Flashback

„Abschied von gestern“ und die Geburt des Neuen deutschen Films

Das Tageblatt präsentiert in einer losen Filmserie Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – dieses Mal „Abschied von gestern“. Regisseur, Produzent und Autor Alexander Kluge gehörte neben Kameramann Edgar Reitz zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ von 1962, das mit dem deutschen Kino der Adenauer-Ära abrechnete.

Alexandra Kluge als Hauptfigur in „Abschied von Gestern“ Filmklassiker 1966, deutsches Kino, Porträt Schauspielerin

Alexandra Kluge in „Abschied von gestern“ (1966) Foto: MUBI

Das Kino in der Bundesrepublik Deutschland erlebte in den 50er Jahren eine künstlerische Stagnation. Bis auf wenige Ausnahmen war es noch von einem autoritären Weltbild sowie von Sentimentalität und Wirklichkeitsflucht geprägt. Das vorherrschende Genre der Adenauer-Ära war der Heimatfilm. Anfang der 60er Jahre geriet der westdeutsche Film in eine Krise. Ende Februar 1962 trat bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen eine Gruppe von 26 jungen Regisseuren, Kameraleuten und Produzenten mit einem Manifest hervor. Sie erhoben den Anspruch, „den Neuen deutschen Film zu schaffen“.

Das Manifest stellte einen Wendepunkt dar. „Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden. Dadurch hat der Film die Chance, lebendig zu werden.“ Die jungen Filmemacher beanspruchten neue Freiheiten insbesondere von Konventionen und Bevormundung. Gegen Ende heißt es: „Der alte Film ist tot. Es lebe der neue.“ So wurde ein Plan vorgelegt, mit einem Gesamtetat von fünf Millionen DM zehn Spielfilme zu realisieren. Die Gelder sollten von der „Stiftung Junger Deutscher Film“ verwaltet werden. Das 1965 ins Leben gerufene Kuratorium Junger Deutscher Film förderte in den ersten drei Jahren 20 Spielfilme mit Beträgen von etwa 300.000 DM. Darunter war auch Kluges „Abschied von gestern“.

Die Odyssee der Anita G.

Anita G. besitzt nur einen Koffer. Sie muss um ihr Überleben kämpfen, wird herumgestoßen und ausgegrenzt. „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage“ – mit diesem Schrifttitel beginnt „Abschied von gestern“. Es ist Kluges erster abendfüllender Kinofilm. Immer wieder wird die Handlung von Zwischentiteln und Kommentaren unterbrochen, die der Regisseur selbst gesprochen hat. Der Plot wird in einer kühl-distanzierten und fast dokumentarischen Form in voneinander getrennten Episoden dargestellt. Die Geschichte von Anita G. wird nicht linear, sondern bruchstückhaft und elliptisch erzählt. Sie ist als Kind jüdischer Eltern 1937 in Leipzig geboren und nach deren Rückkehr in der DDR aufgewachsen. Sie arbeitete als Telefonistin, bevor sie in den Westen flieht und dort Fuß zu fassen versucht. Sie wird Krankenschwester, stiehlt eine Jacke und wird deshalb auf Bewährung verurteilt. Sie entflieht ihrer Bewährungshelferin und zieht in eine andere Stadt. Ziellos durchläuft sie die verschiedenen Stationen ihres Lebens.

Als Vertreterin einer Plattenfirma wird Anita Geliebte ihres Chefs (Werner Kreindl). Dieser zeigt sie jedoch seiner Ehefrau zuliebe an. Auch ihren nächsten Job als Zimmermädchen verliert sie. Ihre Einschreibung an der Universität misslingt. Immer wieder versucht sie, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, und scheitert. Als Anita Geliebte des Regierungsrats Pichota (Günter Mack) wird, scheint sich ihr Schicksal zum Besseren zu wenden. Doch als sie von ihm schwanger wird, speist er sie mit hundert Mark ab. Die mittlerweile steckbrieflich Gesuchte zieht von einem Ort zum anderen. Als die Geburt ihres Kindes bevorsteht, stellt sie sich der Polizei. Das Kind wird ihr weggenommen. Ihre Odyssee endet vorerst im Frauengefängnis, wo sie auf ihre Verurteilung wartet. Ein wirklicher Abschied von der Vergangenheit findet nicht statt.

Anita ist wie ein Seismograf, der durch unsere Gesellschaft geht, wie eine Sonde. Ich habe versucht, deren Ausschläge zu registrieren.

Alexander Kluge

Filmemacher

„Abschied von gestern“ basiert auf einem authentischen Justizfall. Kluge hatte ihn bereits in dem Kurzgeschichtenband „Lebensläufe“ aufgegriffen. Beim Dreh improvisierte er viel und arbeitete mit Laiendarstellern zusammen. Zweiter Kameramann neben Reitz, der mit seiner Fernsehserie „Heimat“ bekannt wurde, war Thomas Mauch, der später vor allem mit Werner Herzog arbeitete. Die Hauptrolle übernahm seine Schwester Alexandra Karen. „Anita ist wie ein Seismograf, der durch unsere Gesellschaft geht, wie eine Sonde. Ich habe versucht, deren Ausschläge zu registrieren“, sagt Kluge über die Protagonistin. Die anderen Personen hingegen sind wie Karikaturen, wie etwa der Richter oder der Regierungsrat. Der Film täuscht erst gar nicht vor, Wirklichkeit abzubilden. Seine Verweigerung einer linearen Erzählung erzeugt eine Offenheit für die Realität. Er weckt Assoziationen beim Zuschauer und regt ihn zum Nachdenken an. „Der Film stellt sich im Kopf der Zuschauer zusammen, und er ist nicht ein Kunstwerk, das auf der Leinwand für sich lebt“, so Kluge weiter. „Abschied von gestern“ wurde zum stilbildenden Meilenstein des Neuen deutschen Films und war der erste Langfilm, der nach den im „Oberhausener Manifest“ postulierten Anforderungen entstand. Er bedeutete den Durchbruch der neuen Generation von Filmemachern. Das Manifest, zu dessen Initiatoren Kluge zählt, hatte keine unmittelbaren Auswirkungen, sondern mit einer gewissen Verzögerung. Schließlich hatte der Film seine Uraufführung am 5. September 1966 bei den Filmfestspielen von Venedig, bei denen er mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Neun Tage später war die deutsche Premiere in Mannheim.

Pionier einer neuen Filmästhetik

Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Er studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik in Frankfurt. Auslöser für Kluges filmische Arbeit war nach seinen eigenen Äußerungen Jean-Luc Godards „A bout de souffle“ (1960). Schon sein erster Kurzfilm, „Brutalität in Stein“ (1960), den Kluge bei den Kurzfilmtagen zeigte, lässt Anklänge an die Nouvelle Vague und Merkmale von Kluges Filmästhetik erkennen: etwa die Kommentierung per Voice-over und Zwischentitel. Nach drei weiteren Kurzfilmen entstand „Abschied von gestern“, dessen elliptischer Stil die kontinuierlich fortschreitende Handlung unterläuft und der eine Abkehr von den Konventionen des klassischen Kinos darstellt. Beabsichtigt ist nicht etwa die gefühlsmäßige Anteilnahme des Zuschauers. Dieser soll nach den Prinzipien des von Bertolt Brecht geprägten Epischen Theaters zum Nachdenken angeregt werden und Erkenntnisse über den Zustand der Gesellschaft jener Zeit gewinnen.

Porträt von Alexander Kluge, deutschem Regisseur, Autor und Intellektuellen, vor neutralem Hintergrund

Alexander Kluge Foto: Martin Kraft

Kluges nächster Langfilm „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, 1968 bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt, erörtert vor allem die Möglichkeiten künstlerischer Projekte und den Sinn alternativer, utopischer Kunstentwürfe. Er beschreibt den Weg der Hauptfigur Leni Peickert, die den Zirkus als utopischen Entwurf bewahrt. Aus dem nicht verwendeten Material stellte Kluge einen weiteren Film zusammen, „Die unzähmbare Leni Peickert“ (1970). Zusammen mit Reitz drehte er 1974 „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Wiederum mit Reitz sowie mit Bernhard Sinkel, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff – und unter dem Eindruck der Ereignisse in der Bundesrepublik im Jahr 1977 – entstand „Deutschland im Herbst“. Auch in den darauffolgenden Produktionen knüpfte Kluge an die Ausrichtung dieses Gemeinschaftswerks an.

Mit seiner 2000 erschienenen „Chronik der Gefühle“ lieferte Kluge eine Sammlung seines bis dahin erschienen Werkes. Drei Jahres später erschien mit „Die Lücke, die der Teufel lässt“ eine Zusammenstellung 500 neuer Geschichten, die sich vor allem mit dem 11. September 2001 beschäftigen. 2006 kamen 350 weitere Geschichten unter dem Titel „Tür an Tür mit einem anderen Leben“ hinzu. Später folgten 2012 Poetikvorlesungen an der Uni Frankfurt und 2013 vier Vorträge unter dem Titel „Theorie der Erzählung“. Seine Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“ 2017 in Essen, 2018 in Wien und 2019 im Literaturhaus in München bot eine Werkschau seines künstlerischen Schaffens. Mit der Gründung der dctp, einer Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen, Kulturmagazinen wie „10 vor 11“ oder „Prime-Time/Spätausgabe, „News & Stories“ sowie dctp Reportage und dctp Nachtclub gelang es ihm nach eigenen Worten, „das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“. Kluge starb kürzlich, am 25. März, im Alter von 94 Jahren.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren