Alain spannt den Bogen

Bayerische Staatsorchester spielt eines der besten Konzerte der letzten Jahre in der Philharmonie

Das Bayerische Staatsorchester begeisterte in Luxemburg mit seiner Spielkultur, dem aufregenden Dirigenten Vladimir Jurowski und einzigartigen Interpretationen: ein Top-Ensemble, das mühelos mit internationalen Meisterorchestern mithalten kann.

Dirigent Vladimir Jurowski leitet erstklassiges Konzert in der Philharmonie vor begeistertem Publikum

Dirigent Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester boten eines der besten Orchesterkonzerte der letzten Jahre in der Philharmonie Luxemburg Foto: Sébastien Grébille

Es müssen nicht immer das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder die Münchner Philharmoniker sein. Das Bayerische Staatsorchester macht das genauso gut, wenn nicht sogar besser. Der Klangkörper der Bayerischen Staatsoper München gehört ohne Zweifel zu den Top-Opernorchestern Europas, und darf sich getrost mit den Wiener Philharmonikern oder der Staatskapelle Dresden vergleichen.

Einer der aufregendsten Dirigenten der Gegenwart

Doch auch im symphonischen Bereich trumpfen die Musiker aus dem Operngraben mit höchster Spielkultur, einer wahnsinnigen Raffinesse und einem ungeheuren Klangpotenzial auf. Kein Wunder, dass selbst der sehr anspruchsvolle Carlos Kleiber neben seiner regen Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern eine sehr enge Beziehung zu dem Bayerischen Staatsorchester hatte und dieses in vielen Jahren sowohl als Opernorchester wie auch im Konzertsaal dirigierte. Aber auch viele andere große Dirigenten fungierten als GMD dieses Orchesters, dessen Gründung auf das Jahr 1523 zurückgeht: Felix Mottl, Bruno Walter, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss, Georg Solti, Rudolf Kempe, Ferenc Fricsay, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Zubin Mehta, Kent Nagano und Kirill Petrenko, sie alle prägten die Geschichte der letzten 125 Jahre.

Vladimir Jurowski dirigiert ein Orchester leidenschaftlich bei einem klassischen Konzert

Vladimir Jurowski ist ein Freund der Detailarbeit Foto: Sébastien Grébille

Heute steht Vladimir Jurowksi an der Spitze des Bayerischen Staatsorchesters, dies seit 2021. Mit ihm hat das Orchester einen der interessantesten und aufregendsten Dirigenten der Gegenwart gewonnen, einen Dirigenten, der sich sowohl im Opernbereich als auch auf der Konzertbühne pudelwohl fühlt und der immer wieder durch spannende Interpretationen begeistert, ohne dabei den Ruf eines Stardirigenten anzustreben. Jurowski ist ein Freund der Detailarbeit. Das merkte man sofort bei diesem Konzert, das das zweite von drei Auslandsgastspielen (Antwerpen, Luxemburg, Paris) war. Den Anfang machte Rachmaninows düster-melancholische Tondichtung „Die Toteninsel“, die unter der Leitung von Jurowski zu einer atemberaubenden Stimmungsmalerei wurde. Dank der Spielkultur des Orchesters konnte er dieses Werk, das sich auf Döblins gleichnamiges Bild (eigentlich sind es fünf Gemälde) beruft und in dem der Tod eine zentrale Rolle spielt, eindrucksvoll gestalten. Rachmaninows geniale Musik ist eine Reise vom Leben in den Tod. Genial, wie Rachmaninow hier die Überfahrt über den Fluss Acheron in Musik umsetzt, den Ruderschlag und die Wellen hörbar macht. Jurowski lichtet das Klangbild auf, sodass eine räumliche Vision und eine unwahrscheinliche Tiefe in der Musik entstehen.

Wie gut das Bayerische Staatsorchester begleiten kann, das zeigten die Musiker in Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert. Jurowskis Interpretation unterstrich in den beiden Ecksätzen den grotesken Charakter dieser Musik und den Orchestersolisten machte es hörbar Spaß, ihre Figuren mit dem nötigen Biss zu gestalten. Dabei hatten die Musiker immer ein offenes Ohr für das Spiel des Pianisten Francesco Piemontesi, der die ursprünglich vorgesehene Beatrice Rana ersetzte, und der den Part weitaus weniger virtuos und plakativ anlegte als die meisten seiner Kollegen.

Piemontesi ging es auch in den schnellen Ecksätzen um eine gewisse Poesie, die natürlich im hinreißenden Mittelsatz ihren Höhepunkt fand. Piemontesis sehr natürliches und jazziges Spiel erinnerte mehr als einmal als die Gestaltungsfähigkeit des großen Keith Jarrett in seinen Solo-Konzerten. Als Zugabe spielten Pianist und Dirigent die vierhändige Originalfassung von „Le jardin féerique“ aus dem Klavierzyklus „Ma mère l’oye“.

Classic goes movie

Nach der Pause standen dann zwei Werke auf dem Programm, die der Filmregisseur Stanley Kubrik in seinem legendären Film „Space Odyssey“ aus dem Jahre 1968 verwendet hat. Wie schon Rachmaninows „Toteninsel“ ist auch „Atmosphères“ von György Ligeti ein sehr dichtes Werk voller orchestraler Farben, wobei sich die Instrumentalstimmen zu einem sich immer weiterentwickelnden pulsierenden Klanggefüge vermischen und miteinander verschmelzen. Das machte Jurowski dann auch sehr deutlich, indem er auch hier das Klangbild des Orchesters öffnete und einen dreidimensionalen Raum für Schwingungen ermöglichte.

Bayerisches Staatsorchester bei einem beeindruckenden Klangspektakel live auf der Bühne

Bot ein Klangspektakel: das Bayerische Staatsorchester Foto: Sébastien Grébille

Ein tolles Erlebnis, dank der hervorragenden Akustik des Saales und natürliches des in jedem Moment atemberaubenden Spiels des Orchesters. Den Abschluss machte dann Richard Strauss’ Dauerbrenner „Also sprach Zarathustra“, den Jurowski hier nicht als Klangspektakel oder süßliches Melodienallerlei in Szene setzte, sondern vielmehr als eine wohlausbalancierte Reise durch Klang und Raum. Hier stimmte alles, die Fanfaren der Einleitung (Sonnenaufgang) klangen prächtig, ohne plakativ zu wirken, und die folgenden acht, meistens ineinander übergehenden Teile boten ein fließendes Ganzes und übernahmen somit die Interpretationskonzepte der „Toteninsel“ und von „Atmosphères“. Auch die Soloeinlagen der Instrumentalisten, allen voran Konzertmeister David Schultheiß, waren außergewöhnlich und ließen in jedem Takt das Können dieser Musiker erkennen.

Überhaupt kann man die Gesamtleistung des Bayrischen Staatsorchesters an diesem Abend nur loben, das sich an keiner Stelle vor Top-Orchestern wie den Berliner oder Wiener Philharmonikern bzw. einem Concertgebouw Orchestra zu verstecken braucht. An lange Abende im Orchestergraben gewöhnt, hatte es dann auch keine Mühe, mit der Fledermaus-Ouvertüre und der Polka „Unter Donner und Blitz“ noch zwei erstklassig gespielte Zugaben draufzusetzen. Kein Zweifel, dies war eines der besten Orchesterkonzerte der letzten Jahre, die wir in der Philharmonie Luxemburg gehört haben.

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