fleißig seine erste Autobahn wie Kaugummi durch die Landschaft zog, beobachteten Wissenschaftler, dass das Weltklima sich veränderte. „Möglichst bald“, schrieb der Spiegel im August 1974, müsse Forschern zufolge „eine internationale Organisation für die Klima-Überwachung geschaffen werden“. Nur fünf Jahre später berichtete das Magazin über den ersten Weltklimagipfel: Erstmals konnten Wissenschaftler anhand grober Klimamodelle erklären, „weshalb etwa weltweit die Wüsten wachsen oder in vielen Weltgegenden extreme Wettersituationen – Dürreperioden, Überschwemmungen, Stürme oder Kälteeinbrüche – neuerdings häufiger eintreten.“
Die Warnung vor dem Wolf
50 Jahre danach wird von „Klimahysterie“ gesprochen, ein Begriff, der 2019 in Deutschland zum Unwort des Jahres gekürt wird. Gleichzeitig fällt in Gesprächen und Kommentarspalten zu Klimakatastrophen bis heute der beschwichtigende Satz: „Das hat es früher auch schon gegeben.“ Die Botschaft dahinter: Die Warnungen vor dem Klimawandel und dessen Folgen seien Blödsinn – oder wie Trump sagen würde: ein Schwindel („hoax“). Dass das Klima in den 70ern bereits verrückt spielte, scheint nahezu vergessen.
Es liegt wohl in der menschlichen Natur, abstrakte Bedrohungen, die über Jahrzehnte heranschwelen, zu verdrängen. Erst wenn die Umwelt buchstäblich in Flammen steht, wie neuerdings im Hohen Venn, scheint die Gesellschaft den Zustand des Wachkomas verlassen zu können, um im Überlebenskampf ein bis dahin unbekanntes Handlungspotenzial zu entfalten.
Klimawandel – „made in Luxembourg“
Doch bis der Katastrophenfall eintritt, wird falsches oder schädigendes Verhalten bagatellisiert, ja selbst normalisiert. Das spiegelt sich auch in unserem konsumorientierten, von der Umwelt entkoppelten Alltag wider. Das zwanzigste T‑Shirt („made in Bangladesh“), das neueste Auto (einfach nur, damit es neu ist), das dritte Handy („made in China“), mehrfach verpackte Fertiggerichte, komplett sinnbefreite, energieintensive K.I.-Videos – schier grenzenloser Konsum lässt die Seele baumeln und richtet gleichzeitig die Umwelt zugrunde.
Und warum soll man auch auf Shoppen und den dritten Flug im Jahr auf die Kanaren verzichten, wenn Chinas Fabriken ungehindert Treibhausgase ausstoßen und im Nahen Osten pausenlos herumgeballert wird? Als kleines Land und ohnmächtiger Bürger kann man da gleich das Handtuch werfen – am besten das Strandtuch, denn ein bisschen muss man sich ja auch was gönnen.
Bleiben, was wir sind
„Jahrelang hat das niemanden interessiert und jetzt wird alles hinterfragt“, sagte der Bürgermeister Jeannot Fürpass (CSV) im Gespräch über Umweltauflagen. Dahinter steckt eben jene altbackene, alles rechtfertigende Ausrede: „Das wurde ja schon immer so gemacht“. Nur, was ist, wenn es schon immer falsch gemacht wurde?
Seit mindestens 50 Jahren zeichnet sich ab, dass der Umgang mit der Natur der falsche ist. Bereits in den 70ern verbreitete sich der Spruch: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Heute wirkt der Satz beinahe abgedroschen und gerade deswegen führt er uns unsere Schwäche vor: Gefahren und Dummheiten zu verkennen, bis es zu spät ist.