L‘histoire du temps présent

Ein HSV-Star und Luxemburger Fußballfunktionäre im KZ

Asbjørn Halvorsen wandelte sich vom Profifußballer zum Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Im KZ in Elsaß lernte er die luxemburgischen Resistenzler kennen - die gleichzeitig Funktionäre des FLF waren.

Lorbeerkranz für den Deutschen Meister HSV 1923, historische Fußballauszeichnung in Schwarz-Weiß

1923: Lorbeerkranz für den Deutschen Meister HSV Quelle: Fotoabzug AGON-Verlag

Asbjørn Halvorsen wurde am 3. Dezember 1898 in der südnorwegischen Industrie- und Hafenstadt Sarpsborg geboren. Seine Familie gehörte dem Stadtbürgertum an. Der Vater war der reichste Bäckermeister der Stadt.

Diese gesellschaftliche Herkunft prägte den jungen Asbjørn ebenso wie die Nationalbewegung, die 1905 zur Auflösung der Union mit Schweden führte.

Ihr Höhepunkt war die Volksabstimmung am 13. August, in der sich 99,95% der stimmberechtigten Männer für die Unabhängigkeit aussprachen.

Asbjørn Halvorsens politisches Ideal blieb zeit seines Lebens das geeinte Volk, das sich hier manifestiert hatte. Die in Sarpsborg bald politisch dominierende Arbeiterbewegung, die mit umfangreichen Streiks für die Verbesserung der Lage der Proletarier kämpfte, sah der entschiedene Nationalist als Verfechter von Partialinteressen und damit als Verräter an diesem Einheitsideal.

Asbjørn begann früh mit dem Fußball. 1917 gewann er als jüngster Spieler mit dem Sarpsborg FK die norwegische Meisterschaft. Das große Talent wurde bereits im folgenden Jahr in die Nationalmannschaft berufen, die mit ihm als Spielmacher ihr „Erstes goldenes Zeitalter“ erlebte: Im Juni 1918 gelang im 28. Länderspiel endlich der erste Sieg. Der größte Erfolg dieser Ära wurde bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen der Sieg über die britische Amateurauswahl, die bis dahin alle ernst zu nehmenden olympischen Turniere gewonnen hatte.

Zweimal Deutscher Meister

Doch Halvorsens Nationalmannschaftskarriere blieb eine kurze, denn der junge Schiffsmakler verzog im November 1921 nach Hamburg, um hier in seinem Beruf internationale Erfahrung zu gewinnen. Ein Jahr wollte er bleiben und in dieser Zeit vom Fußball Abstand nehmen.

Nach drei Wochen bestritt er bereits das erste Ligaspiel für den HSV und blieb zwölf Jahre als überragender Spielmacher der Mannschaft in der Hansestadt.

Zwei Deutsche Meisterschaften gewann der HSV mit Halvorsen: 1923 im Finale gegen Union Oberschöneweide Berlin und 1928 gegen Hertha BSC. Halvorsens Bedeutung und die seines damaligen Freundes Otto „Tull“ Harder hebt der diesen beiden 1923 umgehängte gewaltige Lorbeerkranz hervor.

Der Torjäger Harder aber sollte den Halvorsen entgegengesetzten politischen Weg gehen: Er trat 1932/33 in NSDAP und SS ein, wurde nach Kriegsbeginn Aufseher im Hamburger KZ Neuengamme und 1944 gar Lagerführer in dessen Außenlager Hannover-Ahlem.

Doch nach 1928 näherte sich Halvorsen als nun bald 30-Jähriger dem Ende seiner Fußballkarriere. Und er geriet in der Weltwirtschaftskrise mit seiner Spedition, mit der der HSV ihn 1922 zum Bleiben „überredet“ hatte, in schweres Fahrwasser. So entschloss er sich im Sommer 1933 in seine nie vergessene, geliebte norwegische Heimat zurückzukehren, als ihm eine gut dotierte „Lebensstellung“ in Sarpsborg angeboten wurde.

Besonders in Norwegen wird gern behauptet, er verließ Deutschland, weil er schon damals ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus gewesen sei, weil er dessen verbrecherischen Weg vorausgesehen habe. So sei er gleichsam von Hitler aus dem Land vertrieben worden. Tatsächlich sind keine Konflikte mit den Nationalsozialisten überliefert, auch kein Wort der Kritik, als er im folgenden Winter in Norwegen in öffentlichen Veranstaltungen über Deutschland und den deutschen Fußball berichtete.

Die erhoffte Stellung bekam er letztendlich nicht. Er trat im folgenden Jahr vielmehr in den Dienst des norwegischen Fußballverbandes NFF ein, wurde 1935 dessen verantwortlicher Verbandstrainer und ein Jahr später auch Sekretär des NFF. Nun war er zum mächtigsten Funktionär des norwegischen Fußballs aufgestiegen.

Als Halvorsen Hitler aus dem Olympiastadion vertrieb

1936 führte er das norwegische Team zu Olympia nach Berlin. Auch zu diesem Anlass gab es keine Kritik von ihm an den Verhältnissen in Deutschland. Es sei denn, man betrachtet das, was am 7. August im Berliner Poststadion geschah, als Kritik der Tat.

Hier trafen Norwegen und Deutschland nach ihren Achtelfinalsiegen über die Türkei bzw. Luxemburg aufeinander. Auf der Ehrentribüne versammelte sich die Nazi-Prominenz mit Adolf Hitler an der Spitze. Mit ihm erwartete der überwältigende Teil der 50.000 Zuschauer einen deutschen Triumph als weiteren Schritt auf dem Weg zum Olympiasieg und damit zur Übernahme der Weltherrschaft im Fußball durch die deutsche Herrenrasse.

Doch dieser Traum ging unter in einem grandiosen Spiel von Asbjørn Halvorsens Mannschaft. Als acht Minuten vor Schluss das entscheidende 2:0 fiel, verließ der wütende Führer die Ehrentribüne. Asbjørn Halvorsen hatte ihn aus dem Stadion vertrieben. Er sollte nie wieder ein Fußballspiel besuchen.

Olympia 1936 Berlin: Norwegischer Botschafter Arne Scheel mit Hitler, Goebbels und Bormann auf Ehrentribüne im Poststadion nach Norwegens Sieg.

Olympia 1936: Der norwegische Botschafter Arne Scheel mit der Naziprominenz auf der Ehrentribüne im Berliner Poststadion. V.r.: Bormann, Scheel, Hitler, Goebbels, Heß. Der „Führer“ verließ nach Norwegens entscheidendem 2:0 wutentbrannt seinen Platz. Quelle: Norges Fotballforbund

Norwegen aber gewann nach einer Niederlage im Halbfinale gegen Italien das Spiel um Bronze gegen Polen – bis heute der größte Erfolg des norwegischen Männerfußballs.

Knapp vier Jahre später wurde der 9. April 1940 zu einem Datum, das bis heute in das kollektive Gedächtnis der norwegischen Nation eingebrannt ist. An diesem Tag überfiel die deutsche Wehrmacht das neutrale Land und besetzte schnell die wichtigsten Städte. Nach einem zwei Monate währenden Krieg kapitulierten die norwegischen Verteidigungsstreitkräfte.

Erst unter der Herrschaft der deutschen Besatzungsmacht und ihrer norwegischen Kollaborateure von Quislings „National Samling“ (NS) wandelte sich der liberale Nationalist Halvorsen zu einem entschiedenen Gegner des Faschismus. Als im November 1940 die demokratischen Sportverbände – der bürgerliche Landesverband und der Arbeiter-Sportverband – aufgelöst und durch einen neuen, nach dem Führerprinzip organisierten Sportbund ersetzt wurden, ging deren gerade gebildete gemeinsame Führung in den Untergrund. In dieser nun illegalen Leitung wurde Halvorsen zu einem der wichtigsten Organisatoren des Widerstands.

„Kein Sport unter dem NS-Regime“

Man entschied sich für einen historisch einzigartigen Streik und Selbstboykott des Sports. „Kein Sport unter dem NS-Regime“ war die entscheidende Parole: Verweigerung von Training und Wettkämpfen, Auflösung von Vereinen. Diese „Sportfront“ wurde zur ersten großen Widerstandsbewegung und zum Vorbild für den „Haltungskampf“ anderer gesellschaftlicher Akteure in Kirche, Schule und Medien.

Doch man wollte nicht auf sportliche Betätigung verzichten, sich auch fit halten für die erwartete Invasion der Alliierten, wenn es zum Kampf gegen die Besatzer kommen würde. So traf man sich in Wäldern oder in Hinterhöfen und geschlossenen Räumen zu illegalen Wettkämpfen.

Als sich nach den deutschen Niederlagen in Nordafrika und Stalingrad der Niedergang der deutschen Herrschaft abzuzeichnen begann, trat der illegale Sport immer ungenierter an die Öffentlichkeit. Dass die NS-geführte Osloer Straßenbahn im September 1944 Sonderfahrten zum illegalen Fußballfinale durchführte, zeigte die Kapitulation der Nazis vor der Sportfront.

Diese Phase erlebte Asbjørn Halvorsen nicht mehr. Am 5. August 1942 wurde er verhaftet, weil er Redaktion und Vertrieb der wichtigsten illegalen Zeitung, des Bulletinen, übernommen hatte.

Nach schwerer Folter und langer Einzelhaft im Polizeihäftlingslager Grini bei Oslo wurde er am 29. Juli 1943 als „Nacht-und-Nebel“-Häftling in das elsässische KZ Natzweiler deportiert. Am 6. August wurde er auf dem Struthof mit der Matrikel-Nr. 4796 registriert.

NN-Häftlinge waren Widerstandskämpfer, die die Besatzungsbehörden ohne Nachricht für Öffentlichkeit und Angehörige spurlos verschwinden ließen. Sie konnten daher keine Post empfangen, vor allem auch nicht die überlebenswichtigen Lebensmittelpäckchen, die die Hungerkost im Lager ein wenig aufbesserten. Sie waren außerdem in besonderer Weise der Brutalität des Wachpersonals ausgesetzt. Das galt auch für den Steinbruch, eines der mörderischsten Arbeitskommandos in Natzweiler, wo Halvorsen in den ersten Monaten seiner Gefangenschaft gequält wurde.

Aber im Lager gab es Häftlingskameraden, zu denen er als bekannter Fußballer schnell Zugang fand. Darunter die drei Luxemburger Resistenzler Michel Hetto, Buchhalter der Marmorschleiferei Jacquemart in der Hauptstadt, Léon Thurm, Leiter des Fakturationsbüros von Arbed Belval, und Alex Werné, Geometer bei Arbed. Sie waren allesamt Leitungsmitglieder des luxemburgischen Fußballverbandes FLF. Léon Thurm war auch langjähriger Vizepräsident der Jeunesse Esch, Alex Werné Präsident der US Esch und der Luxemburger Privatbeamtenkammer.

Luxemburger Solidarität mit dem NN-Häftling

Die Luxemburger waren nicht in Nacht und Nebel gefangen. Viele von ihnen konnten in erheblichem Umfang Lebensmittelpäckchen empfangen. Sie werden aus der Erinnerung norwegischer Häftlinge als sehr solidarisch beschrieben. Und so werden auch die Fußballkameraden Halvorsens sicher hin und wieder für ihren hungernden Freund gesorgt haben – auch wenn es Werné, der unter Hungerödemen litt, wohl selbst sehr schlecht ging.

Und gerade Luxemburger besaßen auch Zugang zu Informationen aus der Welt jenseits des Stacheldrahts, denn der Elektriker Jean Fournel aus Schifflange hatte ein geheimes Radio gebastelt. Zudem war Michel Hetto in Schreibstube und Baubüro des Lagers beschäftigt, wo immer auch Verbindungen nach außen bestanden. Man kann annehmen, dass Halvorsen aus diesen Quellen seine Informationen schöpfen konnte, die er für seine abendlichen Vorträge vor seinen norwegischen Kameraden benötigte. Mit ihnen informierte er über die militärische Lage und versuchte, den Glauben an das Überleben und eine nicht mehr allzu ferne Befreiung aufrechtzuerhalten.

Doch es kam anders. Als sich im Sommer 1944 die alliierten Invasionsarmeen näherten, gab die SS-Führung am 1. September den Befehl zur Evakuierung des Lagers. Die große Mehrheit der Gefangenen, darunter auch die drei Luxemburger Freunde, wurde nach Dachau verschleppt. Halvorsen dagegen, der nach langer Krankheit inzwischen als Pfleger im Krankenrevier beschäftigt war, verblieb im Natzweiler-Komplex.

Er wurde mit weiterem medizinischem Personal zunächst in das rechtsrheinische Außenlager Neckarelz und Anfang Januar 1945 von dort nach Vaihingen/Enz verbracht. Er sollte beitragen zur Ertüchtigung der dortigen Krankenstationen. Im Chaos des Untergangs wurde Vaihingen jedoch zu einem reinen Sterbelager. Noch kurz vor der Befreiung starb die Hälfte der Häftlinge am Flecktyphus. Auch Halvorsen wurde spät noch von der Seuche ergriffen. Doch seine norwegischen Kameraden bemühten sich rührend um den Fußballer, denn er hatte versprochen, ihnen Freikarten für das erste Länderspiel nach der Befreiung zu reservieren. So überlebte er, abgemagert auf ein Gewicht von 48 Kilogramm und mit schwer geschädigtem Herzen.

Als einer von 16 noch lebenden Norwegern konnte Halvorsen am 5. April von einem Weißen Bus des schwedischen Roten Kreuzes aufgenommen werden. Über das Hamburger KZ Neuengamme als Zwischenstation gelangte er am 14. April in die Freiheit nach Schweden, wo er sich im Sanatorium Ramlösa bei Helsingborg von den Leiden des KZs erholen sollte.

Der schwedische Fußballverband bot an, für seine Rehabilitation bis zur vollständigen Genesung zu sorgen. Doch Halvorsen wollte, so schnell es ging, zurück in die norwegische Heimat, auch um endlich wieder für seinen geliebten Fußball tätig zu werden. So kehrte er schon am 30. Mai nach Oslo zurück und machte sich umgehend an die Arbeit: Verschlissene oder gestohlene Ausrüstung musste ersetzt, Fußballplätze wiederhergestellt werden. Sie waren von der Besatzungsmacht als Terrains für Barackenlager missbraucht und von der Bevölkerung als Anbauflächen für Gemüse genutzt worden. Dazu galt es, schnell einen „Befreiungspokal“ zu organisieren, den faschistischen Sportbund aufzulösen und den 1940 begonnenen Zusammenschluss von bürgerlichem und Arbeitersport auf demokratischer Basis zu vollenden.

„Fußball-Freudenfest in wiedergewonnener Freiheit“

Für den Juli 1946 wurde der „Sieges-Kongress“ der FIFA nach Luxemburg einberufen. Da niemand dort die Anliegen Norwegens besser vertreten konnte als der international hochgeachtete Halvorsen, wurde er zum Delegierten bestimmt.

Dafür gab es einen zweiten Grund: Für das traditionelle Länderspiel am Ende eines Kongresses hatten die Gastgeber Norwegen eingeladen, um „einem Volk die Sympathie zu bekunden, das gleich Luxemburg durch die Nazihölle gegangen ist, aber das auch gleich Luxemburg nicht gezögert hat, dem haßerfüllten Unterdrücker seine ganze uneingeschränkte Resistenz entgegenzusetzen, …“

So das Escher Tageblatt vom 27. Juli 1946. Aber die Zeitung verriet bereits am 12. Juli auch ein persönliches Motiv: Die Lagerkameraden hatten sich in Natzweiler versprochen, nach dem Krieg endlich das erste Spiel zwischen beiden Nationen durchzuführen, um sich ihres Lebens- und Überlebensmuts in der Hölle des Struthof zu versichern. So wurde es für die vier ein Spiel, „geboren im Leid, aus der Taufe gehoben in überschäumender Freude“, „ein Freudenfest in wiedergewonnener Freiheit“.

Der Fußball hatte sie gestärkt, die Qualen des Lagers zu überstehen. Doch auf dem Struthof gab es Fußball nur in Rückschau und Zukunftshoffnung. Anders in Dachau. Dort hatten sich bereits seit 1943 Mannschaften gebildet, die sonntags Meisterschaften und Pokale ausspielten. Das waren Teams von Häftlingen, die nicht wie die große Mehrheit ihrer Kameraden durch schwerste Arbeit, Gewalt und Hunger entkräftet waren. Stolz stellte Léon Thurm fest, dass die beliebteste und beste Mannschaft mehrheitlich von Luxemburgern gestellt wurde. Es war die Mannschaft der Lagerküche. Zudem „ass e regelrechte Fo’ssballverband mat all sengem Drem an Drun entstan“, mit Ausschüssen, Regelwerken und Disziplinarverfahren. Es scheint, dass die Intensität dieser Sonntagsbeschäftigung auch darin begründet war, dass sie den im Lageralltag vollständig entrechteten Häftlingen ein kleines Stück Selbstbestimmung zurückgab, wenn sie ihre eigenen Regeln diskutieren, beschließen und überwachen konnten.

Asbjørn Halvorsen und Léon Thurm

Doch zurück zum FIFA-Kongress: Besonders eng war offenbar das Verhältnis von Asbjørn Halvorsen und Léon Thurm. In einer großen Reportage über den Kongress und Luxemburg als Gastgeber berichtete das Osloer Dagbladet, dass die beiden kaum voneinander wichen.

Léon Thurm beeindruckte den Autor als „ein kleiner, liebenswürdiger Herr, still wie ein klarer Septembertag, mit einem tragischen Gesichtsausdruck, der auf großes Leid hindeutete. Er trug während des ganzen FIFA-Kongresses gestreifte Hosen und ein schwarzes Jackett und sah alleine aus wie eine ganze Friedenskonferenz.“

Der Autor beobachtete genau. Léon Thurm litt noch immer sichtbar unter der im Lager erfahrenen Gewalt. Der Fußtritt eines Dachauer SS-Mannes gegen seine Schläfe hatte nicht nur eine bleibende Schwellung hinterlassen, sondern auch sein Ohr zerstört. Doch er wird nicht gewusst haben: Der Mann, den er hier liebevoll beschrieb, war ein leibhaftiger Kommunist. Er war erfüllt von sozialem Verantwortungsbewusstsein, hatte sich schon vor dem Krieg gewerkschaftlich betätigt und sich unter der deutschen Besatzung recht schnell dem sozialistischen Widerstand um den Lehrer Albert Wingert aus Schifflingen angeschlossen. Als Mitglied der ALWERAJE war er Redakteur und Verteiler für deren illegales Blatt Ons Zeidong. Dazu beteiligte er sich an der Schleusung entkommener französischer Kriegsgefangener aus den Lagern bei Koblenz und Trier in das unbesetzte Frankreich. Er gab den in Esch Angekommenen Unterkunft und Verpflegung und brachte sie weiter über die Grenze zum Stahlwerk Villerupt.

Léon Thurm und Assi Halvorsen auf dem FIFA-Siegeskongress 1946 in Luxemburg, historische Fußballveranstaltung

Léon Thurm und „Assi“ Halvorsen auf dem FIFA‑„Siegeskongress“ 1946 in Luxemburg Quelle: Osloer Dagbladet

Nach der Befreiung des KZ Dachau am 29. April 1945 warteten die Luxemburger Häftlinge auf den Rücktransport in die Heimat und gaben in dieser Zeit eine Lagerzeitung heraus, die den alten Namen übernahm. Nun konnten die Artikel namentlich gekennzeichnet werden. Léon Thurm verfasste zwei Beiträge, in der letzten Nummer vom 18. Mai den bereits zitierten Artikel über den Fußball im KZ und in der 3. Ausgabe vom 14. Mai eine programmatische Erklärung: „De Faschismus ass do‘t, eng nei Epoch ass gebuer!“

Hier verlangte er die Verwirklichung von allen „sozialen Arichtongen“, die im Interesse der Arbeiter, Beamten, Bauern und Geschäftsleute liegen, und prangerte die „Höllef vun enger gewesser Clique“ von Kapitalisten an, die die Herrschaft des Faschismus erst ermöglicht hatte. Damit nahm er die Ideen auf, die das Manifest der ALWERAJE und den gemeinsamen Aufruf mit der kommunistischen Resistenz vom Sommer 1942 kennzeichneten.

Léon Thurms Haltung führte ihn nun in die Kommunistische Partei, für die er wohl durch Arthur Useldinger während seiner auf die KZ-Haft folgenden zweiwöchigen Rehabilitationszeit in Mondorf gewonnen wurde. 1946 wurde er auf deren Liste mit den zweitmeisten Stimmen in den Escher Stadtrat gewählt.

Asbjørn Halvorsen wusste sicher von der politischen Einstellung des Freundes. Ihn störte es nicht, denn der vereinte Widerstand mit den Arbeitersportlern und das gemeinsame Leiden mit Sozialisten und Kommunisten in den KZs hatten die Haltung des einstigen Feindes der Arbeiterbewegung grundlegend verändert.

In Norwegen feierte man sich nach der Befreiung als ein einiges Volk, das gemeinsam die Gewaltherrschaft zu Fall gebracht hatte. Damit schien sich Halvorsens immer gehegtes Ideal nun zu verwirklichen.

Doch es bestand die Überzeugung, dass man nicht Schulter an Schulter gekämpft hatte, um zu den Zuständen der Zwischenkriegszeit zurückzukehren, zu „ungehemmter freier Konkurrenz, zu Krisen und sozialer Not“. Die Vision eines geeinten Volkes in einer besseren Gesellschaft, dem neuen „Wohlfahrtsstaat“, wurde zum Schlagwort der Zeit – eine Idee, die nicht weit entfernt von Léon Thurms Dachauer Zukunftshoffnung war. Doch anders als in Luxemburg wurde in Norwegen die Arbeiterpartei mit diesem Programm zur hegemonialen Kraft.

Der bürgerlich liberale Asbjørn Halvorsen konnte in diesem gesellschaftlichen Aufbruch den Platz seines Wirkens finden. Er verwirklichte die Grundsätze des Wohlfahrtsstaates – Solidarität, Gerechtigkeit und ökonomische Sicherheit – in der Fußballgesellschaft durch den Entwurf eines neuen Ligasystems, das durch Abgaben an Gastmannschaften und Verband die wirtschaftlichen Möglichkeiten der kleinen Vereine verbesserte und durch ausgeweitete Ab- und Aufstiegsregeln den Leistungsgedanken gegenüber dem Beharrungsvermögen der Großvereine förderte. Mit großer Mehrheit wurde dieses Modell durch den Verbandstag angenommen.

Nach dem Länderspiel von 1946 kam es erst vier Jahre später zum Gegenbesuch des Luxemburger Nationalteams in Norwegen.

Der sommerliche Besuch sollte auch touristischen Zwecken dienen. So kamen die Fußballer nicht mit dem Flugzeug, sondern reisten mit einer aufsehenerregenden Flotte von sechs Luxusautos an, die von fußballbegeisterten Privatleuten zur Verfügung gestellt und gesteuert wurden. Unter ihnen war auch der Escher Frauenarzt Dr. Jos. Peters.

Asbjørn Halvorsen und Léon Thurm trafen sich nun wieder. Doch ob die Freundschaft Bestand hatte in einer antikommunistischen Atmosphäre, die sich im Zuge des Kalten Krieges auch in Norwegen ausgebreitet hatte, wissen wir nicht.

Léon Thurms Austritt aus der Kommunistischen Partei in der Folge der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes im Herbst 1956 hat Asbjørn Halvorsen nicht mehr erlebt. Am 16. Januar 1955 fand man den erst 56-Jährigen leblos in einem Hotelzimmer in Narvik. Während einer Dienstreise für den Fußballverband hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Es hatte den Folgen des Konzentrationslagers nicht mehr widerstehen können.

Gut zwölf Jahre später starb auch Léon Thurm – nur 65-jährig – viel zu früh. Auch bei ihm waren es die Folgen der KZ-Haft, die seine Gesundheit entscheidend geschwächt hatten.

Wir aber können uns nur verneigen vor der in seiner Dachauer Erklärung ausgesprochenen Selbstverpflichtung der Überlebenden, das Vermächtnis ihrer ermordeten Kameraden anzunehmen und den Kampf für eine bessere, gerechtere Gesellschaft „onerbeterlich“ fortzusetzen, um uns, den Kindern und Enkeln „eng glecklech Existenz an en ewege Fridden ze secheren“. Doch wenn Léon Thurm kategorisch feststellte „De Faschismus ass fir emmer vun der Bildflech verschwonnen!“, dann muss uns zugleich die Frage umtreiben, warum wir es nicht vermochten, diesen Optimismus der Opfer der Unmenschlichkeit am Leben zu erhalten.

Bar Sport Konferenz Jeunesse Esch Musée Nr. 5

Der letzte Vortrag des Konferenzzyklus verband letzten Dienstag im Resistenzmuseum in Esch die Geschichte der Jeunesse im Krieg mit jener des luxemburgischen und norwegischen Fußballs und des internationalen Widerstands gegen den Nazifaschismus. Jürgen Kowalewski, Historiker und pensionierter Geschichtslehrer aus Hamburg, sprach über Asbjörn „Assi“ Halvorsen, dem gefeierten Spielmacher des HSV in dessen erster großer Zeit der 1920er Jahre, dann Nationaltrainer und mächtigster Funktionär des norwegischen Fußballverbands, schließlich Widerstandskämpfer und „Nacht-und-Nebel“-Häftling in Natzweiler, sowie die in der KZ-Hölle entstandene Freundschaft zu den FLF-Funktionären Léon Thurm, Alex Werné und Michel Hetto (Jürgen Kowalewski, Ein HSV-Star in Widerstand und KZ. Das zu kurze Leben von „Assi“ Halvorsen, VSA: Verlag Hamburg, 2025).

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

En concert au Trifolion

Qui est Francesca Tandoi, musicienne de jazz italienne?

Alain spannt den Bogen

Anne-Sophie Mutter enttäuscht, das LPO und die Solistes Européens glänzen