Ceuta
Nach dem Grenzsturm wächst die Sorge um unbegleitete Kinder
Die Grenzkrise von Ceuta ist aus dem Stadtbild verschwunden. Zurück bleiben Hunderte unbegleitete Kinder. Manche sind erst zehn oder elf Jahre alt.
Ein marokkanischer Junge sieht zu einem spanischen Soldaten hoch: Vor einer Woche waren ebenfalls tausende unbegleitete Kinder und Jugendliche von Marokko nach Ceuta gekommen. Viele von ihnen halten sich weiterhin in der spanischen Exklave auf. Foto: AFP/Henry Nicholls
Vor gut einer Woche, am 30. und 31. Juli, wurde Ceuta von den Ereignissen regelrecht überrollt. Innerhalb weniger Stunden gelangten Zehntausende Menschen schwimmend über das Meer oder zu Fuß über den Grenzdamm in die spanische Exklave, die von marokkanischem Territorium umgeben ist. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, die Straßencafés sind erneut gut besucht, der Verkehr staut sich wie an jedem Tag. Inzwischen ist der Ausnahmezustand aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden. Die größte Sorge bereiten inzwischen aber die Minderjährigen.
Auch an den Grenzanlagen ist zu sehen, dass die Krise längst nicht vorbei ist. Die Kontrollen sind deutlich verschärft worden. Auf marokkanischer Seite bewacht eine große Zahl von Sicherheitskräften die Zufahrtsstraßen von Ceutas Nachbarstadt Fnideq. Boote patrouillieren entlang der Küste. Auch auf spanischer Seite ist deutlich mehr Grenzpolizei im Einsatz als noch Ende Juli. Es ist schwer vorzustellen, dass sich die Grenze noch einmal praktisch ungehindert überwinden lässt. Ganz ausschließen will das trotzdem keiner.
Wie viele Migranten noch in Ceuta sind, weiß derzeit niemand genau. Zwar sind nach offiziellen Angaben inzwischen rund 70.000 der mehr als 72.000 Menschen, die Ende Juli nach Ceuta gelangten, wieder nach Marokko zurückgekehrt. Mehrere Tausend Migranten befinden sich jedoch weiterhin in der 84.000-Einwohner-Stadt.
Die spanische Regierung in Madrid spricht von rund 2.500 bis 3.000 Menschen. Die Stadtverwaltung Ceutas schätzt hingegen, dass sich noch bis zu 8.000 irreguläre Migranten in der Exklave befinden. Schon diese große Spanne zeigt, wie unübersichtlich die Lage noch immer ist.
Auf keinen Fall zurück
Unter ihnen befinden sich Hunderte Menschen aus den Krisen- und Bürgerkriegsländern südlich der Sahara, deren Asylanträge nun geprüft werden. Anders als marokkanische Staatsangehörige können sie nicht ohne Weiteres zurückgeführt werden.
Doch eine andere Sorge überwiegt. Nach Behördenangaben kamen mindestens 1.100 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung nach Ceuta. Doch Hilfsorganisationen halten diese Zahl für deutlich zu niedrig. Es könnten doppelt oder dreimal so viele unbegleitete Minderjährige in der Stadt sein, heißt es. Viele leben noch immer in Parks, an Stränden oder in den Hügeln oberhalb der Stadt, andere wurden inzwischen in Notunterkünften untergebracht.

Ein unbegleiteter Zwölfjähriger wird von einem spanischen Soldaten zur spanisch-marokkanischen Grenze begleitet. Seine Zwangsabschiebung wurde von einem hochrangigen Beamten wenige Meter vor Erreichen der Grenze gestoppt, nachdem Anwohner und Journalisten darauf hingewiesen hatten, dass es sich bei dem Migranten um einen Minderjährigen handelt. Foto: dpa/AP/Bernat Armangue
„Wir sprechen hier von wirklichen Kindern“, sagt José Miguel Morales von der spanischen Hilfsorganisation Sur Acoge. Viele seien erst zehn oder elf Jahre alt. Immer wieder kämen sie zu den Helfern oder sprächen Passanten an und fragten nach einem Handy. Sie wollten ihren Eltern in Marokko sagen, dass sie noch leben. Manche hätten ihre Familien heimlich verlassen und erst aus Ceuta angerufen. Andere erzählten, sie wollten auf keinen Fall zurück. Zu Hause gebe es für sie keine Zukunft.
Unicef schlägt Alarm
Auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef schlägt Alarm. Aus der Migrationskrise dürfe keine Krise des Kinderschutzes werden, heißt es. Mehrere Schulen Ceutas, in denen jetzt in den Sommerferien kein Unterricht stattfindet, wurden inzwischen als Notunterkünfte hergerichtet. Die spanische Regierung bereitet die Verteilung der Minderjährigen auf andere Regionen Spaniens vor.
Parallel dazu laufen auf der marokkanischen Seite offenbar Ermittlungen zu den Hintergründen des Ansturms Ende Juli. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation AMDH wurden inzwischen mehr als 80 Menschen angeklagt; offiziell bestätigt wurde dies seitens Marokko nicht. Die Regierung in Rabat machte allerdings in einem Kommuniqué Schleuser und Falschmeldungen in sozialen Netzwerken für den Grenzsturm verantwortlich.
Gerüchte um neuen Grenzsturm
In der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta geht seit einigen Tagen ein Datum um: der 15. August. Darüber sprechen Grenzpolizisten ebenso wie Cafébesitzer am Hafen oder freiwillige Helfer, die sich noch immer um gestrandete Migranten kümmern. Denn in marokkanischen sozialen Netzwerken kursieren Aufrufe, an diesem Tag erneut gemeinsam zur Grenze aufzubrechen.
Ob daraus tatsächlich ein neuer Massenansturm wird, kann gegenwärtig niemand sagen. Die spanischen Sicherheitsbehörden wollen die Gefahr jedenfalls nicht unterschätzen. „Das Risiko ist real, sein Ausmaß aber ungewiss“, heißt es in einem internen Lagebericht der für den Grenzschutz zuständigen Polizeieinheit Guardia civil.