Alain spannt den Bogen
Frühlingsprogramm mit Schumann und Gekratze statt Musik: Über eine durchwachsene Konzertwoche
Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields bemühten sich um Frühlings-Stimmung, Valerie Fritz überzeugte mit ihrem Cello-Spiel – und dennoch ließen die Auftritte in der Philharmonie zu wünschen übrig.
Der preisgekrönte Geiger Joshua Bell war in der Philharmonie zu Gast Foto: Sébastien Grébille
Unter dem Titel Spring in the Heart of Winter hatten Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields ein recht schlüssiges Programm mit Earth von Kevin Puts, dem 3. Violinkonzert von Camille Saint-Saëns und der 1. Symphonie „Frühlingssymphonie“ von Robert Schumann zusammengestellt. Dass sich ein so richtiges Frühlingsgefühl trotzdem nicht einstellen wollte, lag in erster Linie an der recht rustikalen Interpretation der Schumann-Symphonie.
Interessant, aber nicht überzeugend
Dabei hatte das Konzert sehr vielversprechend mit dem Werk Earth (2023) von Kevin Puts (*1972) angefangen, das mit wunderbar lyrischen Klängen und einer präzisen Klangbalance auftrumpft und durch seine musikalische Schönheit wohl jeden intellektuell resp. experimentell ausgerichteten zeitgenössischen Komponisten vor Schreck erstarren lässt. Der herrliche Klang der Academy mit ihrer silbrig schwebenden Atmosphäre und das grandiose Spiel des Violinisten Joshua Bell boten dem Publikum einen wirklichen Ohrenschmaus. Frühlingsklänge findet man in Saint-Saëns‘ 3. Violinkonzert vor allem im zweiten Satz mit seinen pastoralen Farben, die von den Holzbläsern wunderbar moduliert werden.
Ansonsten ist das Werk relativ spröde. Bell, in Personalunion von Solist und Dirigent, strebt in den Ecksätzen einen eher dunklen Klang an, der exzellent zu der Musik passt. Der Komponist hat hier eine Musik geschaffen, die voller Überraschungen ist und immer wieder neue Wege einschlägt. Der Solist agiert als Primus inter pares, sodass das Violinkonzert in der Interpretation durch Bell und die Academy in jedem Moment recht kompakt und geschlossen wirkt. Das akzentreiche, allerdings wenig brillante Spiel des Orchesters und Joshua Bells zurückgenommene Interpretation verdeutlichen den Kammermusikcharakter, was das Werk dann auch besonders interessant macht.
Allerdings passen die zu grellen Blechbläser im Finalsatz nicht so recht in das dunkelgefärbte Klangbild. Wie oft bei solchen Aufführungen, wo der Solist zugleich als Orchesterleiter fungiert, fehlt die ordnende Hand eines wirklichen Dirigenten, die hier sicherlich ein Plus gewesen wäre. Besonders stark merkte man dies dann in der 1. Symphonie von Robert Schumann, wo Joshua Bell das Orchester von der Position des Konzertmeisters aus dirigierte.
Dies führte, besonders weil Bell hier ein recht schnelles und markantes Tempo anstrebte, zu etlichen Ungenauigkeiten im Orchester. Bell wollte den revolutionären Charakter dieser Symphonie, die einerseits einen deutlichen Bruch mit der Welt Beethovens, andererseits eine Fortführung der Großen C-Dur-Symphonie von Schubert darstellt, wohl doppelt und dreifach unterstreichen. Das schlug aber fehl, denn Bell und die Academy hatten ihr ganzes Pulver schon im ersten Satz verschossen. So laut, grimmig und ruppig habe ich schon lange keine Schumann-Symphonie mehr gehört und, ehrlich gesagt, Bells gutgemeinte Interpretation mit ihren letztendlich ins Leere verpuffenden Effekten konnte mich an keiner Stelle zufriedenstellen. Hier fehlte einerseits das handwerkliche Können, um den Nuancen, Farben und Melodien die notwendige Präsenz und Schlüssigkeit zu verleihen, anderseits vermisste ich das tiefe Verständnis für das Werk selbst.
Sicher, es liegt nahe, dass man als Dirigent heute Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis miteinfließen lässt und sich auch von einem zu romantisch-pathetischen Interpretationskonzept distanziert, aber Bells Ideen sind hier noch nicht so ausgreift, als dass sie wirklich greifen würden. Immerhin ist der Dirigent Joshua Bell hier auf dem richtigen Weg, doch er sollte sich Zeit nehmen, die Symphonien Schumanns, die ja nicht ungefährlich sind, architektonisch und dynamisch besser umzusetzen. Und sie vielleicht nicht unbedingt aus dem Orchester heraus zu dirigieren. Trotzdem, das Konzert der Academy of St. Martin in the Fields, die ich an diesem Abend alles andere als in Bestform erlebt habe, war ein großer Erfolg und wurde vom Publikum am Schluss regelrecht bejubelt.
Hochkarätig: Valerie Fritz und Mario Häring
Auch Rising Star Valerie Fritz, eine junge Cellistin aus Österreich, begnügte sich nicht mit einem 0815-Programm. Für ihre Konzerttournee zusammen mit dem Pianisten Mario Häring hatte sie ein sehr eklektisches Programm zusammengestellt. Den Anfang machte Melencolia 1 des italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino, es folgten zwei Werke von den Komponistinnen Rebecca Clarke und Jennifer Walshe sowie César Francks Violinsonate (hier in der Bearbeitung für Cello von Jules Delsart). Das Konzert mit Sciarrinos Melencolia 1 zu beginnen, ist ein Sprung ins kalte Wasser. Der Hörer wird mit einer unglaublich intensiven, komplexen und modernen Musik konfrontiert, die sich als Monodrama für Cello und Klavier mit der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, dem Traum und der Wirklichkeit auseinandersetzt.

Cellistin Valerie Fritz begeisterte mit einem sehr eklektischen Programm Foto: Sébastien Grébille
„Alles was ist, endet“ heißt es in Wagners Ring des Nibelungen. Sciarrino bezieht sich in seiner Komposition, bei der die Musik scheinbar immer nur im Kreise dreht, es kein wirkliches Weiterkommen gibt und die sich am Schluss einfach auflöst, einerseits auf Dürers weltbekannten gleichnamigen Stich und auf seine eigene Komposition Vanitas, die sich mit den gleichen Themen auseinandersetzt. Ein also sehr gewagter Einstand, der beiden Künstlern durch ihr sehr eindringliches Spiel gelingt.
Rebecca Clarkes Viola-Sonate, hier in der Bearbeitung für Cello, stimmt da schon versöhnlicher und offenbart zugleich die große Gestaltungskraft und Musikalität der beiden Musiker, die dieses Werk dann auch sehr partnerschaftlich und gleichberechtigt angehen. Überhaupt ist diese Sonate ein fantastisches Werk, das eigentlich zum Repertoire jedes Cellisten und Pianisten gehören müsste. Denn die Musik ist orginell und hervorragend auskomponiert. Besonders interessant: Sie überrascht den Hörer immer wieder mit neuen Wendungen und man weiß eigentlich nie genau, worauf die Komponistin zusteuert. Valerie Fritz verzückt mit ihrem wunderbaren, armen Klang, während Mario Häring die vielschichtigen Stimmungen sehr gut auf seinem Klavier wiederzugeben versteht.
Keine Musik, sondern Gekratze
Die zweite Konzerthälfte beginnt mit Jennifer Walshes The Sheer Task of Being Alive for Solo und wurde für Valerie Fritz komponiert. Walshes Werk hat mit Musik leider wenig zu tun; Cellogekratze, gesprochener resp. gespielter Text und ein bisschen Aktionskunst untermalen den belanglosen Monlog eines Astronauten bei seinem Spaziergang im All. Am Ende fragt man sich: Ist das Kunst oder kann das weg? Auf eine Konzertbühne gehört The Sheer Task of Being Alive nicht unbedingt, auch wenn man das ironisch gemeinte Werk nicht zu ernst zu nehmen braucht.

Eindrücke vom Konzert der Academy of St. Martin in the Fields in der Philharmonie Foto: Sébastien Grébille
Walshes Werk hat mit Musik leider wenig zu tun; Cellogekratze, gesprochener resp. gespielter Text und ein bisschen Aktionskunst untermalen den belanglosen Monolog eines Astronauten bei seinem Spaziergang im All. Am Ende fragt man sich: Ist das Kunst oder kann das weg?
Alain Steffen
Konzertkritiker
Den Abschluss macht dann César Francks Violinsonate, wie schon gesagt, hier in der Bearbeitung für Cello von Jules Delsart aus dem Jahre 1887, mit der wir nach dem Ausflug ins All wieder musikalischen Boden betreten. Das Cello passt hervorragend zu dem musikalischen Gehalt des Werkes und zu den Farben, die Francks Musik auszeichnen. Grandios auch hier die Interpretation von Valerie Fritz, die insbesondere in den Sätzen 2 bis 4 wahre Wunder vollbringt. Das dynamische Klavierspiel von Mario Häring ist ein großer Gewinn, denn das partnerschaftliche und dialogfreudige Zusammenspiel zeigt dem Publikum in jedem Moment, dass hier zwei außergewöhnlich talentierte Musiker auf der Bühne stehen. Für den herzlichen Applaus bedankten sich beide Musiker dann mit einer ungewöhnlichen Zugabe, nämlich dem Presto der Drei Stücke für Cello und Klavier von Nadia Boulanger.

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