Editorial

Im Libanon hat sich eine Machtelite gegen die Libanesen verschworen – und das Ausland machte mit

Eine Libanesin blickt auf den zerstörten Hafen Beiruts: Ob der Libanon nach der Explosion ein gerechteres Land wird, hängt auch vom Ausland ab

Eine Libanesin blickt auf den zerstörten Hafen Beiruts: Ob der Libanon nach der Explosion ein gerechteres Land wird, hängt auch vom Ausland ab Foto: AFP

Ob eine der weltweit größten nicht-nuklearen Explosionen reicht, um im Libanon einen politischen Wandel herbeizuführen? Viele Libanesen wollen nichts anderes, so viel ist sicher. Der Rücktritt der Regierung am Montagabend ist ein Hoffnungsschimmer, aber nicht mehr. So wird der Weg zwar frei – aber erst einmal nur für einen Wechsel in der Machtzentrale, nicht für einen Wandel der Machtverhältnisse.

Ein solcher Wandel dürfte aber nötig sein, um das Land am Mittelmeer aus der Krise zu führen. Die Worte des parteilosen Ministerpräsidenten Hassan Diab bei seinem erzwungenen Rücktritt geben eine Idee davon, wie steinig dieser Weg wird. Das System der Korruption sei größer als der Staat, sagte Diab, der selber nach nur sieben Monaten im Amt bereits jegliches Vertrauen verloren hatte.

Seit vergangenem Herbst ist der kleine Staat am Mittelmeer bankrott, die Menschen hatten mit ihren Politikern schon lange vor der Explosion abgeschlossen. Sie hatten es satt, für die Folgen der jahrelangen Inkompetenz und Korruption im Staatsapparat bezahlen zu müssen.

Während sich in Europa und den USA Menschen mit den abstrusesten Verschwörungstheorien beschäftigen, hat sich im Libanon – mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung – offenbar eine Machtelite gegen die Libanesen verschworen.

Einen solchen Knoten der „chronischen Korruption“ (Hassan Diab) demokratisch mit Wahlen zu lösen, wird schwer, das Problem dürfte tiefer wurzeln – und kann, was den Handlungsspielraum aller politischen Akteure im Libanon einengt, nicht nur in Beirut selber angegangen werden.

Dafür haben zu viele ausländische Mächte ihre Hände im Spiel auf dieser Drehscheibe des Mittleren Ostens. Der Iran mit seiner Hisbollah, an der vorbei niemand im Libanon regieren kann. Saudi-Arabien, das den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri Ende 2017 bei einem bizarren Besuch im Golfstaat festhielt und ihn nur wieder ausreisen ließ, nachdem er von Riad aus seinen Rücktritt verkündet hatte. Dazu die Nachbarn: Israel, der eine, verfeindet; Syrien, der andere, kriegsversehrt. Dann noch die ehemalige Mandatsmacht Frankreich, die – wie auch jetzt wieder – im Nachhinein immer alles besser weiß und munter kritisiert, was sie zuvor anstandslos mitunterstützt hat.

Damit der Libanon wieder auf die Füße kommt, braucht es den tiefgreifenden Wandel im Land selbst. Keine Frage. Ohne finanzielle Hilfe der internationalen Gemeinschaft wird es nicht gehen, dafür sind die Schäden der Explosion zu gigantisch und das Land zu tief verschuldet. Auch das steht nicht zur Diskussion.

Doch Geld wird dieses Mal nicht reichen. Dem Wunsch der Libanesen nach einem Ende der Korruption muss entsprochen werden – und das ist ohne die Akzeptanz aus dem Ausland nicht möglich. Der kleine Libanon ist tief verstrickt im geopolitischen Geflecht des Mittleren Ostens. Wohl zu tief, um völlig autonom über die eigene Zukunft entscheiden zu können. Wenn im Libanon die Machtverhältnisse kopfstehen, betrifft das ebenso die Nachbarn und damit deren Verbündete. Genau das macht den Kampf der Libanesen für einen gerechteren Libanon so schwer. Nicht nur die eigenen Eliten scheinen sich gegen die Menschen im Libanon verschworen zu haben. Die halbe Welt scheint bei der Verschwörung mitzumachen.

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