Editorial
Großmachtfantasien – Der Putsch in Niger und die überschätzte Macht der Geopolitik
General Abdourahamane Tchiani bei einer Fernsehansprache am 28. Juli Foto: AFP
Just a little bit of history repeating. Wieder einmal schauen wir von oben auf ein afrikanisches Land, in dem eine Regierung von Barett-tragenden Putschisten gestürzt wird. Wieder einmal Bilder von überbesetzten Truppentransportern voller ernster Gesichter, die über vertrocknete Steppen-Pisten heizen. Wieder einmal Fernsehansprachen von schrägen Generälen. Wieder einmal Fahnenschwenker in einer staubigen Hauptstadt.
Moment mal, war das gerade eine russische Flagge da in Niamey? Da steckt doch der Kreml dahinter!
Ach ja, das gute alte (post-)kolonialistische Großmacht-Narrativ. 40 Jahre ist es her, als Kenneth Waltz dieses (erneut) in eine politikwissenschaftliche Theorie goss, um eine Erklärung für die Dynamiken in den damaligen internationalen Beziehungen zu liefern. Etwas heruntergebrochen, sagte er: Ein oder mehrere mächtige Akteure kämpfen um die Hegemonie auf dem Planeten. Der Rest: höchstens Bauern auf dem Schachbrett. Das Konstrukt entstand in der bipolaren Welt des Kalten Krieges. Sind wir da jetzt etwa wieder angelangt? Just a little bit of history repeating.
Verfolgt man einige Analysen dieser Tage, gibt es tatsächlich ausschließlich geopolitische Motive für den Machtwechsel in Niger. Da wären zum Beispiel die Uran-Minen, die Treibstoff für die Reaktoren der ehemaligen französischen Kolonialmacht liefern. Oder die zunehmende Destabilisierung der Sahel-Zone, die den Rest Westafrikas in die Krise reißt – nur um große Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa auszulösen, die die EU destabilisieren. Und dann finalement selbstredend das generelle Schwinden des heilbringenden europäischen Einflusses auf dem schwarzen Kontinent.
Cui bono? Genau, die Sowjets, pardon, die Russen. Wladimir Putin wird offenbar noch immer so viel Strategie-Genialität zugetraut, dass einige annehmen, der Kreml habe das alles von langer Hand vorbereitet.
Laut The Atlantic waren es tatsächlich aber nicht gerade viele Demonstranten, die da vor ein paar Tagen in Niamey die russisch-nigrische Solidarität gefeiert haben. „Viele der Spekulationen über das Ausmaß der russischen Beteiligung beruhen bisher auf äußerst dünnen Beweisen“, schreibt die amerikanische Zeitschrift. „Ein paar hundert Menschen bei einem Protest in einer Stadt, von denen eine Handvoll russische Flaggen tragen, in einem Land, das doppelt so groß wie Frankreich ist und in dem mehr als 25 Millionen Menschen leben.“
Dass geopolitische Interessen im Sahel und auch im Rest Afrikas mit Vehemenz vertreten werden, ist richtig. Jede politische Bewegung dort aber auf äußere Einflüsse zurückzuführen, ist nichts anderes als genau der Post-Kolonialismus, der die Welt dahin geführt hat, wo sie jetzt steht. Um es drastisch auszudrücken: Sogar sich selbst in die Scheiße reiten zu können, wird den Afrikanern einmal mehr abgesprochen.
Die Medien in Niger selbst sehen übrigens viel banalere Hintergründe für den undemokratischen Machtwechsel. Laut BBC schreibt die nigrische Zeitung L’Enquêteur, dass Präsident Bazoum geplant hatte, Putsch-General Tchiani zu feuern. Der wollte das wohl nicht akzeptieren.
„Die große Entwicklungshilfe hat nicht funktioniert, weil es auch nie das wirkliche Interesse gab, den Süden zu entwickeln, sondern immer ganz stark das Eigeninteresse eine Rolle spielte“, sagt der Historiker Thomas Spielbüchler im <i>Tageblatt</i>-Interview. Wie wäre es, wenn Europa nicht den 1.000. Brunnen in den Wüstensand bohrt, sondern demokratische Strukturen in Afrika aufbaut und unterstützt, die nicht direkt in sich zusammenfallen, bloß weil ein General um seinen Job fürchtet?