Erhöhte Suchtgefahr
Dietmar Dath: Skyrmionen – Sprache, KI und literarische Höchstleistung
Er ist wuchtig, er ist schwer, er hat alles vom Kalauer bis zum intelligenten Wortspiel – und er ist eine Herausforderung an die eingeschlafenen Hirnzellen. Zugleich ist Dietmar Daths jüngster Pageturner ein wahres Vergnügen für Theorie und Praxis. Mehr davon und immer schneller steigt das Verlangen nach dieser Ladung optimistischer Dystopie.
Der Autor Dietmar Dath verbindet Gesellschaftskritik mit literarisch-philosophischem Feuerwerk Foto: Hanke Wilsmann
Schreiben bis zur Sehnenscheidenentzündung oder lesen, bis sich die Netzhaut ablöst – das sind die zwei unangenehmen Seiten einer Schreib- beziehungsweise Lesesucht. Bei Dietmar Dath besteht in Anbetracht der Menge und zunehmenden Länge seiner Texte Ersteres als Hauptgefahr – und Letzteres bei seiner Fangemeinde, die immer größer geworden sein dürfte. Mit seinem Roman „Skyrmionen oder: A Fucking Army“ ist der Schriftsteller, Journalist und Übersetzer nur knapp an der Tausend-Seiten-Schallmauer vorbeigeschrammt und hat dennoch die Messlatte höhergelegt. Zur Freude und zugleich zum Leidwesen des Rezensenten.
Dieser hat einst als Mitglied der fiktiven Selbsthilfegruppe „Junger suchtgefährdeter Mittelstand“ (JSM) den Begriff der Leidenschaft für literarische Erzeugnisse wohl etwas zu wörtlich genommen; außer den russischen Romanklassikern des 19. Jahrhunderts hatte er als Einstiegsdroge die Kurzstrecke dem epischen Marathon vorgezogen – Carlos Fuentes’ „Terra Nostra“ und Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“ waren zwei der wenigen Ausnahmen, James Joyces „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ sowie Julio Cortázars „Rayuela“ atemlose Mittelstreckler, zeichneten aber schon seinen Weg einer fortschreitenden Suchtgefahr. David Foster Wallaces „Infinite Jest“ dürfte der absolute Overkill gewesen sein, fiel aber noch ins alte Jahrtausend, obwohl Ulrich Blumenbach seine kongeniale deutsche Übersetzung erst 2009 vorlegte. Mehr gedruckte, überbordende und in Buchdeckel komprimierte Genialität schien also nicht zu gehen. Das ist dann etwa so wie Pilze rauchen am Monopteros, hält aber länger an.
Und das bei einer immer stärker werdenden Kurzsichtigkeit! Bis der unlängst verstorbene Paul Auster, Lieblingsautor des Rezensenten, mit „4321“ seine übliche Erzähldimension sprengte, indem er vier Variationen einer Geschichte in einem Band schrieb und dabei die Rolle des Zufalls im Leben eines Menschen erforschte. Die Neuübersetzung von Howard Zinns „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“ kam kürzlich dazwischen und war mehr als Generalprobe, vielmehr ein Wiedereinstieg. Dabei hatte bereits der Augenarzt vor einer Netzhautablösung gewarnt – und bestätigt: Auch das Lesen kann risikobehaftet sein. Aber was soll’s, schließlich ist es sogar möglich, beim Verzehr einer Rieslingspaschtéit zu ersticken. Was sind schon Psilocybin (oder Psilocin) oder andere Psychedelika gegen Dietmar Dath? Beim Lesen fühlte sich der Rezensent nicht so sehr an den Grünen Star als an „Der grüne Heinrich“ erinnert. Nicht etwa, weil „Die Skyrmionen“ irgendwelche Ähnlichkeit mit dem 826 Seiten starken Bildungsroman von Gottfried Keller hätte oder Dath in der Nähe der Schweizer Grenze aufgewachsen ist, sondern weil die Lektüre des Heinrichs einst am Tag vor seiner Magisterprüfung in Literaturwissenschaft stattfand und bis zum Anschlag der Aufnahmekapazität führte.
„Fucking Army“ gegen Künstliche Intelligenz
Bei Dath stellt sich eher die Frage, ob man seine Bücher und andere Schriften nicht auch einmal intravenös verabreichen lassen kann. Das wäre sicherlich nur ein halb so viel „unendlicher Spaß“. Eine jährliche Dosis reicht auch. Während der Rezensent noch dem früheren Albtraum nachtrauert, einmal von seinem eigenen Bücherregal erschlagen zu werden, ist in Daths bisher dickstem Wälzer die Protagonistin Renate Hofer, Sprössling einer Tech-Dynastie, die gegen ihren Bonzen-Vater rebelliert, in den Kühltank einer Serverfarm gefallen. Dies führt bei ihr zu der Vision, eine Maschine zu bauen, die das Zeitalter der Computer und Künstlichen Intelligenz überwindet. Dafür braucht man aber eine ganze „fucking army“ ziemlich durchgeknallter Individuen.

Dietmar Dath sprengt Grenzen Foto: Matthes & Seitz
Es gibt also doch ein Lesen nach dem Lesen, vor allem wenn selbst ein Gespräch bei Edeka so absurd wird, „wie es sein soll, nämlich wie von Beckett, Arabal oder Ionesco aus feuchtem Stroh geflochten“, denn viele begegnen „den Allergefährlichsten im Alltag“, wenn die Suche nach Ravioli zum Gespräch über „Merleau-Pipaponty“ wird und aus Humanismus Hummus, beziehungsweise aus Homos Hamas . Doch wenn es schon fast unmöglich ist, die Handlung der „Skyrmionen“ zu ergründen, dann zumindest den Titel. Als Skyrmion bezeichnen Physiker ein Modell sogenannter Solitonen-Wirbel, die sich wie Teilchen verhalten, und Solitonen wiederum nichtlineare, räumlich lokalisierte, stationäre Anregungen mit teilchenartigem Charakter, erklärt der deutsche Physiker Christian Pfleiderer. Alles verstanden? Dath ist halt studierter Physiker, so wie übrigens auch Pynchon. Und es reißt einen mit, wenn man sich in seinen Textstrom zwischen Science-Fiction, Philosophie und politischer Theorie stürzt.
So tritt die im Kühltank wiedergeborene Hauptfigur Renate Hofer, „nomen est omen“, auf den Physiker und Skyrmionen-Forscher Patrick Mehrtens. Dieser führt später einen Diskurs mit der Computerlinguistin Kerstin Waldmann, bei dem es um Themen wie Informatik und Sprachphilosophie geht. Die Fabulierlust ist bei Dath nicht geringer als bei Pynchon, der seine Geschichten in der amerikanischen Historie anlegt, während Dath in der mehr oder weniger weit entfernten Zukunft herumturnt und dabei noch nebenher die zeitgenössische Popkultur durchforstet. Immer wieder ufert er aus, schweift ab und mäandert dahin. Ein Vergnügen, aber auch eine schöne Zumutung.
Vom „Höhenrausch“ zum betrunkenen Aufräumen
Bereits in den 140 Kapiteln seines Vorgängerromans „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“, 2021 auch bei Matthes & Seitz erschienen, fabuliert und theoretisiert er bis zum Abwinken. Trotz gesellschaftskritischer Züge geht es auch darin um Mathematik und Physik. Der Protagonist des Buches ist Schriftsteller und arbeitet selbst an einem Roman über den deutschen Mathematiker und Logiker Gerhard Gentzen, der die moderne mathematische Beweistheorie mitbegründet hat. Dieser starb im August 1945 in einem Prager Gefängnis an Unterernährung. „Was dem Kopf des Gefangenen entsprungen ist, wird helfen, Computer zu programmieren“, heißt es im Buch. Doch seine Klugheit habe ihm nichts genützt. Gentzen kommt in dem Buch doppelt vor, als historische wie auch als spekulative Figur. So erlebt man ihn als Siebenjährigen, der seiner Mutter ein Gedicht schreibt, als Bücher verschlingenden Teenager und Wehrmachtssoldat. Dath lässt Gentzen mit Lady Gaga ausgehen und spricht mit ihr über Primzahlen. In seinem neuen Roman geht es nun nicht nur um Lenins Schriften oder Songs von Miley Cyrus, der Dath schon bei Reclam hundert Seiten gewidmet hat, sondern schwimmt die (Anti-)Heldin in einer Brühe Neuropeptiden, die ihr Zauberkräfte und besondere kognitive Fähigkeiten verleiht, mit denen sie dann ihre Maschine bauen kann. Die Handlung führt aus der Schweiz in die USA, von China auf den Mond und wieder zurück. Im Krieg der Welten kann sie auf ihre „fucking army“ zurückgreifen. Ob sich mit ihrer Hilfe die Digitalisierung oder gar der Kapitalismus überwinden lässt? Ob dies überhaupt möglich ist, wird bei Dath, der in „Höhenrausch. Die Mathematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen“ (2003) einzelne Szenen oder fiktionalisierte Gespräche mit wichtigen Mathematikern aneinanderfügte, zumindest gedacht.
Der 1970 in Südbaden geborene Vielschreiber, der einst im nahen Freiburg Physik und Literaturwissenschaft studierte, hat vor seiner literarischen Tätigkeit für verschiedene Zeitungen und Magazine geschrieben, vor allem über gesellschaftliche und popkulturelle Themen. Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur von Spex, später Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Inzwischen hat Dath etwa 30 Romane und Erzählungen verfasst, dazu Theaterstücke, Essays, Sachbücher und journalistische Texte, selbst für eine Oper (von Felix Leuschner) hat er den Text geliefert. Sein Erzählwerk wurde im Laufe der Zeit immer vielschichtiger. In „Skyrmionen“ hat er – am Ende des kaum denkbaren KI-Zeitalters – eine neue Stufe erreicht, ausschweifend wie eh und je, die Möglichkeiten der Sprache austestend. Die Dystopien seiner Werke haben einen optimistischeren Unterton gewonnen.
Renate Hofers Maschine nimmt schließlich Gestalt an. Mit ihrem Erbe will sie die Welt verändern, denn „Pessimismus ist Unterwerfung“. Dath tritt selbst auf. Es wird in dem Roman über Mathe und Physik sowie Philosophie, Geschichts- und Sprachwissenschaft gefachsimpelt, langweilig ist er aber nie. Action gibt es auch, und selbst Momente, die fast schon idyllisch erscheinen, wie der Anfang des ersten Teils, der „Lieber nicht ertrinken“ überschrieben ist: „Je kleiner die Vögel sind, desto schneller rennen sie über den Sand, dann ins Wasser und wieder raus. Beine sind Nadeln, Kleidchen Laub. Hallo, kleine Vögel! Euer Himmel wartet. Der Nordpol auch. Aber ihr müsst noch rennen, wieso?“
Dietmar Dath: Skyrmionen oder: A Fucking Army. Matthes & Seitz. Berlin 2025. 966 Seiten, 38 Euro.

Foto: Matthes & Seitz