Demografie

Ab 2029 schrumpft Europas Bevölkerung

Die europäische Bevölkerung beginnt in einigen Jahren zu schrumpfen, die Menschen aber werden immer älter: Das sind Herausforderungen und Chancen zugleich, heißt es im unlängst veröffentlichten dritten Bericht der EU-Kommission zur Entwicklung der Demografie in der Union.

In der EU leben rund 451 Millionen Menschen, im Jahr 2100 werden es Projektionen zufolge nur mehr 398,8 Millionen sein

In der EU leben rund 451 Millionen Menschen, im Jahr 2100 werden es Projektionen zufolge nur mehr 398,8 Millionen sein Foto: Editpress-Archiv/Hervé Montaigu

„Unsere Bevölkerung erreicht ihren Höchststand“, sagte die für Demografie zuständige EU-Kommissarin Dubravka Suica bei der Vorstellung der Studie des Wissenschaftszentrums der EU-Kommission. Das wird in drei Jahren der Fall sein. Im vorigen Jahr zählte die EU 450,6 Millionen Menschen, im Jahr 2029 sollen es den Projektionen der Studienautoren zufolge 453,3 Millionen sein. Danach setze ein „langsamer langfristiger Rückgang“ ein, heißt es im Bericht. Demzufolge schrumpft die Bevölkerung der 27 Mitgliedstaaten bis 2050 auf 445 Millionen, am Ende des Jahrhunderts, im Jahr 2100, würden es nur noch 398,8 Millionen Menschen sein. Das sei der Bevölkerungsstand der 1970er Jahre.

Die Geburtenrate ist in den Ländern der EU seit Jahrzehnten im Sinkflug. 1964 wurde mit rund 6,8 Millionen Lebendgeburten ein Höchststand erreicht. Seitdem hat sich diese Zahl fast halbiert. 2024 wurden nur mehr 3,55 Millionen Lebendgeburten gezählt, was einer Fertilitätsrate von 1,34 entspricht. Ohne Zuwanderung müsste die durchschnittliche Anzahl an Kindern, die eine Frau in ihrem Leben gebärt, bei 2,1 liegen, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

Es braucht Antworten auf demografischen Wandel

„Gleichzeitig leben die Europäer länger und gesünder“, meinte die EU-Kommissarin. Während die Lebenserwartung von Frauen im Jahr 2024 noch bei 81,5 Jahren und jene der Männer bei 78,9 lag, können sie bis 2100 mit einem Durchschnittsalter von 90 beziehungsweise 86 Jahren rechnen. Bis 2050 wird jeder dritte EU-Bürger mindestens 65 Jahre alt sein. Kinder, die 2023 in der EU geboren wurden, könnten erwarten, bis zum Alter von 75,3 Jahren ein Leben ohne schwere Krankheit zu führen.

All das wirft Fragen auf: Wo kommen die Arbeitskräfte her, wie sollen die Renten und Gesundheitssysteme finanziert werden, wie werden die Generationen fair behandelt?, so Dubravka Suica. Die Politik muss darauf reagieren, denn es sind Themen, die derzeit aus anderen Gründen aktuell sind, wie etwa die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft und die soziale Kohäsion angesichts der zunehmenden Ungleichheiten.

Beschäftigungsrate älterer Menschen gestiegen

Zahlen von Eurostat zufolge wird die EU zwischen 2025 und 2050 jährlich 1,2 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter (15-64) verlieren. Ohne Migration werden es doppelt so viele sein. Wirtschaftswachstum wird damit unweigerlich von der Steigerung der Produktivität abhängig sein. Der Bericht weist jedoch auch darauf hin, dass in der EU etwa 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Das sei etwa der Fall für rund acht Millionen junger Menschen. Im Jahr 2024 seien jedoch ebenfalls 37,9 Millionen Frauen im arbeitsfähigen Alter (20-64) beruflich nicht aktiv gewesen. Noch immer sind es ein Mangel an qualitativer Kinderbetreuung sowie die mangelnde Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf, die vor allem Frauen vom Arbeitsmarkt fernhalten.

1,2 Mio.

Zwischen 2025 und 2050 wird die EU jährlich 1,2 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter (15-64) verlieren

Die Beschäftigungsrate älterer Arbeitnehmer ist in den letzten Jahren gestiegen. Zwar gebe es große Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten, doch sei zwischen den Jahren 2016 und 2025 die Beschäftigungsrate der Frauen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren um 13,5 Prozentpunkte auf nunmehr 60,8 Prozent gestiegen. Bei den Männern in der gleichen Alterskategorie war es eine Steigerung um 12,2 Prozentpunkte auf eine Rate von 72,3. Doch es gibt eine Tendenz, das Pensionsalter an die gestiegene Lebenserwartung anzupassen. Die EU-Kommissarin wies etwa auf Dänemark hin, wo in den kommenden Jahren bis 2040 das Renteneintrittsalter sukzessive von derzeit 67 auf 70 Jahre angehoben wird.

Ab 2029 schrumpft Europas Bevölkerung

EU-Kommission fordert Minister für Demografie

Die steigende Lebenserwartung wird ebenfalls Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme und Pflegedienste haben. Bis zum Jahr 2070 wird sich die Zahl der über 80-Jährigen verdoppeln, dementsprechend auch die Nachfrage nach Gesundheitsdiensten. Während sich damit zum einen neue wirtschaftliche Wachstumsbereiche auftun, weist der Bericht auf einen fortschreitenden Mangel an Pflegepersonal in den kommenden Jahrzehnten hin und verweist dabei auf die Studie „Health at a Glance“. Demnach habe es bereits im Jahr 2024 einen geschätzten Mangel von 1,2 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen in der EU gegeben. Projektionen zufolge brauche es bis zum Jahr 2071 zusätzliche 30 Prozent Ärzte sowie 33 Prozent Pflegekräfte im Vergleich zu 2021.

Die demografische Entwicklung wird für die EU eine zunehmende Herausforderung. Die EU-Kommission habe vor einigen Jahren den Mitgliedstaaten empfohlen, einen Minister mit dem Thema zu beauftragen, sagte Dubravka Suica. Bislang seien nur drei EU-Staaten dieser Aufforderung nachgekommen: Italien, Kroatien und Slowenien. „Die Zeit ist gekommen, um eine europäische Agentur für Demografie zu schaffen“, meinte die EU-Kommissarin. Diese soll auf wissenschaftlicher Basis politische Handlungsoptionen erarbeiten. Denn es bestehe das Risiko, dass Europa nicht auf den Wandel vorbereitet ist, warnte Dubravka Suica.

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