„Unter Kontrolle“

Deshalb gibt es noch keine neuen Restriktionen in Luxemburg 

416 Neuinfektionen hat die „Santé“ am Mittwoch vermeldet. Der bisherige Höchstwert wurde damit um fast das Doppelte überschritten. Gesundheitsministerin Paulette Lenert erklärte auf einer Pressekonferenz am Mittwochnachmittag, warum die Situation dennoch noch unter Kontrolle ist. 

Gesundheitsministerin Paulette Lenert bei der Pressekonferenz am Mittwoch

Gesundheitsministerin Paulette Lenert bei der Pressekonferenz am Mittwoch Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Die Information, die alle etwas erschreckt hat, fiel in einem Nebensatz: „Auch wenn die Zahlen fundamental hochgegangen sind, und auch heute – wir haben heute noch einmal 416 Neuinfektionen zu verbuchen, das ist sehr viel –, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass unsere Analyse aber noch relativ stabil geblieben ist.“ Eigentlich wollte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) bei ihrer Pressekonferenz am Mittwochnachmittag die Pandemie-Wochenretrospektive erläutern. Aber sie musste vor allem über das reden, was derzeit wohl die meisten Menschen in Luxemburger beschäftigt: 1.280 neue Coronafälle in einer Woche – aber keine neuen Restriktionen in Sicht. Ein Paradoxon, oder nicht? 

Lenert versuchte, dieses Paradoxon aufzulösen. Das ist nicht einfach. Einerseits sind die Zahlen „alarmierend“. Andererseits schaue man sich „nicht nur die Zahlen an“, sondern gehe „viel nuancierter vor“.  Einerseits befinde man sich immer noch in einer „linearen Evolution“. Andererseits gehe man in eine „exponentielle Lage“ hinein, wenn es denn so weitergeht. Einerseits sind die Zahlen „fundamental hochgegangen“. Andererseits ist die Situation „unter Kontrolle“. Einerseits sollen die Menschen aufpassen und sich wieder auf die Pandemieregeln berufen. Andererseits ist die Zeit für Restriktionen offenbar noch nicht gekommen. 

Glatte Straßen in Luxemburg 

„Wenn die Straßen glatt sind, werden sie auch nicht direkt gesperrt.“ Lenert bemühte auf ihrer Pressekonferenz erneut das Bild, das schon beim außerordentlichen Regierungsrat am vergangenen Samstag zu mehr Eigenverantwortung motivieren sollte. „Die Pandemie ist lange genug hier“, sagte sie. „Ich denke, dass jeder für sich absolut versteht, dass er vorsichtig sein muss, wenn die Zahlen hochgehen.“

Lenert versuchte zu erklären, wieso es noch keine Restriktionen wie in der ersten Welle gibt – obwohl die zweite Welle sich derzeit in einigen Statistiken wesentlich höher auftürmt. Ja, die Zahlen sind alarmierend, sagte Lenert – aber sie blendeten auch. „Wir gehen viel nuancierter vor“, sagte die LSAP-Politikerin. „Wir schauen auf mehr Parameter – wenn wir nur auf die Zahlen schauen würden, würden wir blind handeln.“ Die Analyse ihres Hauses beruhe auf einer Reihe Indikatoren, die laufend beobachtet würden. „Wir sitzen jeden Tag zusammen, um uns Gedanken zu machen, ab wann es alarmierend wird“, sagte Lenert. Die Indikatoren zeigten an, ob das gesetzte Ziel garantiert ist. Das lautet: den Virus unter Kontrolle halten und verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht. Und die Indikatoren schlagen eben noch nicht aus. „Das Ziel ist noch immer garantiert“, sagte Lenert.

Die Menschen müssten „Vertrauen“ haben. „Wir sind intensiv dabei, Tag für Tag, im Austausch mit den Leuten im Feld und mit den Experten, um eine sachliche, objektive Einschätzung zu machen – und auch nicht über die Stränge zu schlagen“, sagte Lenert. Das sei eine Chance, eine bessere Kontrolle zu erlangen. „Stand heute bin ich zuversichtlich, dass wir uns auf die Indikatoren, die wir uns gegeben haben, wirklich verlassen können – und dass das, was wir sehen, auch stimmt.“ Anders als in großen Ländern könne man in Luxemburg eben nicht nur nach den Zahlen Maß nehmen und Maßnahmen verhängen, die extrem radikal sind und nicht immer Sinn machten. „Es ist unser Wunsch, dass darauf vertraut wird, dass wir das schon sachlich analysieren“, appellierte die Gesundheitsministerin.

Jüngere öfter betroffen

Der Hauptgrund dafür liegt laut Lenert in der Altersstruktur der Infizierten. „Es sind die älteren Leute, die statistisch gesehen eher Komplikationen haben und auch ein viel größeres Risiko haben, längere Zeit im Krankenhaus behandelt werden zu müssen“, sagte Lenert. Nach wie vor sei der Altersschnitt der Infizierten in Luxemburg relativ niedrig. 48 Prozent der Neuinfektionen werden bei Menschen festgestellt, die zwischen 15 und 44 Jahre alt sind. „Der Anteil der Neuinfizierten, die über 65 Jahre alt sind, geht nicht im selben Maße hoch wie in den anderen Alterskategorien“, sagte Lenert. 67 Menschen seien derzeit im Krankenhaus, sechs davon auf der Intensivstation. „Man sieht: Auch da haben wir keinen großen Sprung gemacht“, sagte Lenert, um dann wieder etwas ins Paradoxe zu rutschen. „Obwohl man sieht, dass es da anzieht.“ Aber nicht in dem Maße wie in den Nachbarländern. „Ich denke da an Holland und Belgien, wo sich die Situation in den Krankenhäusern wirklich extrem zuspitzt.“ Umgekehrt sei es sehr alarmierend, wenn man da eine Veränderung sehen würde. Lenert schickte deshalb noch eine Mahnung hinterher: „Ich mache einen Appell an die älteren Leute: Sie sind besonders exponiert im Moment – passen Sie auf.“ Es sei für die Älteren an der Zeit, ihre Gewohnheiten zu überdenken.

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Aber nicht nur die Senioren sollen zusätzliche Anstrengungen unternehmen. Wegen der hohen Infektionszahlen sollen alle beim Contact Tracing mithelfen – und sobald sie ein positives Resultat haben, jene Menschen zügig selbst kontaktieren, mit denen sie zusammen waren. Wenn von heute auf morgen ein paar Hundert Neuinfektionen dazukämen, könne es langer dauern, bis die Contact-Tracing-Abteilung „da durch ist“, sagte Lenert. Das seien verlorene Tage. In der jetzigen Situation sei es aber wichtig, keine Zeit zu verlieren. Bei den Diensten der „Santé“ stelle man sich auf das neue Geschehen ein. „Aber es dauert natürlich, bis sich das einpendelt.“

Komplett ausschließen will Lenert neue Restriktionen natürlich nicht. „Die Situation kann sich von Tag zu Tag ändern“, sagte sie. Man könne jetzt analysieren, dass die Situation unter Kontrolle sei. „Wir wissen aber nicht, was morgen ist.“ Aber Maßnahmen seien immer „extrem einschneidend“. Und die Situation sei jetzt sicherlich eine ganz andere als die im März. „Damals mussten wir ganz schnell handeln, weil wir nicht vorbereitet waren und das Virus nicht gekannt haben“, sagte Lenert. „Wir wussten nicht, wie unser Gesundheitssystem damit fertig wird, wir hatten kein Monitoring, kein Testing.“ All diese Sachen haben seien jetzt „en place“. „Und deshalb glaube ich, dass jetzt nicht der Moment ist, einfach blind zu handeln und die Handbremse zu ziehen.“

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