Buchkritik

„Im Herzen der Katze“ von Jina Khayyer entführt in den Iran, erzählt von Frauen, Widerstand und Hoffnung

Jina Khayyers Roman „Im Herzen der Katze“ ist eine Abrechnung mit dem Mullah-Regime und eine Liebeserklärung an den Iran. Letzten Sommer erschienen, ist das Buch in diesen Tagen hochaktuell.

Autorin Jina Khayyer präsentiert Debütroman „Im Herzen der Katze“ auf Buchmesse

Jina Khayyers ergreifendes Romandebüt wurde 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert Foto: Heike Steinweg

Als Jina Mahsa Amini im September 2022 von iranischen Sittenwächtern im Gefängnis zu Tode gefoltert wurde, liefen die Menschen auf die Straßen Teherans; es lag Hoffnung in der Luft, dass das Regime bald gestürzt würde.

Für die Autorin ist dies der Ausgangspunkt ihres Romans. Denn die zu Tode gefolterte Kurdin Amini, die Teheran als Touristin bereiste, als sie gefangen genommen wurde, weil ihr Kopftuch angeblich nicht richtig saß und man(n) Haarsträhnen sah, trug denselben Vor-Namen wie die Ich-Erzählerin: „Jina – die, die Leben gibt“.

Für den deutschen Buchpreis nominiert

Jina Khayyers ergreifendes Romandebüt wurde im letzten Jahr für den Deutschen Buchpreis (Longlist) nominiert. In „Im Herzen der Katze“ nimmt Khayyer die Leser:innen mit auf eine Reise in den Iran. Das Buch ist durchzogen von Wehmut, aber vor allem von Liebe zu ihrer Heimat und Wut auf das Regime und seinen Terror.

Es sind die Verbindungen zu den Frauen ihrer Familie, die der Ich-Erzählerin Auftrieb geben. „Die Zeit ist jetzt“, versichert ihr ihre Schwester Roya: „Wir müssen jetzt alle gemeinsam alles tun, was in unserer Möglichkeit steht. Diesmal bringen wir sie zu Fall. Diesmal ist alles anders. Diesmal stehen wir alle füreinander ein. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, so Roya, die im Iran lebt.

In einem Flashback werden die Leser:innen mitgenommen auf ihre Reise in (und durch) den Iran, im Jahr 2000. Die Ankunft schildert die Ich-Erzählerin bestürzend und dennoch witzig: ein Aufprall auf dem Boden der iranischen Realität, in der Frauen allein einen Platz an der Seite ihres Mannes als Hausfrauen haben. „Willkommen im Namen Gottes des Gerechten und Allmächtigen in der Islamischen Republik Iran. Willkommen zu Hause“, empfängt sie der Beamte am Flughafen und als er merkt, dass sie nicht fließend Farsi spricht, wendet er sich an ihre Mutter; er hoffe, dass sie ihrer Tochter wenigstens das Kochen beigebracht habe.

Liebeserklärung an den Iran

Die Düfte, die Koch-Rituale, die Herzlichkeit und Selbstständigkeit ihrer Tanten, die Rosen im Garten ihres Onkels beschreibt die Autorin mit einer von Zuneigung durchzogenen Nostalgie. Zu Hause trinkt sie süßen Zitronensaft und schwärmt vom Geruch der Rosen.

Verrückt, dass in diesem körperbetonten Land, in dieser körperbetonten Kultur, in diesem Iran von heute der Körper verboten ist, Tanz verboten ist, TANZ, im Land der Zoroastrier

Die Ich-Erzählerin in Jina Khayyers‘ Roman

Sie schildert die Widersprüche der iranischen Gesellschaft, in der Körperlichkeit in der Familie omnipräsent ist, während sie in der Öffentlichkeit strengstens verboten ist: „Ich liebe Pina Bausch, ich liebe Tanz, küssen, umarmen, das alles liebe ich. Verrückt, dass in diesem körperbetonten Land, in dieser körperbetonten Kultur, in diesem Iran von heute der Körper verboten ist, Tanz verboten ist, TANZ, im Land der Zoroastrier.“

Beim Blättern in Familienalben dreht sich die Zeit zurück und sie erinnert, wie progressiv auch in Bezug auf Frauenrechte das Land einst war. „Das waren unbeschwerte Zeiten“, so ihre Tante Esmat, die damals (in den 1950ern) schon die Haare kurz trug. „Wir Mädchen waren frei, wir konnten sein und werden, was wir wollten, es herrschte Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Pluralismus wie nie zuvor und nie danach.“ Unter Mossadegh, der in Paris und in der Schweiz studiert habe, sei Teheran eine kosmopolitische Stadt gewesen, in der viele Sprachen nebeneinander existiert hätten.

Das Taxi als Hort des Widerstands

Wie in vielen iranischen Filmen (etwa „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi) ist auch in Khayyers Roman das Taxi ein anderer Ort. So bietet ihr ein Taxifahrer sogar an, ihre (europäische) Musik zu hören. „Mein Taxi ist Freiland.“ – „Das Kostbarste im Iran ist das, was fehlt“, flüstert ein Mädchen im Taxi.

Durch das Land fährt sie Iman, eine androgyne Fremdenführerin, die sich den Kopf wie Sinéad O’Connor rasiert und die Brüste abgebunden hat, um als Mann durchzugehen und sich so den Übergriffen durch das Regime zu entziehen. „Willkommen in Nesf-e-Jahan“, sagt Iman. – „Das nenne ich groß denken“, so die Ich-Erzählerin sarkastisch zu Roya, „iranisch sein bedeutet offenbar auch größenwahnsinnig sein, eine Stadt Die Hälfte der Welt zu nennen, ist stark.“

Die Kontrolle über den Körper der Frau sei das wichtigste Instrument der Islamischen Republik. Die meisten Mullahs hätten nicht mal die Grundschule abgeschlossen, trotzdem regieren sie dieses Land, schimpft Iman. Während des Roadtrips durch den Iran bahnt sich zwischen der Ich-Erzählerin und Iman eine Liebesgeschichte an. Angesichts des repressiven Systems wird diese Verbindung nur in der Möglichkeitsform formuliert: ein Spiel mit dem Feuer. Ob es auf Farsi tatsächlich kein Wort für „lesbisch“ gebe? „Delémoon jekis“, our hearts are one, that’s what we girls say, to say we are gay“, entgegnet ihr Iman.

Total Handmaids’ Tale

In der Schule würden vor allem Mädchen schon früh indoktriniert. „Wir werden hier von gehirngewaschenen Betschwestern unterrichtet, die uns zu guten Islamistinnen erziehen sollen. (...) Total Handmaids’ Tale! Das Einzige, was wir in der Schule lernen, ist, dass Jungs Mädchen überlegen sind.“ Das werde ihnen in Farsi und Arabisch eingebläut. Die iranische Schule sei nur gut, wenn man sich für Naturwissenschaften interessiere, denn Mathematik könnten sie nicht manipulieren, 1 plus 1 ergebe immer 2.

„Ich hab’s satt, dass die Ajatollahs mir sagen, wer ich bin

Nika

Nichte der Ich-Erzählerin

Cover des Romans „Im Herzen der Katze“ von Jina Khayyer, erschienen 2025 bei Suhrkamp Verlag

Jina Khayyers Roman „Im Herzen der Katze“, erschienen bei Suhrkamp im Jahr 2025 Quelle: Suhrkamp Verlag

Die Gespräche während ihrer Fahrt durch das Land sind politisch, etwa, wenn Roya, die ein Internet-Café betreibt, erzählt, wie das Regime immer wieder das Internet abschaltet: Die Ironie des Mullah-Regimes sei, dass der Iran eines der besten Telefonnetze weltweit habe, aber auch die Kontrollgeräte, um die Netze abzuschalten, seien „made in Germany“.

Khayyer vermittelt den Leser:innen in ihrem Roman die Poesie der persischen Sprache: „Poesie ist bei uns existenziell“, sagt Iman. Farsi sei die Sprache der Gefühle. So gebe es mindestens hundert verschiedene Arten, den Liebeskummer auszudrücken.

Die Sprache sei „voller Schönheit und zugleich voller Brutalität“, so Iman. Man führe sich nur vor Augen, welche Wörter sie benutzten, um jemanden den Mund zu verbieten: „chafèshshoh, ersticke an dir selbst, chefeh, ersticke oder Schlangengift“.

In der poetischen Sprache der Ich-Erzählerin liegt Hoffnung, etwa, wenn sie beschreibt, wie die Schatten der Schleier in ihrem Wagen Schatten auf die Straße werfen: „In unseren Mänteln und mit verhülltem Haar sehen Roya und ich aus wie Raupen, die sich über den Boden ziehen. Ich bewege meine Arme, als wären sie Flügel. (...) Jeder Kopf ein Fühler, die Körper übereinander, die Arme angewinkelt, werden wir für einen Augenblick zum Schmetterling.“

In den Fängen der Katze

Iran ist für die Ich-Erzählerin eine Katze – so fragt sie sich, wieso ihre Schwester Roya „ihre Freiheit in die Fänge der Katze legt“.

Hoffnung gibt einem die Generation heranwachsender Frauen, wie ihre Nichte Nika: „Ich hab’s satt, dass die Ajatollahs mir sagen, wer ich bin.“ Sie solle sich keine Sorgen um sie machen. „Stell dir vor, wie schön alles hier wird, wenn Iran endlich frei ist. An dem Tag, an dem die Islamische Republik untergeht und alle Iranerinnen und Iraner aus der ganzen Welt zurückkommen können, wird die Welt kippen, wie eine Wippe, Tante (....).“

Khayyers Roman ist eine poetisch-nostalgische Wutschrift auf eine von religiösen Männern dominierte Gesellschaft und eine Ode an ein Land, das noch nicht verloren ist. Wenn Frau so will, der Roman der Stunde.

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