Editorial

Auf der falschen Spur: Das Auto hat in der Hauptstadt immer noch Vorfahrt

Gleich zwei Veranstaltungen zum Thema Mobilität stehen am Samstag in Luxemburg-Stadt auf dem Programm. Das ist zu begrüßen. Denn bei der konsequenten Förderung des öffentlichen Transports und der sanften Mobilität in der Hauptstadt bleibt noch viel zu tun.

Für die Tram scheint auf der vielbefahrenen Avenue de la Porte-Neuve nach Ansicht der Stadt Luxemburg kein Platz zu sein

Für die Tram scheint auf der vielbefahrenen Avenue de la Porte-Neuve nach Ansicht der Stadt Luxemburg kein Platz zu sein Foto: Editpress/Alain Rischard

Sich für eine sichere Fahrradinfrastruktur und entsprechende Maßnahmen der Politik einsetzen: Das ist das Ziel einer „Vëlo-Manif“, zu der ProVelo am Samstag in der Hauptstadt aufruft. Solche Aktionen sind wichtig – und betreffen auch jene, die nur selten Rad fahren. Denn sie erinnern daran, wie groß der Handlungsbedarf unter anderem in Luxemburg-Stadt weiterhin ist. Trotz aller politischen Bekenntnisse hat das Auto dort nämlich immer noch Vorfahrt.

Wie autoorientiert die Verkehrspolitik der Hauptstadt ist, zeigt das System der Parkvignetten: Anwohnerinnen und Anwohner können außerhalb ihres Wohnviertels im gesamten Stadtgebiet zwei Stunden kostenlos parken; die erste Vignette gibt es gratis. Für die zweite werden 60 Euro, für die dritte 120 Euro fällig. Damit zählt Luxemburg-Stadt zu den großzügigsten Gemeinden des Landes. Andere verlangen bereits für die erste Vignette eine Gebühr oder begrenzen deren Zahl pro Haushalt.

Im März 2024 kündigte Mobilitätsschöffe Patrick Goldschmidt (DP) bei der Präsentation des hauptstädtischen Mobilitätsplans an, dass der öffentliche Transport Priorität habe – und erklärte nur einige Momente später gemeinsam mit Bürgermeisterin Lydie Polfer, die zweite Tramlinie durch die Oberstadt habe „bis 2035 keine Priorität“ und sei „einfach nicht machbar“. Damit wurde ein wichtiges Projekt für den öffentlichen Verkehr auf unbestimmte Zeit vertagt. Immer wieder hatte es zuvor Diskussionen um die zweite Trasse, vor allem um den Teil durch die Avenue de la Porte-Neuve, gegeben.

Apropos Avenue de la Porte-Neuve: Als ProVelo im September 2025 einen autofreien Tag in der Hauptstadt organisieren wollte, stieß der Verein bei der Stadt auf Ablehnung. Insbesondere die Sperrung der viel befahrenen Straße entlang des „Stater Park“ sei nicht infrage gekommen, erklärte danach die Präsidentin von ProVelo, Monique Goldschmit. Und wies darauf hin, dass in Paris zu diesem Anlass die ganzen Champs-Elysées für den Verkehr gesperrt werden. Was anderswo machbar ist, ist in Luxemburg-Stadt offenbar immer noch ein zu großer Schritt.

Wenn dann etwas für die sanfte Mobilität getan wird, handelt es sich immer um Prestigeprojekte, wie etwa die sieben Millionen Euro teure „Passerelle des arts“ auf dem Kirchberg beim Mudam oder die geplante Brücke über das Neudorf. Für deren Bau sind gar 40,1 Millionen Euro veranschlagt. Entscheidend für die Lebensqualität sind jedoch oft weit weniger spektakuläre Maßnahmen: sichere Zebrastreifen, durchgehende Radwege und ein öffentlicher Raum, der nicht in erster Linie auf den Autoverkehr zugeschnitten ist.

Während am Samstag ProVelo mit der „Vëlo-Manif“ auf die Straße geht, feiert die Stadt Luxemburg in Hollerich 100 Jahre städtischen Busbetrieb und 150 Jahre öffentliche Verkehrsmittel. Das ist erfreulich, denn trotz aller Bekenntnisse prägt noch immer vorwiegend das Auto die Verkehrspolitik der Hauptstadt. Wer den öffentlichen Transport und die sanfte Mobilität ernsthaft fördern will, sollte sie aber nicht nur an Jubiläumstagen feiern. Diese sollten jeden Tag von der Politik grünes Licht bekommen.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Die „Energie-Tripartite“ sollte eine Umwelt-Tripartite sein