Editorial
Feministische Gesundheitsforderungen sind im Krisenzeitalter wichtiger denn je
Am Sonntag gehen Feminist*innen bei der „Marche féministe“ für das Recht auf Gesundheit auf die Straße. Zahlen und Berichte zeigen, warum das Thema weit darüber hinaus relevant ist.
Bei der diesjährigen „Marche féministe“ am 8. März steht die Gesundheit im Mittelpunkt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Weltweit schlagen Bomben ein. Auch am 8. März, während Menschen mit Plakaten und Protestrufen bei der „Marche féministe“ durch Luxemburgs Straßen ziehen. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Gesundheit als Recht, nicht als Privileg“. Eine Forderung, die angesichts multipler Krisen außen- wie auch innenpolitisch eigentlich längst eine Priorität sein sollte. Die politische Eskalation, die wir derzeit erleben, lässt jedoch anderes vermuten. Gesundheit rückt in den Hintergrund. Machtansprüche haben Vorrang.
Dass Krieg Menschenleben zerstört, ist eine einfache Wahrheit, doch sie verkennt nicht die Komplexität seiner Folgen. Vor allem Frauen und marginalisierte Gruppen leiden, weil sie selbst abseits bewaffneter Konflikte strukturelle Gewalt erleben, die ihre Gesundheit gefährdet. Im Krieg verschärft sich ihre Situation. Laut dem UN-Jahresbericht zu Frauen, Frieden und Sicherheit 2025 spitzt sich die Lage zu.
Inzwischen leben 676 Millionen Frauen in einem Umkreis von 50 Kilometern von gefährlichen Konfliktgebieten. Das ist der höchste Wert seit den 1990er-Jahren – und zum Zeitpunkt der Datenerhebung war der Krieg im Iran noch lediglich eine Befürchtung, keine bittere Realität. Die Zahl der Zivilopfer unter Frauen und Kindern hat sich in den vorangehenden zwei Jahren vervierfacht, die konfliktbedingte sexualisierte Gewalt ist um 87 Prozent gestiegen. Die richtet sich nicht ausschließlich, aber doch häufig gegen Frauen.
Gleichzeitig berichtet die UNO über ein Ungleichgewicht, das Bände spricht: Während die globalen Militärausgaben 2024 auf rund drei Billionen US-Dollar stiegen, erhielten Frauenorganisationen in Konfliktgebieten nur 0,4 Prozent der internationalen Hilfsgelder. „Viele dieser Organisationen an vorderster Front stehen kurz vor der Schließung“, heißt es.
Dabei sollte längst klar sein: Militärische Unterstützung allein rettet keine Menschenleben. Ohne die Arbeit lokaler Hilfseinrichtungen – insbesondere solcher, die sich an Frauen und marginalisierte Gruppen richten – bleiben Schutz, Aufklärung und Versorgung auf der Strecke.
Ebenso entscheidend ist die angemessene gesundheitliche Betreuung von Frauen, die vor Bombardierungen, Repression und sexualisierter Gewalt in Europa Zuflucht suchen. Das ist Teil einer funktionierenden Gesundheitsversorgung für alle. Doch auch das scheint alles andere als selbstverständlich.
Darauf verweist unter anderem Monika Hauser, Gynäkologin und Mitbegründerin der internationalen Frauenrechtsorganisation „medica mondiale“. Sie beschrieb 2024 im Gespräch mit dem Tageblatt, Überlebende sexualisierter Gewalt mit Migrationshintergrund seien in Deutschland mit unzumutbaren Anhörungsbedingungen konfrontiert. In einem solchen Umfeld über Gewalterfahrungen zu sprechen, sei unmöglich. „Ungeschulte Autoritäten interpretieren das als Unglaubwürdigkeit“, warnte Hauser. In Luxemburg existieren ähnliche Probleme. So soll Asylbewerberinnen, die häusliche Gewalt erleben, regelmäßig der Schutzstatus verwehrt werden – trotz Lebensgefahr und entgegen der Istanbul-Konvention, die Luxemburg 2018 ratifiziert hat.
Wenn Feminist*innen und ihre Alliierten am Sonntag für das Recht auf Gesundheit auf die Straße gehen, verlangen sie vieles zugleich – vom kostenfreien Zugang zu Verhütungsmitteln bis zu genderspezifischer Forschung. Die Ansprüche sind berechtigt und wichtig. Nachhaltige Fortschritte sind jedoch nur dann möglich, wenn Gesundheit sowie Frieden endlich über Gier und Gewalt in all ihren Formen stehen.