In Luxemburgs Kinos
Warum das Filmdrama „Hamnet“ einen Luxemburger Buchklub zum Weinen brachte
„Hamnet“ erzählt die fiktive Ursprungsgeschichte von Shakespeares Theaterstück „Hamlet“. Das Filmdrama über den Verlust eines eigenen Kindes ist eine Adaption des gleichnamigen Buches von Maggie O‘Farrell. Eine Filmkritik im Gespräch mit dem „Literary Baddies Book Club“.
Zentrale Figur in „Hamnet“: Jessie Buckley (M.) spielt Agnes, Shakespeares Ehefrau Foto: Agata Grzybowska/Copright: 2025 Focus Features LLC. All rights reserved.
„Die Tränen flossen, als Shakespeare nach Hause kam und sein verstorbenes Kind sah“, sagt Gabriela Zuntová. Anfang Februar las sie mit ihrem Buchklub, den Literary Baddies, „Hamnet“ von Maggie O’Farrell – anschließend ging es dann mit allen ins Kino. Obwohl die Mitglieder die tragische Geschichte kannten, blieb kein Auge trocken.
„Hamnet“ ist ein Filmdrama von Chloé Zhao, der Regisseurin, die im Jahr 2021 als zweite Frau in der Geschichte den „Beste Regie“-Oscar mit „Nomadland“ (2020) gewann. Anne Hathaway (Jessy Buckley), die meist mit ihrem Spitznamen Agnes angesprochen wird, und William Shakespeare (Paul Mescal) sind die Protagonisten der Filmtragödie. Sie verlieben sich auf dem Land, bekommen ihr erstes Kind, dann Zwillinge. William vertieft sich in seine Arbeit als Schreiber und verreist dafür öfters nach London – es ist beinahe zwanghaft, da das Dorf ihm nicht die kreativen Möglichkeiten der britischen Hauptstadt bieten kann. Agnes hingegen wird als Waldhexe vorgestellt. Obwohl sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihrer Stieffamilie aufwuchs, brachte ihre leibliche Mutter ihr die Nähe zur und viel Wissen über die Natur bei. Dafür wird sie jedoch von vielen missachtet.
Paul Mescal in „Hamnet“ Quelle: imdb.com
Diese Liebesgeschichte entfaltet sich durch die gegenseitige Akzeptanz der Protagonisten. Als jedoch eines ihrer Kinder verstirbt, verändert sich alles. Zwischen den beiden bildet sich ein Graben.
„Hamnet“ ist ein eher langsamer Film mit ungewohntem Rhythmus, doch mit beeindruckenden schauspielerischen Leistungen. In den Hauptrollen sind die bereits erwähnten Jessie Buckley und Paul Mescal sowie Emily Watson und der 12-jährige Noah Jupe zu sehen. Die Charaktere sind nuanciert, agieren manchmal widersprüchlich und wirken dadurch so menschlich. Obwohl sich die Tragödie im 16. Jahrhundert abspielt, fühlt sich die Geschichte nah und real an.
Zwischen Fiktion und Geschichte
Inspiriert an der Realität, füllt „Hamnet“ historische Lücken mit Fiktion. Es ist bekannt, dass Shakespeare eine Frau namens Anne Hathaway und drei Kinder hatte, doch über deren genaue Geschichte und Persönlichkeiten ist nichts bekannt. Man weiß nur, dass Shakespeares Sohn Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren verstarb. Maggie O’Farrell bediente sich an diesen historischen Fakten und stellte sich vor, was wohl vorgefallen sein könnte. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die davon erzählt, wie verschiedene Menschen mit Trauer umgehen.
Das Buch sei schon ziemlich anders als der Film – „sodass man Paul Mescal mehr sieht“, sagt Gabriela mit einem Lächeln. Im Buch ist Shakespeare nämlich eher ein Nebencharakter und Agnes steht klar im Mittelpunkt. Das Buch sei auch nicht chronologisch in der Erzählung: So wird Spannung ganz anders als im linearen Film aufgebaut.
Eine erfolgreiche Buch-Adaption
Der größte Unterschied jedoch ist, dass im Buch nicht nur die Trauer der Eltern, sondern auch die der Geschwister klar gezeigt wird. Während der Vater in London verschwindet und die Mutter in tiefer Trauer weilt, übernimmt die Älteste den Haushalt und die Jüngste ist von Schuldgefühlen überwältigt.
Zum „Literary Baddies Book Club“
Der „Literary Baddies Book Club“ nahm im Februar 2025 mit einem TikTok-Video seinen Lauf: Die Gründerin Gabriela Zuntová sprach dort von der Idee eines luxemburgischen Buchklubs und fütterte den Algorithmus damit. „Viele waren interessiert“, sagt sie, „und so entstand der Buchklub. Er bildet eine eigene, kleine Community. Menschen kommen auch einfach, um Freunde zu sehen oder neue Personen in Luxemburg kennenzulernen.“
Das nächste Meeting der Gruppe ist am 3. März. Das Buch? „Crime and Punishment“ von Fjodor Dostojewski. Interessierte können den Klub via @literary.baddies auf Instagram kontaktieren. Mehr Infos gibt es auch unter www.vdl.lu/en/whats-on/literary-baddies-book-club.
All diese Unterschiede und Thematiken wurden bereits bei einem Treffen Anfang Februar besprochen. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat in der Buvette der Rotondes in Luxemburg-Stadt und diskutieren bei Kaffee und Tee über Literatur. Anschließend wählen alle zusammen das nächste Buch aus. Gabriela berichtet, dass in der Regel rund zehn Personen pro Treffen dabei sind und die Diskussionen üblicherweise auf Englisch stattfinden. „Hamnet“ stieß jedoch auf großes Interesse – und es fanden rund 17 Literaturfans zusammen.

Einmal im Monat findet ein Treffen in den Rotondes statt Foto: Gabriela Zuntová
Ein feministisches Werk?
Obwohl der Film keine klare feministische Botschaft hat, erkennt man gewisse Verhaltensmuster bei den Charakteren. Viele Klubmitglieder merkten an, Shakespeares Verhalten erfülle Stereotypen: Ein Mann spricht nicht über Gefühle, zieht sich zurück, sucht nicht den Zusammenhalt in der eigenen Familie oder Gemeinschaft. Die Kritik steht im Raum, doch Gabriela weist auf einen weiteren Aspekt der Erzählung – besonders im Buch – hin: Die Geschichte befasse sich auch mit der gesellschaftlichen Missgunst gegenüber Agnes. „Immer wieder sehen wir, wie Frauen, die etwas aus der Reihe tanzen, verpönt werden“, sagt Gabriela. „Darin erkenne ich die feministische Kritik der Autorin.“
Mit acht Oscar- und zahlreichen weiteren Nominierungen hat der Film einen Erfolg in der Award-Season vorzuweisen. Für alle, die „Hamnet“ noch auf der großen Leinwand sehen wollen, hier ein letzter Tipp: Die Taschentücher bitte nicht vergessen.
„Hamnet“ ist zurzeit in Luxemburgs Kinos zu sehen.