Nach der Cavem-Insolvenz

Wie in Bonneweg wieder Musik erklingt

Nach Wochen voller Unsicherheit erklingen in den früheren Cavem-Räumen in Bonneweg wieder Noten und Klänge. Die Insolvenz hatte Schüler und Lehrkräfte ins Leere fallen lassen – doch ein harter Kern gab nicht auf. Drei Tage nach der Wiedereröffnung erzählen Lehrer von Angst, Zusammenhalt und der Hoffnung auf einen echten Neuanfang.

Team der ehemaligen Cavem-Schule und Luxembourg Music School bereiten sich gemeinsam auf Neuanfang vor

Das Team der ehemaligen Cavem-Schule ist bereit für den Neuanfang – gemeinsam mit der Luxembourg Music School Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Im Schaufenster in Bonneweg kleben noch provisorische DIN-A4-Zettel. „Luxembourg Music School“ steht darauf. Der neue Name wirkt noch frisch, fast vorsichtig, als müsse er selbst erst ankommen in diesen ehemaligen Cavem-Räumen in der rue des Trévires. Doch aus dem Keller ist bereits Schlagzeug zu hören. Vor der Tür befindet sich eine Bank, Nachbarn grüßen im Vorbeigehen, der Musikladen im Eingangsbereich lädt zum Stöbern und Verweilen ein.

Zum Zeitpunkt unseres Treffens mit Klavierlehrer Filipe Galvao und Gitarrenlehrer Eric Deverly sind seit der Wiedereröffnung drei Tage vergangen. In der früheren Cavem ist wieder Leben eingekehrt. Nur das Provisorium an den Fenstern erinnert daran, wie unsicher hier bis zuletzt alles war. „Mir realiséieren et nach net richteg“, sagt Galvao. „Et ass esou vill geschitt.“

Suche nach Lösungen

Nach der Insolvenz der privaten Musikschule im März standen rund 600 Schülerinnen und Schüler ohne Unterricht da. Etwa 15 Lehrkräfte verloren ihre Arbeit. Der damalige Direktor Andreas Marx gilt weiterhin als vermisst. Für die Lehrer begann eine Zeit zwischen Schock, Trauer und hektischer Suche nach Lösungen. „Eng Faillite ass eng Faillite“, sagt Galvao schulterzuckend. Als der Konkursverwalter das Gebäude schloss, sei klar gewesen: So wie bisher geht es nicht weiter. „Mee vun Ufank un hate mir d’Iddi, dass et onbedéngt soll weidergoen.“

Et war komesch, erëm Pianosnouten an der Strooss ze héieren

Filipe Galvao

Klavierlehrer bei der Luxembourg Music School

Filipe Galvao lächelt erleichtert und glücklich, bereit für den Neustart seiner Karriere

Filipe Galvao ist froh und erleichtert, dass es endlich wieder losgehen kann Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Dass es tatsächlich so schnell gehen würde, war lange nicht absehbar. Noch vor vier Wochen sei unklar gewesen, ob der 18. Mai überhaupt zu halten sei. „Mir haten nach net emol de Schlëssel fir an d’Gebai eran“, erzählt Galvao. Ohne Konkursverwalter kam niemand hinein. Alles sollte verkauft werden. In den Räumen herrschte Chaos. Zwei Wochen vor der Wiedereröffnung kam es dann zur Schlüsselübergabe und es wurde geräumt, geputzt, gestrichen.

Glaube an die Zukunft

Am Ende ging es mit der „Luxembourg Music School“ (LMS) weiter. „Mir hate mat dräi verschidde Schoule Kontakt“, sagt Galvao. Bei der LMS habe das Modell gepasst – und vor allem das Gefühl. Intern sei viel diskutiert und abgestimmt worden. „Et huet bal wéi eng Kooperativ fonctionéiert.“

Der Moment, in dem er wieder an die Zukunft glaubte, kam mit einem Schlüsselbund: „Eréischt wéi mir d’Schlësselen haten, hu mir richteg ugefaangen, drun ze gleewen“, sagt Galvao. Von da an sei es jeden Tag besser geworden.

Kollege Eric Deverly hatte während der Schließung Schülerinnen und Schüler zu Hause unterrichtet. Zurück in Bonneweg zu sein, in diesem Gebäude, das seit Jahrzehnten mit Musik verbunden ist, sei etwas anderes. „La réouverture m’a touché le plus“, so Deverly.

Der erste Unterrichtstag

Der erste Unterrichtstag nach der Wiedereröffnung fühlte sich beinahe unwirklich an. „Et war, wéi wann ech ni fort gewiescht wier“, sagt Galvao. Er arbeitet montags normalerweise nicht, kam aber trotzdem. „D’Schüler hu gestraalt“, sagt er. Sogar jene, die sonst manchmal nörgelten, seien froh gewesen. „Ech kéint vu Freed sprangen.“ Und dann war da dieser Klang, der plötzlich wieder zur Straße gehörte: Klaviernoten, Gitarren, Stimmen. „Et war komesch, erëm Pianosnouten an der Strooss ze héieren.“

Die Nachbarn hätten sich ebenfalls gefreut. In den Wochen der Schließung sei es traurig gewesen in Bonneweg, erzählen die Lehrer. Oft hätten sie sich trotzdem vor der Schule getroffen. Man stand da, vor geschlossenen Türen, und wusste nicht, ob sich diese je wieder für Unterricht öffnen würden. Nun sei wieder Leben da. Die Sonne scheint an diesem Tag fast so hell wie die Gesichter der Beteiligten.

Schülerinnen und Schüler freuen sich auf gemeinsames Musizieren in Bonneweg draußen im Grünen

Die Schülerinnen und Schüler können es kaum abwarten, wieder in Bonneweg zu musizieren Foto: Editpress/Hervé Montaigu

„Wie bei einem Autounfall“

Doch die Erleichterung ist nicht ungetrübt. Fünf Lehrkräfte sind nicht mehr dabei. Früher saßen bei Versammlungen 15 oder 16 Personen am Tisch, jetzt sind es insgesamt acht oder neun. „Dat war schonn e Schock“, sagt Galvao. Es gebe freie Säle, Lücken im Stundenplan. Viele Schülerinnen und Schüler seien noch nicht zurück. Manche hätten sich neu orientiert, andere zögerten. Wieder Vertrauen aufzubauen, brauche Zeit.

Galvao vergleicht die Angst mit einem Autounfall. „Wann een eng Kéier en Autosaccident hat, da bleift dat nach laang.“ Man fahre weiter, aber manchmal komme die Erinnerung zurück. So sei es auch jetzt. Die Angst, dass noch einmal etwas schiefgehen könnte, sei da. „Mee mir genéissen all Moment aktuell.“

Berührt haben ihn vor allem die Reaktionen der Menschen. Frühere Schüler meldeten sich. Eltern schrieben Nachrichten. Manche boten Hilfe an, andere Räume. Einige zahlten zwei Monate Unterricht, obwohl sie wahrscheinlich nur zweimal kommen werden. Die Musikschule bietet seit vergangenem Montag ein durchgehendes, zweimonatiges Programm an – bis zur Sommerpause. „Ech hunn all Schüler Merci gesot fir d’Aschreiwung“, sagt Galvao.

Die Anlaufphase

Dass die Cavem mehr als ein Betrieb war, merkt man an diesem Nachmittag immer wieder. Galvao hält manchmal inne, bevor er antwortet. Deverly lächelt durchgehend, betont, wie sehr er an die Musikschule glaubte. Beide sprechen von Familie. Nicht als Floskel, sondern als etwas, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Galvao ist seit 1992 dabei, Deverly seit 2006. „D’Leit sollen hei gär hikommen“, sagt Galvao. Nicht weil sie müssen. Sondern weil sie wollen.

Der schwierigste Teil komme jetzt erst. Die Schule müsse wieder richtig anlaufen. In Bonneweg könnten bis zu 500 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden, doch dafür brauche es Anmeldungen – und wieder mehr Lehrkräfte. Alte oder neue. Wichtig sei, dass sie zur Pädagogik passen. Der Hauptsitz der Luxembourg Music School bleibt vorerst Sandweiler. Wie sich der Standort Bonneweg entwickelt, wird sich zeigen. Im September soll es einen Tag der offenen Tür geben.

Beim Abschied lächelt Galvao. „Mir hate Courage“, sagt er. „Elo hu mer gutt Laun, genéissen all Dag a si frou, dass mir erëm kënne Musek maachen.“

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