Luxemburg

Der Künstler Omid hält den Kriegsbildern im Iran Erinnerungen und Kultur entgegen

Krieg, Unterdrückung, Proteste: Die negativen Nachrichten aus dem Iran sind momentan allgegenwärtig. Der iranische Künstler Omid, der in Luxemburg lebt, unterstreicht: Der Iran ist mehr als die vermittelten Bilder. Ein Gespräch über Kunst, Gesellschaft und Alltagspoesie.

Foto: Monika Skolimowska/dpa

Symbolbild: Die iranische Kultur ist für den Kunstschaffenden Omid weit mehr als eine Flagge Foto: dpa/Monika Skolimowska

Omid ist Künstler, lebt seit über einem Jahrzehnt in Luxemburg und hat schon an mehreren Ausstellungen im Großherzogtum teilgenommen. Er hat einem Interview mit dem Tageblatt unter der Voraussetzung, anonym zu bleiben, zugestimmt. Zu groß ist die Angst aufgrund der politischen Ungewissheit im Iran – und darüber, was ein öffentliches Gespräch für seine Bekannten sowie seine Familie in der Heimat bedeuten könnte.

Ästhetik im Alltag

Wenn Omid vom Iran als Land spricht, geht es ihm nicht um geografische Daten – etwa wo der Iran auf der Weltkarte liegt –, sondern um die Kultur der Menschen vor Ort: „Selbst im Alltag ist Ästhetik allgegenwärtig, in der Sprache, der Musik, den Gesten, der Gastfreundschaft, den Textilien, der Architektur und der Literatur. All das prägt einen, noch bevor man sich bewusst für Kunst interessiert.“

Manchmal erlaubt Kunst uns, auf würdevolle Weise verletzlich zu sein

Omid

iranischer Künstler

Omid verbrachte seine Kindheit und Jugend in dem westasiatischen Land. Für ihn bedeutet, mit der iranischen Kultur aufzuwachsen, „von Poesie, Symbolik und einer reichen visuellen und emotionalen Welt umgeben zu sein“. So wie in allen Ländern, sagt Omid, sei auch das Leben im Iran komplex – es gebe keine universelle iranische Lebensrealität, doch „viele wachsen mit Gedichten, Sprichwörtern, Liedern, und Geschichten auf, die Teil des emotionalen Vokabulars der Person werden“. Für ihn ist sowohl diese „starke Dimension der Poesie“ als auch die zwischenmenschliche Wärme der Iraner*innen – ob in der Familie, in Freundschaften oder die generelle Gastfreundlichkeit – ein wichtiger Teil seines Werdegangs.

Die Bedeutung von Kunst in der heutigen Zeit

Dies hat auch Omids heutige Leidenschaften in der Kunst geprägt. Zu seinen Hauptinteressen zählt die Idee der Identität – sowohl auf persönlicher Ebene, durch die eigenen Gefühle und Erinnerungen, als auch auf einer kollektiven, durch gemeinsame Erfahrungen der Verdrängung oder Entwurzelung. Er erklärt: „Mich interessiert, wie Kunst Spuren unserer Herkunft, unserer Erlebnisse und dessen, was wir bewahren möchten, in sich trägt.“ Laut Omid kann Kunst Brücken zwischen Menschen bauen. „Sie kann Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede überwinden. Sie kann Komplexität erfassen, ohne sie zu stark zu vereinfachen. Das ist mir sehr wichtig. Manchmal erlaubt Kunst uns, auf würdevolle Weise verletzlich zu sein.“

Kultur vermittelt oft einen viel authentischeren und menschlicheren Eindruck von einem Land als eine abstrakte Beschreibung dessen

Omid wünscht sich, dass Luxemburger*innen iranische Filme, Literatur, Musik, Malerei und Poesie kennenlernen. „Kultur vermittelt oft einen viel authentischeren und menschlicheren Eindruck von einem Land als eine abstrakte Beschreibung dessen“, findet er. In dem Sinne erzählt Omid von drei iranischen Kunstschaffenden, die ihn bewegen.

Drei Quellen der Inspiration

Dazu zählt Forough Farrokhzad, eine iranische Dichterin und Filmregisseurin (1935-1967). Sie verstarb mit 32 Jahren durch eine Autounfall. Trotz ihres jungen Alters inspirieren ihre Werke Omid noch Jahrzehnte später zutiefst: „Sie erinnert mich daran, dass Kunst sanft und stark zugleich sein kann. Sie kann von so persönlichen Erfahrungen sprechen und gleichzeitig etwas Kollektives berühren.“

Farrokhzad schrieb offen über Verlangen und Liebe. Ihre Werke hatten oft einen sozialkritischen Gedanken, indem sie sich besonders mit der Rolle von Mann und Frau beschäftigte. Omid erklärt, dass Farrokhzad „sich nicht hinter Schnörkeln versteckte. Ihre Sprache birgt Schönheit und Wahrheit, und diese Verbindung ist sehr kraftvoll“. Ihre Gedichte sind original in Farsi und wurden unter anderem auf Englisch, Französisch und Deutsch übersetzt. Omids Tipp: „Tavallodi Digar“ („Another Birth“).

Der Filmregisseur Abbas Kiarostami im Jahr 2013

Der Filmregisseur Abbas Kiarostami im Jahr 2013 Foto: Pedro J Pacheco, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Abbas Kiarostami (1940-2016) ist ein international anerkannter Filmregisseur und Dichter – Omid schätzt besonders seine Aufmerksamkeit für Stille. „Seine Filme wirken oft still, bergen aber einen tiefen philosophischen und emotionalen Reichtum. Ich bewundere, wie er durch kleine Gesten, Pausen, Landschaften und alltägliche Momente Bedeutung schafft. Er vertraut dem Zuschauer. Er erzwingt keine Emotionen; er lässt sie entstehen“, sagt Omid. Diese Stille lasse seine Charaktere würdevoll existieren – Menschlichkeit ist nicht inszeniert, sondern durch Mehrdeutigkeit und Unvollständigkeit gegeben. Abbas Kiarostamis Filme sind mit Untertitel in verschiedenen Sprachen zugänglich. Omid empfiehlt „Der Geschmack der Kirsche“ (1997).

Sohrab Sepehri (1928-1980) ist ein weiterer Dichter und Maler, der Omid inspiriert. Landschaften und die Natur sind Leitthemen in seinen Werken. Seine Texte wirken oft wie eine Einladung, genauer hinzusehen, stiller zu werden und die Dinge intensiver wahrzunehmen, sagt Omid: „Er verbindet Natur, Spiritualität, Einfachheit und Wahrnehmung auf feinfühlige Weise.“ Sepehris Gedichte sind original in Farsi geschrieben und unter anderem auf Englisch, Französisch und Deutsch übersetzt Omids Lieblingsgedicht ist „Sedaye Paye Ab“ („The Sound of Water’s Footsteps“).

Ich vermisse bestimmte Formen von Humor, bestimmte Gesprächsrhythmen und das Gefühl, von kulturellen Referenzen umgeben zu sein, die man sofort versteht

„Ich vermisse die sprachliche Umgebung – das Persische ganz natürlich und im Alltag um mich herum zu hören. Ich vermisse bestimmte Formen von Humor, bestimmte Gesprächsrhythmen und das Gefühl, von kulturellen Referenzen umgeben zu sein, die man sofort versteht“, sagt der Künstler. Die emotionale Vertrautheit von zu Hause, die auch zum Beispiel durch Essen oder den Sprachgebrauch aufkomme, fehle ihm – „die kleinen Details, die schwer zu erklären sind, aber leicht zu spüren sind“, erklärt er. „Ich vermisse auch dieses Gefühl der gemeinsamen Erinnerungen, das entsteht, wenn man an dem Ort ist, an dem man aufgewachsen ist.“

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