Alain spannt den Bogen

Erstklassig und innovativ: Kammermusik in der Philharmonie

Zwei ebenso erstklassige wie außergewöhnliche Kammermusikkonzerte erwarteten das Publikum diese Woche in der Philharmonie: Der Pianist Pierre-Laurent Aimard widmete sich Kurtag, Bach und Schubert, während das Trio Louvigny in zum Teil erweiterter Besetzung selten aufgeführte Werke von Ernö von Dohnányi und Germaine Tailleferre sowie ein spannendes zeitgenössisches Stück von Camille Kerger vorstellte.

Pierre-Laurent Aimard am Flügel während Konzert in der Philharmonie, französischer Pianist live zu Gast

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard war am vergangenen Mittwoch in der Philharmonie zu Gast Foto: Sebastien Grebille

Alain Steffens präsentiert Klassik-Rubrik im Tageblatt mit Musiknoten und klassischem Notenblatt im Hintergrund

Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Tageblatt

Ein wichtiges Element im Schaffen von György Kurtág ist das Spiel, das Spiel mit Klängen, das Spiel mit Regeln, das Spiel als Rückbesinnung auf das Kindliche und das Menschliche. Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard setzte in seinem Konzert vom vergangenen Mittwoch Kurtágs Jákétok-Miniaturen in einen herausfordernden musikalischen Dialog mit dem strengen Regelwerk des Wohltemperierten Klaviers Buch 1 von Johann Sebastian Bach und den Tänzen von Franz Schubert.

Kurtág im Dialog mit Bach und Schubert

Wenn Pierre-Laurent Aimard ein Konzert gibt, dann muss man sich immer auf etwas Außergewöhnliches einstellen. Heute waren es einerseits der Dialog Kurtág-Bach und andererseits der Dialog Kurtág-Schubert, die dem Publikum ein ungewöhnliches Hörerlebnis boten. Kurtágs Játékot (Spiele) ist kein Zyklus, sondern eher eine Sammlung von kleinen Klavierstücken, die zwischen einigen Sekunden und drei Minuten dauern. Zwischen 1973 und 2017 wurden insgesamt neun Bände veröffentlicht, wobei zwei Bände Stücke für vierhändiges Klavier bzw. zwei Klaviere enthalten.

Dabei orientiert sich Kurtág an dem grenzenlos freien Klavierspiel der Kinder, die einfach die Musik ausprobieren. Diese Freiheit, Grenzen zu überschreiten, überlässt er auch dem Interpreten. Richtig? Falsch? Hier geht es ums Spielen und nur ums Spielen. Erstaunlicherweise passten diese Stücke sehr gut zu Bachs Wohltemperiertem Klavier, von dem Aimard Präludien und Fugen zwischensetzte und so einen eigenen Klangkosmos schuf. Warum Aimard allerdings viel Pedal bei Bachs Musik einsetzte, bleibt offen. Wahrscheinlich wollte er so den Klang direkt und nahtlos in die Kurtág-Stücke überfließen lassen.

Nach der Pause war es dann Franz Schubert, der in den Dialog mit dem ungarischen Komponisten trat. Aimard hatte hierfür Auszüge aus den 38 Walzern, Ländlern und Ecosaisen op. 18 D 145 sowie den 16 Deutschen Tänzen und zwei Ecossaisen op. 33 D 783 und den Wiener Damen-Ländler und Ecossaisen op. 67 D 734 gewählt, die durch ihre Unbekümmertheit perfekt zum Gedanken des Spiels passten. Die Schubert-Interpretationen waren für meinen Geschmack zu nüchtern und zu akademisch, hier vermisste ich den romantischen Impuls und auch die typischen Schubert-Farben. Aber insgesamt ging Aimards Rechnung auf; für den Zuhörer relativierten sich plötzlich die Stile und Bach rückte sehr nahe an Kurtág heran, ebenso Franz Schubert. Die Erfahrung, dass sich das Empfinden von Musik sehr stark auf die Zusammensetzung der jeweiligen Werke auswirken kann und verschiedene Stile ähnlich interagieren können wie verschiedene Farbkompositionen, war es dann auch wert, dieses Konzert besucht und aufmerksam verfolgt zu haben. Leider war diese Herausforderung nicht nach jedermanns Geschmack, denn nach der Pause hatten sich die Reihen im Kammermusiksaal deutlich gelichtet. Doch für die, die bis zum Schluss geblieben sind, war es eine wunderbare Konzerterfahrung.

Kammermusikkonzert mit drei außergewöhnlichen Werken

Musikalische Brücken zwischen verschiedenen Stilen wurden auch in unserem folgenden Konzert geschlagen. Unter dem Titel Bridges vereinte das „erweiterte“ Trio Louvigny Werke von Ernö von Dohnányi, Camille Kerger und Germaine Tailleferre. Das Konzert begann mit der Serenade für Violine, Bratsche und Cello op. 10 aus dem Jahre 1902 von Ernö von Dohnanyi. Mit diesem Werk schlägt der ungarische Komponist, anders als seine beiden progressiveren Kollegen Bartók und Kodály, eine Brücke zurück zur Romantik.

Das fünfsätzige Werk ist stark geprägt von den Einflüssen eines Brahms und Schumann, besitzt aber eine eigene Sprache und beeindruckt durch kompositorische Geschlossenheit. Fabian Perdichizzi (Violine), Ilan Schneider (Bratsche) und Ilia Laporev (Cello) erweisen sich als bestens eingespieltes Team, bei dem jede Stimme ihre Wichtigkeit hat. Es ist eine Freude, den Musikern zuzuhören, denn ihre Kommunikation ist perfekt und die Art und Weise, wie sie sich die musikalischen Bälle zuspielen, ist ebenso überragend wie natürlich.

Einen sehr natürlichen und organischen Atem besitzt dann auch Camille Kergers Klavierquintett „Fliessen, zerfliessen“ aus dem Jahre 2016. Das Auftragswerk der Amis de l’Orchestre Philharmonique du Luxembourg ist ein sehr dynamisches Stück, bei dem die Entwicklung der Musik nicht vorhersehbar ist und so den Zuhörer auf eine spannende Musikreise mitnimmt. Die Musik erinnert an ein Spiel, bei dem sich die Partner spontan neue Ideen einfallen lassen, sie umsetzen, ausprobieren, um dann immer wieder, quasi unisono, zusammenzufinden.

Das Trio Louvigny spielt live Konzert in der Philharmonie, klassische Musik, Klavier, Violine und Cello

Das Trio Louvigny bei seinem Konzert in der Philharmonie Foto: Philharmonie Luxembourg / Sébastien Grébille

Wo die Musik hingeht, in welche Richtung die Spieler sie leiten, scheint offenzubleiben. Das Klavier fungiert quasi als Ideengeber und Beobachter, gibt dem musikalischen Fluss einen gewissen Rahmen. Und erst am Schluss finden dann Streichquartett und Klavier zusammen und beschließen das Werk einvernehmlich. Kerger gelingt hier das Kunststück, eine moderne Sprache spielerisch (in doppeltem Sinne) so umzusetzen, dass die Musik organisch wächst und fließt und das Publikum in jedem Moment mühelos folgen kann.

Das Trio Louvigny spielt „Fliessen, zerfliessen“ mit Cesar Laporev (Violine) und Pascal Meyer (Klavier); die fünf Musiker finden schnell zu einem sehr dichten, virtuosen und durchgehend brillanten Spiel zusammen, was dann natürlich der Dynamik der Musik selbst sehr entgegenkommt und sie mit Improvisationscharakter und Lebendigkeit füllt. Zum Schluss dann das kurze Klavierquintett mit dem Originaltitel „Fantaisie sur un thème donné de Georges Caussade pour quintette avec piano“ von Germaine Tailleferre aus dem Jahr 1912. Dieses kurze neoklassische Stück, das die Komponistin mit 20 Jahren geschrieben hat, zeigt bereits ihre große Kunst, Altes mit Neuem auf sehr individueller „französischer“ Art zu verbinden, die aber erst in späteren Werken so richtig zur Geltung kommen soll. Auch hier glänzten die fünf Musiker durch eine spielfreudige und technisch brillante Interpretation, die vor allem, wie auch die beiden anderen Werke, durch die Innenspannung und die Kommunikation der Musiker untereinander lebte.

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