Lust auf Lesen
Jacqueline Kornmüller und Maik Brüggemeyer über eine gefallene Medien-Ikone und den späten Geldsegen
Was wir sind, was macht uns aus? Jacqueline Kornmüller und Maik Brüggemeyer reflektieren in zwei fiktionalisierten bzw. fiktiven Biografien die Zeit, in der wir leben, gelebt haben und noch leben werden.
Symbolbild: Auf der Seite „Lust auf Lesen“ gibt es monatlich zwei Buchtipps für Leseratten Foto: Pexels
Ein Abgesang
Er gehörte schon zu den relativ gewichtigen Stimmen im Popkultur-Betrieb. Peter Justen jettete nach London, Paris oder New York, wo er beispielsweise mit Yoko Ono und Michel Houellebecq Interviews führte, um nur zwei jener Berühmtheiten zu nennen, mit denen er auf Tuchfühlung ging. Doch dann rutschte „Pure Pop“, die Hipster-Zeitschrift, für die er mit spitzer Feder Musikkritiken verfasste, in den Bankrott. Und Justen fand sich infolge eines gnadenlosen Zirkelschlusses des Schicksals in genau jener Situation wieder, aus der er in jungen Jahren meinte, glücklich entflohen zu sein.
Das Cover zum Buch: Maik Brüggemeyers „Wie jeder weiss, ist das hier das Nirgendwo“, Ventil Verlag, Mainz 2026 Quelle: Ventil Verlag
Just als er glaubt, in Berlin komplett abzusaufen, bekommt er von Jochen Zeitler Jun., dem frisch gekürten Herausgeber der „Flöthenbecker Volkszeitung“, ein Jobangebot. „Sie kennen unsere Gegend ja aus ihrer Kindheit und Jugend. Aber Flöthenbeck ist nicht so langweilig, wie sie vielleicht glauben mögen“, meint der ehemalige „Pure Pop“-Leser Zeitler aufmunternd, und Justen wähnt sich mit ihm quasi in einem Boot. Er weiß, den Job bei der Lokalzeitung anzunehmen bedeutet „von seiner Berliner Existenz aus gesehen eine Art Verschwinden“. Aber ihm bleibt keine andere Wahl. Denn Versuche, bei anderen Redaktionen in der deutschen Hauptstadt einen Fuß in die Tür zu bekommen, scheiterten nicht zuletzt daran, dass Justen mit Mitte vierzig nicht unbedingt schon zu alt – wohl aber zu weiß und vor allem zu männlich für den Neuanfang in einer Branche ist, die den wild pochenden Puls der Zeit quasi erfunden hat.
Und so wird Justen Lokalreporter. Er zieht zur Untermiete in die nächstbeste Kellerwohnung, die er auf die Schnelle in einem der zahllosen Käffer in der Nähe von Münster in Westfalen anmieten kann – „dreißig Kilometer Luftlinie entfernt von seinem Elternhaus, seinem Fluchtpunkt – Antoniusstraße 15, Türkenbüren.“ Und er beginnt mit dem Sammeln von Demütigungen. Erst baut er mit dem Firmenauto der „Flöthebecker Volkszeitung“ einen peinlichen Unfall, dann fällt er beim Herausgeber Zeitler wegen eines zu salopp formulierten Berichtes über die Eröffnung eines „Erlebnishofes“ in Ungnade und wird dazu abgestellt, Jubiläen und Nachrufe auf Halde zu schreiben. Beständig fühlt sich Justen von Blicken verfolgt sowie als Fremdkörper und Störenfried erachtet. Seine berufliche Krise greift immer weiter aus, erfasst sein ramponiertes Selbstwertgefühl bis ins Grundgefüge und gipfelt in der Aussage: „Immer da, wo ich bin, ist das Nirgendwo“.
Scheitern als (verpasste) Chance
Der erste Eindruck mag trügen – tatsächlich hat der vor allem als Musikjournalist bekannt gewordene Autor Maik Brüggemeyer aber mit „Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo“ einen überaus witzigen, oft auch sarkastischen Roman über den Niedergang, bzw. den Bedeutungsverlust der Popkultur der 1990er bis 2010er Jahre verfasst. Wobei sein Protagonist Peter Justen als Paradebeispiel eines Kunstliebhabers präsentiert wird, der sich sukzessive und beinahe auch buchstäblich in Selbstzweifel auflöst.

Porträt des Autors Maik Brüggemeyer Quelle: Ventil Verlag
Wie bei einer solchen Literatur üblich, strotzt auch Brüggemeyers Prosa mit einem popkulturellen Bezugsrahmen, der mit der Nennung von Bands wie Blur oder Blumfeld und Filmen wie Trainspotting zum einen den Zeitraum absteckt, in dem Justen musikalisch sozialisiert wurde. Zum anderen sorgen Spezifikationen wie die Erwähnung der Büchern „Bound for Glory“ von Woody Guthrie und Jack Kerouacs „Dharma Bums“, bzw. nerdige Verweise auf den „heiligen“ Mark E. Smith von der britschen Kultband The Falle, auf Bob Dylans „Me-Phase“ oder irgendwelche Vinyl-Sonderpressungen der Beatles mit Titeln wie „All Around the World, Vol. 1“ für eine zeitliche Rückbindung sowie insgesamt für eine Art von Doppler-Effekt: Die Fülle an Bezügen, gerade auch in ihrer Masse, macht Justens Selbstbezichtigung als „Parasitenexistenz“ gleichzeitig plausibel wie auf geradezu absurde Weise unfair.
Je nach Standpunkt kann man ihn als arme, weltfremde Wurst betrachten, sozusagen als Füllhorn unnützen Wissens. Oder aber als Kostbarkeit, als einen Schatz, den sich die Gesellschaft in ihrer, auf bloße Zweckdienlichkeit schielenden Blödheit zu heben außerstande sieht. Brüggemeyer überlässt es übrigens seinen Leserinnen und Lesern zur Gänze, auf welche Seite seiner janusköpfigen Geschichte eines lächerlichen Mannes sie sich schlagen wollen. Fest steht dagegen, dass „Wie jeder weiss, ist das hier das Nirgendwo“ jetzt schon zu den interessantesten Büchern des Jahres gezählt werden sollte.
Mit etwas Glück im Leben
Das bayerische Multitalent Jacqueline Kornmüller – Schauspielerin, Regisseurin und Autorin in Personalunion – hat über ihre Großmutter Lina und deren Leidenschaft fürs Lottospielen ein Buch veröffentlicht. Als Grund für den lebenslangen Hang zum Glücksspiel nannte Lina selbst ihre Herkunft aus derart ärmlichen Verhältnissen, dass sie bis zum Ende ihres Lebens immer wieder meinte: „So eine Armut, wie ich als Kind erlebt habe, gehört verboten.“

Das Buch „6 aus 49“ erschien 2025 im Galiani Berlin Verlag Quelle: Galiani Berlin Verlag
Beim Lotto kam Linas besonderes Verhältnis zu Zahlen, bzw. zu einzelnen Zahlen zum Tragen. Weil sie an einem Dreizehnten im Jahr 1911 geboren wurde, nahm diese Zahl einen besonderen Platz in ihrem Leben ein. Als „Bauerntrampl“ trat sie vermutlich schon mit dreizehn Jahren in der tiefsten bayerischen Provinz ihre erste Stelle als schlecht bezahlte Küchenhilfe in einem Bahnhofsrestaurant an. „Sie stand als Erste auf und ging als Letzte zu Bett.“ In der Hoffnung auf einen Geldgewinn, der ihre prekäre Lage auf einen Schlag geändert hätte, begann sie damals Lotto zu spielen. Und zwar das Österreichische, nicht das Deutsche, wegen der höheren Gewinnchancen.
Als nächste berufliche Station nennt Jacqueline Kornmüller das „Münchner Regina Palast Hotel am Maximiliansplatz“, wo Lina als „Kupferwäscherin“ in der Küche arbeitete. Hier soll sie „ihre Liebe zum Hotel“ entdeckt haben. Der Umgang mit den Gästen, deren Kommen und Gehen, machten einen ungeheuren Eindruck auf den Teenager.

Schreibt über die Lotto-Leidenschaft ihrer Großmutter: die Autorin Jacqueline Kornmüller Foto: Vadim Belokovsky
Man kann ruhig mehrere Stationen in Linas Aufstieg zur erfolgreichen Hoteliersfrau überspringen, nicht aber die Nazi-Greuel, deren Zeugin Lina während ihrer Anstellung im „Clausings Post Hotel“ in Garmisch wurde. Es sind diese Episoden der Grausamkeiten, der Herabsetzungen, die in Kornmüllers Buch einen wichtigen Gegenpol bilden zu ihrer oft allzu parteiischen Charakterisierung einer resoluten Frau, die trotz des magischen Denkens in Glückszahlen, das sie aus der Kindheit ins Erwachsenenalter herüberrettete, ihr alles andere als einfache Leben offenbar mit Bravour meisterte. Einen Volltreffer im deutschen Lotto landete Lina übrigens zu einer Zeit, als sie das Geld nicht mehr nötig hatte.