70 Jahre „Parc merveilleux“

Was hinter dem Freizeitpark steckt

Der „Parc merveilleux“ öffnete seine Türen vor rund 70 Jahren. Heute ist er mehr als nur ein Freizeitpark. Ein Rückblick auf die Anfänge und ein Gespräch über die aktuellen Herausforderungen.

Gehege für afrikanische Ibisse im Zoo, neue Attraktion 2024, naturnahe Vogelhaltung und Artenschutz

Das Gehege für die afrikanischen Ibisse ist eine der diesjährigen Neuheiten Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Eine Landstraße führt mitten durch ein Waldstück. Links und rechts stehen am Seitenstreifen dutzende Autos geparkt. Familien steigen aus. Eltern klappen Kinderwagen auf. Alle spazieren zum selben Ziel: der märchenhafte Turm aus rotem Ziegelstein. Der „Parc merveilleux“ in Bettemburg öffnete vor rund 70 Jahren – im Mai 1956 – erstmals seine Türen. Früher saßen am Eingang noch angekettete Papageien und man konnte auf dem Weiher Tretboot fahren. Seitdem hat sich der Park verändert und weiterentwickelt. Heute gehört er nach wie vor zu Luxemburgs meistbesuchten Attraktionen. Das Tageblatt traf sich mit Tourismusdirektorin Ruth Herber und mit dem Präsidenten der „Association des parents d’enfants mentalement handicapés“ (APEMH), Fernand Haupert.

Haupert leitet die APEMH seit rund 30 Jahren. Die Stiftung übernahm unter seiner Führung den Märchenpark im Jahr 1997. Sie besitzt landesweit Tagesstätten, betreute Wohnungen und beschäftigt ein paar Hundert Mitarbeiter. Ihr Ziel: die Förderung und gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung.

Die Übernahme

In den 90ern befand sich der Bettemburger Park in einer schwierigen Lage. Bei den Besucherzahlen wurden Tiefstwerte verzeichnet. „Meine Frau hatte damals in der Zeitung gelesen, dass das Parkrestaurant pleite sei“, erzählt Haupert. „Wir hatten damals ein Atelier gesucht und haben uns gedacht, dass es nicht die schlechteste Idee wäre, das Restaurant und den Park zu übernehmen.“ Daraufhin traf er sich mit dem damaligen Direktor des „Parc merveilleux“, Marcel Gales, auch Mex genannt.

Familien genießen bunte Attraktionen im Parc Merveilleux Freizeitpark mit Spielplatz und Tiergehegen

Der „Parc merveilleux“ zieht mit seinen Attraktionen vor allem Familien an Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Selbst wenn die APEMH maßgeblich zur Entwicklung des Parks beigetragen hat, will Haupert weder die Stiftung noch sich selbst als Aushängeschild des Märchenparks sehen. Ein Foto von sich in der Zeitung lehnt er ab. „Die Besucher kommen nicht wegen der beeinträchtigten Personen hierhin, sondern wegen der Aktivitäten, die wir anbieten“, sagt Haupert. Mit den Tätigkeiten der APEMH zu werben, sei weder integrativ noch „Sënn vun der Saach“.

Ruth Herber, Tourismusdirektorin des Parc Merveilleux, posiert vor dem Freizeitpark-Eingang

Ruth Herber ist Tourismusdirektorin des Parks Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Herber und Haupert erzählen, dass die Idee zum „Parc merveilleux“ auf den niederländischen Geschäftsmann Willem Ter Braake zurückgehe. Die Kaufleute aus Bettemburg hätten sich dessen Vorhaben Mitte der 50er angeschlossen. „Es wurden Aktien verkauft“, ergänzt Haupert. Die ersten Tiere im Park, darunter Zebras, seien dann für eine Saison geleast worden. In den 70ern erlebte der Park einen ersten Höhepunkt mit jährlich über 200.000 Besuchern. Danach verlor er allmählich seinen Glanz, bis die APEMH Ende der 90er in die Parkleitung einstieg. „Als wir den Park übernahmen, gab es rund 70.000 Besucher. Heute sind es fast 300.000“, berichtet Haupert.

Wo die Grenzen liegen

Die Gemeinde besitzt das Grundstück und die Bäume, die APEMH stellt die Mitarbeiter: Diese Rahmenbedingungen geben vor, in welche Richtung sich der „Parc merveilleux“ überhaupt entwickeln kann. Haupert erinnert sich daran, dass vor der Übernahme durch die APEMH ein chinesischer Akteur den Plan gehabt habe, eine Art Chinatown zu errichten: „Das war jedoch seitens der Gemeinde nicht erwünscht, weil dann die Bäume hätten gefällt werden müssen.“

Die APEMH hat wiederum bei der Auswahl der Tiere Vorbehalte. „Uns wurden weiße Tiger angeboten, aber die nehmen wir nicht, weil das zu gefährlich für unsere Mitarbeiter wäre“, sagt Haupert. Zu den Angestellten ergänzt Herber: „Wir beschäftigen rund 100 beeinträchtigte und 50 festangestellte Mitarbeiter. Während der Saison kommen 50 Studenten und Saisonarbeiter hinzu.“

Besondere Momente

Wenn der Freizeitpark zum Arbeitsplatz wird, kann sich auch die Perspektive verändern. Im Rahmen des Interviews hat sich das Tageblatt daher nach persönlichen Lieblingsorten und Momenten erkundigt. Fernand Haupert schlägt es jede Woche in das Restaurant. Ruth Herber nennt hingegen keinen Ort, sondern eine Lieblingszeit: „Abends um 19 Uhr, wenn alle Besucher gegangen sind und ich eine Runde im Park drehen kann – das ist der schönste Moment. Man geht eine letzte Runde und wünscht den Tieren eine gute Nacht.“

„Ein Ereignis, das ich am lustigsten fand, war, als jemand seine Frau vergessen hatte“, erinnert sich Haupert schmunzelnd, „die Frau hatte so geweint. Der Mann ist dann irgendwann zurückgekommen. Aber dass jemand seine Frau vergisst und es erst nach Thionville merkt, das kommt nicht so oft vor.“

Drei neugierige Waschbären im Tierpark mit über 2.000 Tieren in natürlicher Umgebung

Drei Waschbären unter sich: Insgesamt hält der Park rund 2.000 Tiere Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Finanziell gesehen gehe die Rechnung bislang null auf null auf, sagt Haupert. „Das größte Problem ist der Mangel an Parkplätzen.“ Denn dieser schrecke Besucher ab, auf die der Park angewiesen ist. Daneben wirke sich das Wetter stark auf die Besucherzahlen aus: Wird es zu nass oder zu heiß, kommen Haupert zufolge weniger Gäste. Die Zahlen schwanken demnach je nach Wetterlage zwischen 200 und 2.000 Besuchern pro Tag, so Herber. Als weitere Herausforderung kommt laut Haupert hinzu, dass immer mehr Gemeinden Spielplätze bauen – auf dem Escher „Gaalgebierg“ gibt es zusätzlich einen Tierpark. „Früher waren wir die Einzigen“, sagt Haupert.

T-Rex Fossilien zum Ausgraben für Kinder – spannendes Dino-Ausgrabungsset mit realistischem Tyrannosaurus Rex Modell

Ein T-Rex zum Ausgraben Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

Der Park müsse sich daher ständig weiterentwickeln, um attraktiv zu bleiben. Derzeit werde an einer Vergrößerung des Wasserspielplatzes geplant. „Das ist das Ziel für nächstes Jahr“, sagt Herber. „Es ist wichtig, sich jedes Jahr etwas Neues einfallen zu lassen.“ Dabei sei der Park vor allem bei größeren Projekten von Sponsoren abhängig. Zu den diesjährigen Neuheiten zählen unter anderem ein Gehege für afrikanische Ibisse und ein Spielplatz, wo Dinosaurier-Skelette im Sand ausgegraben werden können.

Auf die Frage hin, ob im Rahmen des 70-jährigen Jubiläums eine weitere Besonderheit geplant sei, kann Herber noch keine Details nennen. Sie kündigt jedoch an: „Wir feiern das mit der Eröffnung im nächsten Jahr.“ 2027 jährt sich ebenfalls die Übernahme durch die APEMH zum 30. Mal.

Eingang zum Parc Merveilleux mit Kasse, Besucher vor dem Freizeitpark in Luxemburg

Der Eingang: Am Anfang wurden Besucher hier zur Kasse gebeten Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa

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