Ausstellung „Women in War“

Die Kriegsfotografin Lynsey Addario über Fotos, für die es sich zu sterben lohnt

Wenn Bomben fallen und die Welt zerbricht, drückt Lynsey Addario ab: In „Women in War“ im Escher „Musée de la résistance et des droits humains“ (MNRDH) erzählt die Pulitzer-Preisträgerin von Frauen, die inmitten von Frontlinien gebären, fliehen, kämpfen, überleben – und ihre Würde verteidigen. Sie war zur Vernissage in Luxemburg zu Gast. Über eine Begegnung, die nachhallt.

Sie fotografiert Menschen im Krieg und Konfliktregionen, darunter Frauen: die Fotojournalistin Lynsey Addario war zur Vernissage ihrer Soloausstellung „Women in War“ in Luxemburg zu Besuch

Sie fotografiert Menschen im Krieg und Konfliktregionen, darunter Frauen: Die Fotojournalistin Lynsey Addario war zur Vernissage ihrer Soloausstellung „Women in War“ zu Besuch in Luxemburg Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Tosender Applaus. Das Publikum erhebt sich von seinen Sitzen, als die amerikanische Kriegsfotografin Lynsey Addario (1973) im Neimënster die Bühne betritt. Das Reden fällt ihr schwer. Sie zieht sich zurück, wischt sich die Tränen vom Gesicht – genauso wie manche Zuschauer*innen, die soeben den Dokumentarfilm „Love + War“ zu Addarios Alltag zwischen Krieg und Familienwahnsinn in London gesehen haben.

Vergangenes Wochenende war die Fotografin in Luxemburg zu Gast. Noch im Januar drückte sie für die New York Times in der Ukraine auf den Auslöser. Dazwischen las sie ihrem jüngsten Sohn vermutlich Bettgeschichten vor. Das Tageblatt trifft sie nach einem Aufenthalt im US-Bundesstaat Minnesota im MNRDH zum Gespräch. Sie sitzt in einem roten Sessel, umgeben von Fotos aus den gefährlichsten Krisen- und Konfliktgebieten der Welt.

Der Krieg verändert sich, das Leid nicht

2009 erhielt sie den Pulitzer-Preis für ihre Beiträge zum Afghanistankrieg, 2023 für ihre Fotos zum Krieg in der Ukraine. Dort musste Addario Anfang des Jahres abwägen: Für welches Bild lohnt es sich, zu sterben? „Ich war in Donzek und wusste, dass das Gebiet stark von Drohnenangriffen betroffen ist“, erinnert sie sich. Um 4 Uhr nachts riss ein Bombenanschlag sie aus dem Schlaf. „Morgens ging ich hinaus, um die Zerstörung zu dokumentieren. Ich traf ein Ehepaar, dessen Zuhause teils in Trümmern lag.“ Sie kamen ins Gespräch, Addario hielt die Kamera in der Hand. Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. „Ich hielt kurz inne und fragte: ‚Ist das eine Drohne?‘“

Sie lag richtig mit ihrer Vermutung: Über ihren Köpfen schwebte eine bewaffnete Drohne. Einsatzbereit. Sie besprachen ihre Frage zu Ende, wollten sich dann in Sicherheit bringen. „Die Tür des Hauses war eingedrückt. Wir kamen nicht hinein“, sagt Addario. „Im Krieg kommt es ständig zu Situationen, in denen man entscheiden muss: ‚Bleibe ich oder ziehe ich mich zurück?‘“

Addario ist seit 1996 unter anderem für die New York Times tätig, 2003 dokumentierte sie den Irakkrieg – und wurde im Zuge der Mission entführt. „Aber nur einen Tag“, stellt sie nach dem Screening im Neimënster klar und redet den Vorfall somit klein. Lacher aus dem Publikum. Addario blieb nach der Freilassung im Irak, um das Trauma auf diese Weise sofort zu verarbeiten. In dem Moment erkannte sie: „Das ist der Job, dem ich für den Rest meines Lebens nachgehen will.“

Die Kriegsführung habe sich seitdem stark verändert, so Addario. Einerseits durch den Einsatz von Drohnen, die aus weiter Entfernung unerwartet zuschlagen können, andererseits durch den systematischen Ausschluss der internationalen Presse an den Frontlinien. Sie nennt Israel und den Iran. „Wir werden ausgesperrt“, sagt sie. „Wenn man ungestraft töten will, hält man die Medien fern und diskreditiert sie.“ Das Leid, das der Krieg verursacht, bleibe hingegen dasselbe.

Frauen zwischen den Fronten

Und das ist es, was Addario mit ihrer Kamera festhält – nicht nur die Krater, die Bomben hinterlassen, sondern auch den Schmerz der Zivilist*innen. Dabei fängt sie seit Beginn ihrer Karriere das Schicksal von Frauen ein. Müttersterblichkeit. Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe. Widerstand.

Wenn man ungestraft töten will, hält man die Medien fern und diskreditiert sie

Lynsey Addario

Kriegsfotografin

2000 reiste Addario auf eigene Faust nach Afghanistan, um das Leben der Frauen unter den Taliban zu fotografieren. Es war ihr erster Einsatz in einem Konfliktgebiet. Viele weitere folgten. Addario erinnert sich gut an die erste Frau, die ihr von einer Vergewaltigung erzählte. Sie begegnete ihr in Darfur, wo seit 2003 bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen und der sudanesischen Regierung wüten. Addario war zu Beginn der Ausschreitungen vor Ort, besuchte den Sudan zuletzt 2025. „Sexualisierte Gewalt wurde systematisch als Kriegswaffe eingesetzt“, sagt sie. „Der Konflikt in Darfur war damals so frisch, dass es noch keinerlei psychologische Betreuung gab. Ich überließ es den Frauen, ob sie ihre Erfahrungen teilen wollen.“ Viele kamen der Einladung nach, wie auch andernorts auf der Welt. Heute dokumentiert Addario die sexualisierte Gewalt russischer Soldaten in der Ukraine.

In der Regel arbeitet sie vor Ort eng mit Beratungsorganisationen zusammen, die ihr nur Überlebende vorstellen, die sich bereits im Aufarbeitungsprozess befinden. „Ich erkläre den Frauen genau, wo und wie ihre Fotos verwendet werden“, versichert sie. Entscheiden sich die Betroffenen, ihre Geschichte zu erzählen, bestimmen sie mit, in welcher Form. Addario legt Wert darauf, sie nicht zu re-traumatisieren.

Eyerus vertraute der Kriegsfotografin ihre Geschichte an, die von wiederholten sexualisierten Angriffen geprägt ist (2021)

Eyerus vertraute der Kriegsfotografin ihre Geschichte an, die von wiederholten sexualisierten Angriffen geprägt ist (2021) Foto: Lynsey Addario

Die Fotos sind feinfühlig. Eine Frau blickt in die Ferne, ein Schleier verdeckt die Hälfte ihres Gesichts. Nur die Bildzeile im Ausstellungskatalog offenbart ihr Schicksal: „Eyerus, 40 ans, pose pour un portrait dans un espace sécurisé pour les victimes d’agressions sexuelles à l’hôpital Ayder de Mekele, dans le Tigré, en Éthiopie, en mai 2021.“ „Oft sehen die Frauen in Journalist*innen Menschen, denen sie ihre Geschichte anvertrauen können“, sagt Addario. Es gehe vor allem darum, anderen Betroffenen zu signalisieren: Du bist mit deinen Erfahrungen nicht allein.

Ein Drang, den sie nachvollziehen kann. Addario ist selbst Überlebende sexualisierter Gewalt. Sie spricht offen über die Angriffe, die sie 2011 erlebt hat. Damals wurde sie gemeinsam mit drei Kollegen der New York Times in Libyen entführt. Sechs Tage lang. Das Team war wegen des Bürgerkriegs vor Ort, der zum Sturz und dem Tod von Muammar al-Gaddafi führte. „Wir waren die ersten Tage an den Knöcheln und Handgelenken gefesselt, unsere Augen waren verbunden“, erzählt sie. „Ich wurde am ganzen Körper unsittlich berührt.“ Es war nicht der körperliche Schmerz, der ihr zusetzte, sondern die Angst – was kommt als Nächstes? „Ich habe mich durch die Angst hindurchgeredet“, denkt sie an die Entführung zurück. Die Frauen, die ihr im Zuge ihrer Karriere begegnet waren, kamen ihr in den Sinn. „Ich sagte mir: ‚Wenn sie es geschafft haben, dann kannst du das auch.‘ Sie wurden zu meinen Vorbildern.“

Die Spuren, die der Job hinterlässt

Addario lernt viel von den Menschen, die ihr begegnen. Von Frauen, Männern und Kindern. „Der Krieg zeigt einem das Böse, aber auch eine unglaubliche Stärke. Es sind Erfahrungen, die einem Perspektive und Hoffnung geben, und ich versuche, das weiterzuvermitteln.“ Hoffnung, die angesichts der aktuellen Weltlage schwerfällt. Während Addario im MNRDH an ihrem Wasser nippt, toben die Kriege in der Ukraine, im Gazastreifen und jetzt auch im Iran.

Addario zeigt nicht nur das Leiden der Frauen, sondern begleitet auch die Kämpferinnen: 2010 fing sie afghanische Frauen bei einem Polizeitraining fernab von Kabul ein

Addario zeigt nicht nur das Leiden der Frauen, sondern begleitet auch die Kämpferinnen: Auf diesem Foto von 2010 sind afghanische Frauen bei einem Polizeitraining fernab von Kabul zu sehen Foto: Lynsey Addario

Lassen die Konflikte sie inzwischen kalt? Addario antwortet entschieden „Nein“, schildert ein Gefühl von Beklemmung und Sorge. Der Krieg im Iran sei schnell eskaliert. „Es wurden sofort zahlreiche Länder mit hineingezogen. Flughäfen im gesamten Nahen Osten schließen, zivile Ziele werden überall getroffen“, beobachtet sie. „Internationale Journalist*innen erhalten keinen Zugang, genauso wie im Gazastreifen. Ich behalte die Situation im Blick und will unbedingt in den Iran zurückkehren.“

Addario begleitet ständig das Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Nicht genug zu leisten. Weder als Journalistin noch als Mutter von zwei Söhnen. In „Love + War“ spricht sie das offen aus. Beim Treffen im MNRDH schwingt es zwischen den Zeilen mit. Besonders im Hinblick auf die politische Lage in den USA. Als dort die Proteste gegen die umstrittene Behörde United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) eskalierten, war Addario in der Ukraine und beobachtete die Geschehnisse aus der Ferne. Erst kurz vor der Vernissage in Esch war sie in Minnesota vor Ort. Über die entsprechende Reportage kann sie vor der Publikation noch nichts verraten.

Der andere Krieg

„In den USA herrscht kein Krieg, aber …“, leitet die Autorin dieser Zeile eine Frage zu ICE ein. Addario unterbricht: „Es ist eine andere Form von Krieg.“ Viele Menschen hätten das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Trump nutzt Taktiken, die ich aus Konfliktgebieten kenne: Medien diskreditieren, Wissenschaftler*innen entlassen, Wahrheiten relativieren, kritische Stimmen mundtot machen.“ Die Regierung verbreite Lügen über die Einsätze von ICE. „Als ICE mehr als 3.000 friedliche Demonstrierende gewaltsam räumte, waren es die lokalen Medien und Zivilpersonen, welche die Wahrheit dokumentierten“, sagt Addario.

In einer Zeit, in der sich viele fragen, was echt ist, bleibt ein entscheidender Faktor: Hinter der Kamera steht ein Mensch, der erklären kann, was er gesehen hat. Das kann keine KI ersetzen.

Renée Good und Alex Pretti kommen einem in den Sinn. Beide wurden von ICE ermordet. Aus Sicherheitsgründen, behauptet die Trump-Regierung. Nach den Vorfällen zirkulierten Videoaufnahmen, die das Gegenteil offenbarten. Das ist die positive Seite des digitalen Zeitalters, in dem jeder Mensch Fotos und Filme teilen kann. Gleichzeitig birgt das Gefahren, wie die Verbreitung KI-generierter Inhalte und von Fake News.

„Es ist wichtig, die Nachrichten aus sozialen Medien kritisch zu hinterfragen. Es gibt Falschinformationen, aber Medien wie die New York Times prüfen jeden Fakt und jedes Bild“, sagt Addario. „Als Fotojournalistin ist es entscheidend, hinter seinen Fotos zu stehen und klarzumachen: Ich war dort. Das hier ist real. In einer Zeit, in der sich viele fragen, was echt ist, bleibt ein entscheidender Faktor: Hinter der Kamera steht ein Mensch, der erklären kann, was er gesehen hat. Das kann keine KI ersetzen. Genauso wenig wie ein persönliches Gespräch.“

Addario veröffentlicht nicht jedes Foto. Manche dienen nur als Beweismaterial. Besonders, wenn die Bilder Tote zeigen. Doch es gibt Ausnahmen. Addario fing 2022 in der ukrainischen Stadt Irpin den russischen Angriff auf einen Fluchtkorridor für Zivilist*innen ein. Auf dem Foto: leblose Körper, den Rucksack noch auf den Schultern und den Rollkoffer griffbereit. Ein Bild, das Addario publizierte, um die Lügen der russischen Regierung aufzudecken, nach denen solche Korridore nicht bombardiert würden.

Wofür es sich lohnt

Als Addario sich im MNRDH entscheiden soll, welches Foto der Ausstellung ihr am meisten bedeutet, gerät sie ins Stocken. Sie dreht sich nach ihren Bildern um, hadert. „Es gibt nicht das eine Foto. Jeder Mensch, den ich fotografiere, hinterlässt etwas bei mir. Ich versuche, mit allen zu sprechen, die ich porträtiere“, sagt sie. Die Schau konzentriere sich auf ihre Aufnahmen von Frauen, doch auch Männer und Kinder hätten sie geprägt. Am Ende benennt sie dennoch ein Werk: „Die Begegnung mit Mama Sesay war ein Wendepunkt.“

Women in War

Yulya (Mitte) war vor der russischen Invasion der Ukraine Lehrerin, jetzt ist sie Soldatin (2022)

Yulya (Mitte) war vor der russischen Invasion der Ukraine Lehrerin, jetzt ist sie Soldatin (2022) Foto: Lynsey Addario

Die Ausstellung „Women in War“ (7. März bis 20. Dezember) im Escher „Musée national de la résistance et des droits humains“ ist die erste Solo-Schau von Lynsey Addario in Europa. Der Fokus: Frauen im Krieg, als Kämpferinnen und Leidtragende. Die Ausstellung wird durch einen Katalog und ein Rahmenprogramm ergänzt. Infos: mnr.lu.

2009 erhielt Addario das Stipendium MacArthur Grant, das sie für eine Dokumentarreihe zur Gesundheit und Sterblichkeit von Müttern in Indien, West- und Ostafrika, Afghanistan und in den USA nutzte. Eines der Porträts gilt der 18-Jährigen Sesay in Sierra Leone (2010). Sie gebar Zwillinge und starb nach der Entbindung aufgrund der mangelnden Gesundheitsversorgung. Addario war dabei. Die Fotoreihe bewegte das Pharmaunternehmen Merck 2011 dazu, das Programm „MSD for Mothers“ zur Prävention von Muttersterblichkeit zu lancieren.

Es sind Momente wie dieser, die Addario zum Weitermachen ermutigen. Inzwischen empfindet sie ihren Job nicht mehr als Entscheidung, sondern begreift ihn als Pflicht. Sie bemüht sich vor Ort darum, die Betroffenen bei Bedarf mit Hilfsorganisationen in Verbindung zu setzen, legt die Kamera beiseite, wenn sie Menschen in akuten Notsituationen helfen kann.

„Wahrheit, Gerechtigkeit und Perspektive sind das, was mich antreibt“, sagt sie. „Ich versuche, die Welt durch Aufklärung ein Stück besser zu machen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“ Dafür riskiert sie ihr Leben und denkt nicht daran, damit aufzuhören. Umso verständlicher ist ihre Reaktion, als nach dem Screening im Neimënster jemand fragt: „Haben Sie je darüber nachgedacht, ihren Job in Teilzeit zu machen?“ Addario bricht in schallendes Gelächter aus – und mit ihr das Publikum.

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