Editorial

Eine „Datz“ für Luxemburg – An Kindern werden Ungleichheiten zementiert

Wie wir Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten, sollte Messlatte des politischen Erfolgs sein – scheitert die Bildungspolitik, ist es ein Scheitern einer ganzen Regierung

Wie wir Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten, sollte Messlatte des politischen Erfolgs sein – scheitert die Bildungspolitik, ist es ein Scheitern einer ganzen Regierung Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Luxemburg hat die PISA-Studie geschwänzt. Klingt nach einer „Datz“ für Claude Meisch. Doch ist es so einfach? Auf Bildungsministerinnen und Bildungsminister einzudreschen, ist Volkssport in fast jedem Land. In Luxemburg ist das nicht anders. Manchmal ist die Kritik gerechtfertigt. Manchmal greift sie aber zu kurz.

Die Schule und alle Akteure, die Einfluss auf sie nehmen, können die Probleme, die das Groß- und das Erwachsenwerden in unserer Let’s-make-it-happen-Leistungsgesellschaft mit sich bringen, nicht allein lösen. Dafür wirken sich zu viele Faktoren auf die schulische Leistung von Kindern aus. Auf einige davon hat die Schule wenig bis keinen Einfluss. Bildungspolitik kann viel, wenn sie will, aber nun einmal nicht alles.

Von politischer Verantwortung befreit das niemanden. Im Gegenteil. Wie wir Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten, sollte Messlatte des politischen Erfolgs sein. Scheitert die Bildungspolitik, ist es ein Scheitern einer ganzen Regierung. Sind in Luxemburg damit zuletzt eine ganze Reihe an Regierungen gescheitert? Es sieht ganz danach aus.

Im Gespräch mit dem Tageblatt sagt die Sekundarlehrerin und Sprecherin der Lehrergewerkschaft SEW/OGBL, Vera Dockendorff, das Niveau sei „dramatisch“ gesunken, nicht im „Classique“, aber im „Générale“, „Préparatoire“ und auch im „Primaire“. Die schulische Elite scheint zurechtzukommen, während der Rest immer weiter abfällt. Der Fachkräftemangel, den alle beklagen, ist damit made in Luxembourg.

Mit ihrem harten Urteil steht Dockendorff nicht allein da. Das im beruflichen Alltag Erlebte, das Betroffene im vertraulichen Gespräch schildern, lässt keinen Zweifel daran. Der Lehrer, der von dem bei einer der nahezu täglichen Schlägereien abgebissenen Finger erzählt. Die Psychologin, die von den Selbstmordgedanken bei Fünfjährigen berichtet. Das allgemeine Klagen von aufrichtig engagierten Lehrerinnen und Pädagogen, die gleichermaßen vom Fach wie vom Terrain sind, dass alles Jahr für Jahr irgendwie schlimmer wird. Für ihr Lamento haben wir längst die passende Schublade gezimmert, darauf steht: „Lehrer halt“. Die Folgen dieses Weghörens werden immer spürbarer.

Luxemburgs Schulsystem beruht seit jeher auf dem Segregieren von Schülern. Frankofone Kinder erleben in der Grundschule ihre eigene sprachliche Hölle. Später, im „Lycée“, haut das plötzlich in fast allen Fächern eintretende Französisch noch einmal einen guten Teil aus der Bahn. Im „alten“ Luxemburg war das Bürgertum dem Französischen näher, der Plebs dem Deutschen. Sprachlich wurde so die Spreu vom Weizen getrennt, die Durchlässigkeit von einer Schicht zu einer höheren erheblich erschwert. Herr blieb Herr und Max blieb Max.

An dem Prinzip hat sich kaum etwas geändert. Claude Meisch hat eine mehrsprachige Frühförderung und die Einschulung auf Französisch eingeführt. Längst überfällige Schritte – die das Problem aber nicht an der Wurzel packen: Es ist weiterhin der soziale Status, der maßgeblich über schulischen Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Daran erinnert uns in unschöner Regelmäßigkeit unter anderem die OECD.

Die Lehrerinnen und Lehrer müssen damit leben, es ist ihr Job, sie werden dafür bezahlt. Einfach ist das sicher nicht. Die tatsächlich Leidtragenden aber sind jene Kinder, die mit sozialen Nachteilen in das Rennen gehen, das über ihren späteren Werdegang entscheidet. Sie sind nach wie vor zu oft vom Start weg zum Scheitern verurteilt. Wir zementieren die Ungleichheiten weiter. Wenn das kein Scheitern eines ganzen Landes ist, was dann?

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