Editorial
Beim Bürger wird genau hingeschaut – beim Minett-Kompost jahrelang nicht
Bei falsch getrenntem Biomüll bleibt in Schifflingen die Tonne stehen. Bei Minett-Kompost konnte ein bekanntes Abwasserproblem dagegen jahrelang weiterlaufen. Das beschädigt die Glaubwürdigkeit der Umweltpolitik.
Die Schmutzwasserentsorgung vom Minett-Kompost bereitet seit Jahren Probleme Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Wer in Schifflingen seinen Biomüll falsch trennt, muss mit einer Gelben oder Roten Karte an der Tonne rechnen. Bei Rot wird sie nicht geleert. Um zu erklären, wie es richtig geht, verweist die Gemeinde auf die Internetseite des Minett-Kompost. Bei den Bürgern wird also genau darauf geachtet, was in ihrer Mülltonne landet. Gleichzeitig leitete Minett-Kompost jahrelang belastetes Abwasser in die ohnehin stark beanspruchte Kläranlage und teilweise in den Kiemelbach. Und das, obwohl die Problematik längst bekannt war.
Bei Kontrollen Ende Mai und Anfang Juni stellte das Wasserwirtschaftsamt fest, dass weiterhin belastetes Reinigungswasser, Sickerwasser und Presssäfte falsch abgeleitet wurden. Nun verlangt das Umweltministerium, dass die Einleitungen gestoppt werden. Innerhalb eines Monats soll auch für die übrigen Abwässer eine Lösung gefunden werden.
„Jahrelang hat das niemanden interessiert und jetzt wird alles hinterfragt“, kommentierte Minett-Kompost-Präsident Jeannot Fürpass die Aufforderung des Umweltministeriums auf Tageblatt-Nachfrage. Als Rechtfertigung taugt das nicht – und aus der Verantwortung entlässt es ihn auch nicht.
Die zusätzliche Belastung durch Minett-Kompost entsprach zeitweise dem Abwasser von 20.000 bis 55.000 Einwohnern – bei einer Kläranlage, die damals für 90.000 ausgelegt war. Bis 2024 zahlte Minett-Kompost nicht für die tatsächliche Belastung, die seine Abwässer in der Kläranlage verursachten. Einen Teil der dadurch entstehenden Kosten trugen damit die angeschlossenen Gemeinden und letztlich auch die Allgemeinheit. Gleichzeitig werden Kläranlagen für Millionen erweitert, weil die Bevölkerung wächst und neue Wohnungen gebaut werden sollen.
Hinzu kommt, dass Luxemburg es bei keinem einzigen Gewässer schafft, den von der EU geforderten guten Zustand zu erreichen. Die Alzette – in die der Kiemelbach mündet – ist stark belastet. Weshalb eine Anlage, die selbst dem Umweltschutz dienen soll, über Jahre Teil dieses Problems bleiben konnte, ist unverständlich.
Fürpass sagt, es habe jahrelang niemanden interessiert. Ganz falsch liegt er damit nicht. Denn damit diese Situation über Jahre bestehen konnte, mussten mehr öffentliche Stellen wegschauen als nur die Verantwortlichen von Minett-Kompost. Das Umweltministerium kann sich nicht darauf beschränken, dem Minett-Kompost eine Frist zu setzen. Es muss erklären, warum nicht viel früher konsequent eingegriffen wurde.
Laut einem Sivec-Bericht war spätestens seit 2014 bekannt, dass Minett-Kompost die Kläranlage mit stark belastetem Abwasser zusätzlich beansprucht. Und trotzdem wuchs der Minett-Kompost in den vergangenen Jahren zu einer Anlage heran, die den Biomüll von mehr als der Hälfte der Bevölkerung verarbeitet. Die Stadt Luxemburg trat dem Syndikat 2022 bei. Millionen Euro flossen in neue Infrastruktur, ein großer Teil davon aus öffentlichen Mitteln. Das Wasserwirtschaftsamt weiß seit spätestens 2023 Bescheid, dass Minett-Kompost sein stark belastetes Schmutzwasser in die Natur und in die Kanalisation laufen lässt.
Gleichzeitig fordern öffentliche Institutionen die Bürger dazu auf, ihren Müll besser zu trennen. Diese Sensibilisierungsarbeit funktioniert aber nur, wenn die Menschen darauf vertrauen können, dass ihr getrennt gesammelter Abfall anschließend auch umweltgerecht verarbeitet wird. Eine öffentlich getragene Anlage, die selbst über Jahre die Umwelt belastet, untergräbt dieses Vertrauen.