Editorial

„Le mouvement lycéen“ als Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Krise

Schülerproteste und Aufstände in den Banlieues sind Symptome ein und derselben Krise und haben dieselben Ursachen. Frankreichs extrem hohe Staatsverschuldung hat die staatlichen Schulen und die sozial benachteiligten Viertel am härtesten getroffen.

Straßenblockade in Brest – die Proteste haben sich auf Städte in ganz Frankreich ausgeweitet

Straßenblockade in Brest – die Proteste haben sich auf Städte in ganz Frankreich ausgeweitet Foto: Fred Tanneau/AFP

Der Funke sprang schnell über. Angefangen hatten die Schülerproteste in Frankreich Mitte September in einem Lycée in Grenoble. Wenige Tage später ging es in Créteil im Südwesten von Paris los, und Ende des Monats schwappten die Proteste auf ganz Frankreich über. Die Schüler demonstrieren gegen die miserablen Zustände an ihren Schulen: marode Gebäude, Schimmel- und Rattenbefall, fehlende Ausstattung und Lehrermangel. In mehr als einem Drittel der 3.700 Lyzeen organisierten sie Aktionen – ohne Drahtzieher von außen.

Aus den Demos wurden Straßenschlachten. Schulen gingen in Flammen auf. Dass etwas faul ist im Staate Frankreich, weiß man schon lange. Da helfen auch keine Vertretungslehrer. Die aktuelle Lage spiegelt nicht nur eine tiefe Bildungskrise wider, sondern zeigt ein Land in der Zerreißprobe – in einer existenziellen Krise. Die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Gebäude, sondern gegen Schulleitungen, Lehrkräfte und andere Repräsentanten des Staates. Wie so oft reagiert der Staat mit Gewalt. Tausende Demonstranten landeten im Polizeigewahrsam.

Nicht die ersten Schülerproteste in Frankreich

Wer kann sich noch an die Schüler- und Studentenproteste erinnern, die sich im November 1986 bis Januar 1987 zur wohl größten Protestbewegung in Frankreich nach 1968 entwickelten? Diese richtete sich gegen eine geplante Bildungsreform der damaligen Regierung – es war die Zeit der „cohabitation“ des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand und des gaullistischen Premierministers Jacques Chirac.

Damals bildete sich eine Allianz aus Studenten und Gymnasiasten, und es kam zu Streiks sowie Schul- und Universitätsbesetzungen. Auch damals überreagierten die Ordnungshüter. Ein Student wurde zu Tode geprügelt. Die Regierung zog das Gesetz zurück, der zuständige Minister reichte seinen Rücktritt ein. Der Protest der vereinten Jugend hatte Erfolg.

Polizeiliche Übergriffe waren ebenfalls die Auslöser der immer wiederkehrenden Wellen von Banlieue-Krawallen wie etwa im Juni 2023, als in Nanterre ein Jugendlicher bei einer Kontrolle getötet wurde, oder bei den bisher größten Unruhen von 2005 nach dem Tod zweier Jugendlicher in Clichy-sous-Bois. Auch die „émeutes“, die sich nicht selten von den Vorstädten in die Zentren verlagern, haben strukturelle Ursachen: soziale Benachteiligung unter anderem in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt sowie mangelnde Zukunftsperspektiven.

Mahnmale der sozialen Ausgrenzung

Aufgrund der massiven Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden einst die Hochhaussiedlungen, gepriesen als architektonischer Ausdruck der Moderne und Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die HLM mutierten aufgrund der infrastrukturellen Mängel spätestens Anfang der 80er Jahre zu Mahnmalen der sozialen Ausgrenzung, postkolonialen Krise und mangelhaften Integrationspolitik – und zu Brennpunkten der Gewalt.

„Les années passent, pourtant tout est toujours à sa place, plus de bitume, donc encore moins d’espace“, rappten Kool Shen und JoeyStarr von Suprême Ntm 1995, in dem Jahr, als Mathieu Kassovitz’ berühmter Film „La Haine“ herauskam. Ihr Refrain ist die Aufforderung zum Handeln: „Mais qu’est-ce, mais qu’est-ce qu’on attend pour foutre le feu?“

Die Schülerproteste und die Aufstände in den Banlieues – beides Symptome ein und derselben Krise, die schon lange schwelt – haben dieselben Ursachen und Wurzeln. Frankreichs extrem hohe Staatsverschuldung hat die staatlichen Schulen und die sozial benachteiligten Viertel am härtesten getroffen. Nun verbinden sich beide Krisen: die der Lycées mit jenen der Banlieues. Aus der Verzweiflung der Jugend ist Wut geworden, die sich entlädt. Dass die friedlichen Proteste in Gewalt münden, war abzusehen.

Während die Linke um „La France insoumise“ die Proteste unterstützt, reagiert die Rechte mit der üblichen „Law and Order“-Rhetorik. Marine Le Pen und Co. hetzen gegen Muslime, ihre Worte wirken wie Brandbeschleuniger. Frankreich ist gespalten, und nächstes Jahr sind Wahlen. Da fallen einem die Liedzeilen von Bérurier Noir aus „Porcherie“ (1985) ein: „Les jeunes emmerdent le Front national!“

2 Kommentare
Manfred Reinertz Barriera 15.10.202608:13 Uhr

Frankreich war schon immer ein sozialer Brennpunkt der Unruhe seit 1789. Der Staat ist seit Jahrzehnten bankrott. Schon seit der Machtübernahme des damaligen Präsidenten Mitterrand geht das Budgetdefizit los und nimmt trotz hoher Steuerlast von Jahr zu Jahr weiter zu...unter allen Regierungen jedweder Couleur

JJ 15.10.202608:07 Uhr

Bildung,Gesundheit,Arbeit.Das sind drei Hauptäste an denen keine Regierung sägen sollte. Wie wär's mit Militär oder Marsbesiedlung.Da kommt schon was in die Kasse.

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