Editorial
Sind Sie bereits resilient? Oder noch nachhaltig? Von den Tücken politischer Modewörter
Nachhaltigkeit war gestern. Als Vorbereitung auf Krisen muss heute alles resilient sein. Doch die Stärke des politischen Modeworts ist zugleich seine größte Schwäche.
Premierminister Luc Frieden bei der Vorstellung des „Lëtz Prepare“-Leitfadens Foto: Editpress/Julien Garroy
Lange sollte alles nachhaltig sein. Mittlerweile macht ein neues Wort politisch Karriere: Resilienz. Der Unterschied ist bemerkenswert. Nachhaltigkeit versprach eine bessere Zukunft. Resilienz bereitet uns darauf vor, dass die Zukunft schwierig werden könnte.
Inzwischen sollte jeder Haushalt ihn in seinem Briefkasten haben. Vergangene Woche stellten Premier Luc Frieden und Innenminister Léon Gloden (beide CSV) den Leitfaden vor, mit dem die Regierung Land und Leute resilienter machen will. Auf 50 Seiten soll „Mäi Guide fir 72 Stonnen Autonomie“ möglichst viele Menschen dazu bewegen, für den Ernstfall vorzusorgen.
Luc Frieden meinte bei der Vorstellung, eine Krise „betrëfft jiddereen am Land, net just de Staat, mee all Bierger“. Nur wenn alle vorbereitet seien, könne man „als Land weider fonctionéieren, och wann eppes geschitt“, so der Premier. Léon Gloden fügte hinzu: „Déi nächst Kris kënnt bestëmmt.“
Auf welchen Ernstfall bereiten wir uns vor?
Aus „Let’s make it happen“ ist „Lëtz Prepare!“ geworden, mit Ausrufezeichen.
Auf welchen Ernstfall wir uns „preparen“ sollen, bleibt diffus. Als mögliche Szenarien nennt „Mäi Guide“ meteorologische Phänomene, Überschwemmungen, Cyberattacken, terroristische Bedrohungen und einen Atomunfall. Doch resilient müssen wir längst nicht mehr nur gegenüber solchem Ungemach sein. Unsere Wirtschaft soll resilient sein, Menschen sollen gesundheitlich resilient sein und Kinder resilient gegen Stress. Städte, Staaten und Lieferketten sollen es sein, Unternehmen und Institutionen sowieso.
Der Vorteil des politischen Modewortes Resilienz ist gleichzeitig sein Nachteil: Wir können gegenüber so vielem resilient sein, dass wir jedes Mal erklären müssen, was damit eigentlich gemeint ist. Der Begriff verliert mit zunehmender Verbreitung an inhaltlicher Genauigkeit und büßt damit an Aussagekraft ein. Ein Wort, das gleichermaßen eine Notfallreserve, die Stabilität der Wirtschaft, die Klimaanpassung und finanzielle Entlastungen beschreibt, wird zwangsläufig unscharf. Damit erinnert der Begriff an einen berühmten Vorgänger: die Nachhaltigkeit. Auch das wirtschaftspolitische „Resilienzpak“ nach der Tripartite hätte früher vielleicht „Nohaltegkeetspak“ geheißen.
Fokus auf Ursachen gesellschaftlicher Probleme
Resilienz und Nachhaltigkeit waren einmal Spezialbegriffe, deren Bedeutung sich mit der Zeit wandelte und vor allem ausdehnte. Bis irgendwann alles das Label „nachhaltig“ brauchte, so wie es jetzt den Stempel „resilient“ benötigt, um zeitgemäß zu klingen. Der Bedeutungsunterschied zwischen beiden Begriffen ist allerdings beträchtlich. Denn dahinter stehen auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft mit ihrer Zukunft umgehen soll.
Resilienz mag als politische Formel attraktiv sein. Doch wer von Resilienz spricht, lenkt die Aufmerksamkeit vor allem darauf, wie wir mit gesellschaftlichen Problemen umgehen. Und weniger darauf, warum es diese Probleme überhaupt gibt. Das war bei der Nachhaltigkeit noch anders. Sie sollte die Rahmenbedingungen verändern, um künftige Krisen möglichst zu verhindern. Resilienz hingegen stellt die Anpassungsfähigkeit in den Mittelpunkt, auch die des Einzelnen. Nicht mehr nur die Verhältnisse sollen sich ändern. Wir sollen lernen, mit ihnen zurechtzukommen.