Frankreich
735 Schulen von Protesten betroffen – Regierung nimmt Eltern in die Pflicht
Die Schülerproteste in Frankreich halten an, auch wenn die Zahl der betroffenen Schulen zurückgeht. Neben Forderungen nach besseren Bedingungen kommt es weiterhin zu Ausschreitungen und Angriffen auf Sicherheitskräfte.
Schüler skandieren Parolen, während sie vor einer blockierten Oberschule gegen die mangelnde Ausstattung der Schulen protestieren Foto: Laurent Cipriani/AP/dpa
Die von Gewalt begleiteten Schülerproteste in Frankreich dauern an: Von den 3700 Schulen des Landes waren am Freitag noch 735 von Protesten betroffen, wie Bildungsminister Édouard Geffray mitteilte. Das waren zwar 30 Prozent weniger Schulen als am Donnerstag, es kam neben Blockaden und Protesten aber auch weiterhin zu Gewalttaten, darunter auch brutale Angriffe auf Sicherheitskräfte. Geffray appellierte an die Eltern, ihre Kinder von der Teilnahme an den Ausschreitungen abzuhalten.
Angriffe auf Lehrer und Sicherheitskräfte
In Paris brannten am Freitag die Eingangsbereiche von zwei Schulen. An Schulen in Lyon wurden unter anderem Böller gezündet und Mülltonnen in Brand gesteckt. Nach Angaben von Bildungsminister Geffray wurden drei Schul-Mitarbeiter verletzt. In La Ciotat in Südfrankreich wurde nach Behördenangaben ein Lehrer mit Benzin übergossen und von zwei Angreifern attackiert.
In mindestens zwei Fällen wurden zudem Sicherheitskräfte direkt und brutal angegriffen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall einer Polizeischülerin, die in Paris von mehreren Angreifern zu Boden gestoßen worden war. In Belfort prügelten mehrere Jugendliche auf einen am Boden liegenden Polizisten ein und traten ihm gegen den Kopf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, ein 17-Jähriger wurde festgenommen.
Fast 1.750 Menschen festgenommen
Allein am Freitag wurden nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez 1747 Menschen festgenommen. Seit Beginn der Protestwoche waren rund 2000 Menschen in Polizeigewahrsam genommen worden, rund 90 Prozent von ihnen Minderjährige.
Mindestens 300 Sicherheitskräfte, 170 Jugendliche und 65 Schulmitarbeiter waren nach offiziellen Angaben verletzt worden.
Schüler beklagen fehlende Lehrer und lange Schultage
Vor dem Pariser Gymnasium Turgot blockierten am Freitagmorgen erneut zahlreiche Schüler den Eingang. „Wir wollen bessere Bedingungen, es fallen ständig Lehrer aus und werden nicht ersetzt“, sagte die 15-jährige Anna, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte. „Während der Hitzewelle hatten wir 37 Grad und saßen tagelang im Dunklen – und im Winter frieren wir“, beklagte sie.
Der gleichaltrige Simon erzählte, dass er „ein Jahr lang keinen Bio-Unterricht“ gehabt habe. Außerdem seien die Schultage zu lang und anstrengend. „Wir haben oft von 8.00 bis 18.00 Uhr Schule und müssen dann noch zwei Hausaufgaben machen“, sagte er. „Es gibt allgemein eine große Nervosität und Übermüdung.“
Eltern sollen für Schäden haften
Bildungsminister Geffray traf am Freitag mit Vertretern der Gewerkschaften und der Schülerschaft zusammen. Er kündigte im Anschluss einen Aktionsplan an, um schneller Ersatz für fehlende Lehrkräfte zu organisieren. „Wir können diese Krise nicht ohne eine politische Antwort auf nationaler Ebene beenden“, sagte Gewerkschaftsvertreterin Sophie Vénétitay nach dem Treffen.
Geffray nahm zugleich die Eltern in die Pflicht: „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder nicht mehr auf der Straße sind, weil sie dort in Gefahr sind“, sagte er im Sender BFM. Justizminister Gérald Darmanin kündigte zudem an, die Eltern von Minderjährigen für die verursachten Sachbeschädigungen heranzuziehen. „Wenn Schulen und Bushaltestellen beschädigt und öffentlicher Nahverkehr zum Ziel werden, dann müssen wir künftig die Eltern in die Verantwortung nehmen“, sagte er. Der Justizminister sprach von einer „aktiven und gewaltbereiten Minderheit“, zu der vermutlich auch Nicht-Schüler zählten.
Mehrere Gewerkschaften riefen für Dienstag zu Solidaritätsaktionen mit den Schülerprotesten auf.