Family of Man
Kulturminister Eric Thill verbreitet mutmaßlich Fehlinformationen an Abgeordnete
Kulturminister Eric Thill hat auf die parlamentarische Anfrage zur „Family of Man“ geantwortet. Die Klimawerte seien stets kontrolliert worden, die Grenzwerte nie dauerhaft überschritten, kein Werk beschädigt. Dokumente, die dem Tageblatt vorliegen, zeichnen ein anderes Bild – und werfen die Frage nach der Verantwortung auf.
Die „Family of Man“ kann in ihrer derzeitigen Form seit 2013 im Schloss in Clerf besichtigt werden Foto: Editpress-Archiv/Pierre Matgé
Die „Family of Man“ in Clerf gehört zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Im Sommer 2025 fiel die Klimaanlage in der Ausstellung aus. Kulturminister Eric Thill versicherte dem Parlament vergangene Woche, die Grenzwerte seien zu keinem Zeitpunkt dauerhaft überschritten worden. Das stimmt nicht.
Die CSV-Abgeordnete Stéphanie Weydert (CSV) hatte in einer parlamentarischen Anfrage vom 26. Februar an das Kulturministerium verschiedene Probleme bei der Ausstellung aufgeworfen. Neben fragwürdigen Veränderungen beim Personal ging es unter anderem um eine defekte Klimaanlage. Die Temperatur- und Feuchtigkeitsstabilität der Räume ist für die Konservierung des empfindlichen Fotopapiers überaus wichtig.
In seiner Antwort vom 6. März 2026 erklärt Thill: Bei der Wartung im Juli 2025 sei festgestellt worden, dass einer der beiden Kompressoren der Klimaanlage defekt gewesen sei. Der zweite habe dessen Funktion übernommen – unter voller Auslastung, aber mit garantierter Stabilität. Am 25. Juli seien vier Entfeuchter installiert worden. Die Grenzwerte für Temperatur und Luftfeuchtigkeit seien zu keinem Zeitpunkt dauerhaft überschritten worden. So hatte es CNA-Direktor Gilles Zeimet dem Tageblatt gegenüber in einem persönlichen Interview am 2. März ebenfalls beschrieben. Nach unseren Recherchen sind diese Informationen falsch.
Die Protokolle der Feuchtigkeitsmessungen aus dem Juli 2025, die dem Tageblatt mittlerweile vorliegen, zeigen nämlich etwas anderes. Ab dem 11. Juli steigt die relative Luftfeuchtigkeit in den Ausstellungsräumen stark an – und erreicht Werte von bis zu 70 Prozent. Die vom CNA selbst genannten Konservierungsstandards für fotografische Originale liegen bei 45 bis 55 Prozent. Noch Ende Juli ist die Situation nicht stabilisiert.
Falsch informiert oder falsch informiert?
Eine E-Mail der für die technische Wartung zuständigen Firma vom 21. Juli 2025 belegt zudem, dass zu diesem Zeitpunkt beide Kompressoren ausgefallen waren – nicht nur einer, wie die Ministerantwort suggeriert. Wenn beide Kompressoren ausgefallen waren, konnte keiner den anderen ausgleichen.
Aus diesem Widerspruch ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder hat CNA-Direktor Gilles Zeimet den Minister falsch informiert, und Thill hat dem Parlament eine Darstellung weitergegeben, die er selbst für korrekt hielt. Oder der Minister war vollständig informiert und hat dem Parlament eine Version der Ereignisse präsentiert, die mit den vorliegenden Dokumenten nicht übereinstimmt. Eine dritte Möglichkeit lassen die Dokumente nicht zu.
Beide Szenarien sind beunruhigend: Im ersten Fall zeigt sich, wie wenig ein Minister imstande ist, den tatsächlichen Zustand eines Kulturguts zu beurteilen, wenn er auf die Berichte einer nachgeordneten Behörde angewiesen ist. Im zweiten Fall handelt es sich um eine Fehlinformation des Parlaments in einer Angelegenheit, die das Unesco-Welterbe des Landes betrifft.
Möglicher Schaden am Welterbe
Was der nasse Hitzeschub für Objekte bedeutet, die seit den 1950er-Jahren existieren, beschreibt die Konservierungswissenschaft nüchtern: Hohe Luftfeuchtigkeit über längere Zeiträume begünstigt Schimmelbildung, beschleunigt chemischen Abbau, kann Verformungen und Haftungsprobleme verursachen. Keiner dieser Schäden ist zwingend sofort sichtbar. Manche zeigen sich erst Jahre später.
Das CNA und der Minister bestreiten, dass Werke zu Schaden kamen. Das letzte systematische Monitoring der Sammlung liegt nach Tageblatt-Informationen allerdings rund sechs Jahre zurück. Wie man ohne aktuelle Zustandsdokumentation mit Sicherheit sagen kann, dass nichts beschädigt wurde, bleibt offen.
Ebenfalls unbeantwortet bleibt die Frage nach der laufenden Digitalisierungskampagne mit der britischen Firma Genus: Über Kosten, Ausschreibung und Qualitätskriterien ist weiterhin nichts bekannt. Nach Tageblatt-Informationen wurde die Zusammenarbeit mit Genus in der Woche vom 2. März terminiert. Zeimet hatte mit der Digitalisierungskampagne die spätere Eröffnung der Ausstellung in diesem Jahr begründet.