Meinung

Was ist Integration? Antwort auf den Beitrag „Liebe weiße Männer“ von Elise Schmit

Anstatt hier die Kleider des Satirikers oder Polemikers anzuziehen, um auf Elise Schmits kontrollierten Wutausbruch zu antworten, möchte ich mich in jene Kleider hüllen, die mir aufgrund meines Studiums – Staatsexamen, Promotion, Habilitation – zustehen, nämlich in die Kleider des Philosophen – und Elise Schmit hat m.W. ja auch das Fach Philosophie studiert. Und was ein Philosoph – und ebenso natürlich eine Philosophin – immer am Anfang zu tun versucht, ist, den zur Diskussion stehenden Begriff zu bestimmen. Was ist also Integration?

Was ist Integration? Antwort auf den Beitrag „Liebe weiße Männer“ von Elise Schmit

Foto. Freepik

Statt einer essentialistischen Definition ziehe ich hier eine Typologie vor und möchte, so wie Michael Walzer von Sphären der Gerechtigkeit gesprochen hat, von Sphären der Integration sprechen. Ich erhebe dabei keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit, noch soll mit der Reihenfolge der Auflistung irgendeine Hierarchisierung aufgedrängt werden. Auch wäre noch viel mehr zu sagen als das, was ich hier sage.
Beginnen wir mit der politischen Integration, die darin besteht, Menschen, direkt oder indirekt, am politischen Entscheidungs(findungs)prozess teilnehmen zu lassen. In Luxemburg darf jede Person, die die luxemburgische Staatsangehörigkeit besitzt und 18 Jahre alt ist, an den Legislativwahlen teilnehmen – ich lasse kleinere Hinderungsgründe aus. Ob man schwarz oder weiß, männlich oder weiblich, hetero- oder homosexuell, usw. ist, spielt dabei keine Rolle.

Jetzt wird jemand sagen: Das genügt nicht, sondern jede betroffene Gruppe muss auch im Parlament mit einer oder mehreren Personen repräsentiert sein. Wer das sagt, verlangt, dass wir uns wieder dem Modell des Ständestaates zuwenden – also dass wir reaktionär werden –, bloß dass wir dann einen Genderstaat hätten – wenn wir hier nur die Genderunterschiede berücksichtigen. Wir könnten eine bestimmte Sitzzahl für Frauen, Menschen aus der LGTBQIA+-Gruppe, Arbeiter, Menschen mit einer Behinderung, Leute aus der Privatwirtschaft, usw. reservieren. Wir „könnten“, aber bevor wir die politische Integration bis dahin treiben, sollten wir uns zunächst überlegen, ob es absolut notwendig ist.

Ob jemand eine Stelle bekommt oder nicht, sollte nur von der Kompetenz der Person abhängen, nicht von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Ausrichtung, usw.

Ich möchte dann die rechtliche Integration erwähnen, die darin besteht, dass jeder Mensch, was auch immer seine Hautfarbe, sein Geschlecht, seine sexuelle Ausrichtung, usw., vom Recht geschützt wird und also Vollmitglied der Rechtsgemeinschaft ist. Wer mich, Norbert Campagna, zusammenschlägt, macht sich einer Körperverletzung schuldig; wer eine dunkelhäutige Person zusammenschlägt, bloß weil sie dunkelhäutig ist, macht sich einer Körperverletzung mit rassistischem Hintergrund schuldig, was, juristisch gesprochen, eine „circonstance aggravante“ darstellt. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass Bosheit und Dummheit strenger bestraft werden als bloße Bosheit.

Jetzt wird jemand sagen: Das genügt nicht, sondern bestimmte Gruppen sollten auch vor bestimmten Witzen, Aussagen, usw. geschützt werden, denn neben der Körperverletzung gibt es auch die Gefühlsverletzung, und eine Frau, die sich etwa sexistische Witze anhören muss, wird in ihren Gefühlen und in ihrer Psyche verletzt. Schützt man sie nicht davor, integriert man sie nicht ganz in die Rechtsgemeinschaft. Ich verstehe den Einwand, warne aber davor, da man, wenn man seiner Logik konsequent folgt, auch Witze oder Karikaturen verbieten müsste, die das Gefühl religiöser Menschen verletzen. Und wo wird man aufhören? Auf Witze, die Frauen lächerlich machen, reagiert man am besten mit Witzen, die Männer lächerlich machen. Und vergessen wir nicht: Die besten Judenwitze stammen von ... den Juden! Statt einer argumentativen Antwort verweise ich hier auf das Buch eines Psychoanalytikers: Moussa Nabati, L’humour-thérapie (Paris 1997), und füge nur noch hinzu, dass Gegenrede die beste Waffe gegen Rede ist.

Kommen wir dann zu einer dritten Sphäre der Integration, der ökonomischen Integration. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in welcher die Menschen durch die Arbeit integriert werden. Wer keine Arbeit hat, lebt am Rande der Gesellschaft, und zwar nicht nur im bildlichen, sondern oft auch im wörtlichen Sinn. In einer gerecht organisierten Gesellschaft würde entweder jede Person eine Arbeit haben oder der soziale Reichtum würde so verwendet werden, dass niemand am Rande der Gesellschaft zu leben braucht. Und es würde jedem die Möglichkeit gegeben werden, durch eine Tätigkeit seinen Beitrag zum Allgemeinwohl zu liefern. In Erwartung dieses Idealzustandes sollte aber vorerst gelten: Ob jemand eine Stelle bekommt oder nicht, sollte nur von der Kompetenz der Person abhängen, nicht von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Ausrichtung, usw.

Hier wird jemand sagen: Das genügt nicht, da die Gesellschaft Frauen und Männer in bestimmte Richtungen bei der Berufswahl orientiert. Das ist nicht ganz falsch, aber man kann nicht bestreiten, dass sich in den letzten Jahrzehnten hier einiges geändert hat. Vielleicht sollte man in den Schulen noch mehr hierzu informieren. Aber es wäre auch an der Zeit, eine Gleichwertigkeit der Berufe anzuerkennen und dieser auch einen ökonomischen Ausdruck zu verleihen: Wer den Klassensaal nach dem Unterricht ordentlich sauber macht, sollte mehr verdienen, als wer vorher in diesem Klassensaal schlecht unterrichtet hat! Und die allgemeine Höhe des Lohnes sollte nicht so sehr von der Studiendauer abhängig gemacht werden, sondern von der Härte der Arbeit bzw. ihrer Unannehmlichkeit.

Ich komme dann viertens zur sozialen Integration, die darin besteht, dass man an allgemeinen sozialen Praktiken teilnehmen kann. In Luxemburg kann niemand daran gehindert werden, einem Fußballspiel beizuwohnen, bloß weil man weiblich ist, oder schwarz oder homosexuell, oder … Jede Person ist gleichermaßen berechtigt, an den sozialen Praktiken jeder Art teilzunehmen.

Das Universelle, das sich in ihren Werken kundtut, sollte uns über alle unsere Unterschiede hinweg vereinen. Sie schrieben – malten, musizierten, … – alle als Menschen, mit einem weiblichen, homosexuellen, schwarzhäutigen, … Erfahrungshorizont, auf den man sie auf keinen Fall reduzieren sollte

Hier wird jemand sagen: Eine Person im Rollstuhl darf ins Theater gehen, ja, aber wenn sie nur über Treppen in den Theatersaal kann, wird sie faktisch daran gehindert, ins Theater zu gehen. Der Einwand ist berechtigt und es ist die Pflicht der öffentlichen Hand, auch behinderten Personen die Teilnahme an Theateraufführungen, usw. zu ermöglichen, etwa durch Zugangsrampen. Dabei wird man natürlich den gesunden Menschenverstand walten lassen müssen: Man kann einer Person im Rollstuhl nicht ermöglichen, auf dem Fußballfeld mitzuspielen. Aber man kann den Behindertensport unterstützen und einen Teil der Summe, die man in ein Prunkstadion investiert, in den Behindertensport investieren, um so vielen behinderten Menschen wie möglich zu erlauben, sich sportlich zu betätigen.

Sehen wir uns dann fünftens die, wie ich sie nennen möchte – aber über das Adjektiv kann man streiten – kulturelle Integration an. Gemeint ist damit die Integration in die dominante Kultur. Diese wird von vielen als eine weiße, männliche, heteronormative, usw. Kultur bezeichnet. In den Schulen liest man nur und spricht man nur über die Werke weißer heterosexueller Männer. Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, nur ist es halt so, dass es in den vergangenen Jahrhunderten so war, dass es weiße, meistens heterosexuelle, Männer waren, die große Kunst und Wissenschaft produziert haben. Das hat aber nichts damit zu tun, dass solche Männer an sich besser sind, sondern damit, dass Frauen nicht dieselben Ausbildungsmöglichkeiten hatten. Aber es gibt auch Frauen, die Großes geleistet haben, und die Werke dieser Frauen sollten selbstverständlich auch in den Schulen behandelt werden. Und dasselbe gilt für homosexuelle Männer, ebenso für Menschen anderer ethnischer Abstammung, usw. Lesen wir ruhig in den Schulen Oscar Wilde, Léopold Sédar Senghor, Louise Labé, Christine de Pisan, usw., aber lesen wir sie nicht, weil sie homosexuell, schwarz oder weiblich waren, sondern lesen wir sie wegen des literarischen oder philosophischen Wertes ihrer Werke. Und ähnliches gilt für die Malerei, die Musik, usw. Das Universelle, das sich in ihren Werken kundtut, sollte uns über alle unsere Unterschiede hinweg vereinen. Sie schrieben – malten, musizierten, … – alle als Menschen, mit einem weiblichen, homosexuellen, schwarzhäutigen, … Erfahrungshorizont, auf den man sie auf keinen Fall reduzieren sollte.

Vielleicht ließe sich auch hier ein Einwand anbringen und nach dem Einwand und seiner Beantwortung ließen sich noch andere Sphären der Integration benennen, wie etwa die mediale Integration, d.h. das Zeigen von schwarzen, queeren, transgender usw. Menschen in Filmen, Werbungen, usw. Dazu kurz: Jeder soll zeigen, wen er will, aber bitte keine explizite oder implizite Zeigepflicht – und sei es nur, weil diese zur Heuchelei führen kann!

Ich möchte aber vor dem Schluss noch ein Wort zur „Extegration“ sagen, also zum Ausschluss, wie er von den Anhängern der Cancel Culture propagiert wird. Soll man Shakespeare, Céline, Heidegger und andere von den Lehrplänen ausschließen, weil sich antisemitische Passagen in ihren Werken finden? Soll man John Locke nicht mehr im Philosophieunterricht behandeln dürfen, weil er in den Fundamental Constitutions of Carolina die Sklaverei akzeptiert? Und dann wird man natürlich auch Aristoteles streichen müssen. Soll man Kants Werke verbrennen, weil er geschrieben hat: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften“ (Physische Geographie, in Kants Werke. Akademie Textausgabe IX, Berlin 1968, S. 316 – Orthographie wurde von mir modernisiert)? Oder genügt es, alle diese Passagen zu streichen? Dass Kant in der eben zitierten Passage schrecklichen Blödsinn geschrieben hat, leuchtet mir ebenso ein wie dem größten Antikantianer.

Kann man die Schwarzen in unsere Gesellschaft integrieren und gleichzeitig in dieser Gesellschaft Kant in den Schulen lesen? Meine Antwort ist klar und deutlich: Ja.

Was soll man also tun? Kann man die Schwarzen in unsere Gesellschaft integrieren und gleichzeitig in dieser Gesellschaft Kant in den Schulen lesen? Meine Antwort ist klar und deutlich: Ja. Denn eines sollte man nicht vergessen: Die Demokratie ist die Erfindung weißer privilegierter Männer, die liberalen Theorien sind die Erfindung weißer privilegierter Männer, die Theorien der Gerechtigkeit wurden zuerst von weißen privilegierten Männern formuliert, ebenso der Gedanke der allen Menschen innewohnenden Würde. Anders gesagt: Die konzeptuellen Waffen, mit denen heute für die Integration von nicht-weißen Nicht-Männern gekämpft wird, wurden, ob man es wahrhaben will oder nicht, von weißen privilegierten Männern geschaffen, und Mary Astell hat in ihren Reflections upon Marriage (1700) die Lockesche Theorie benutzt, um daraus, wie wir heute sagen würden, feministische Konsequenzen zu ziehen. Dass diese weißen privilegierten Männer eine beschränkte Sicht der Demokratie, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Würde hatten, ist unumstritten und darin ist Carole Pateman in ihrem Buch The Sexual Contract recht zu geben.

Aber warum das Kind mit dem Bade ausschütten? Warum eine kollektive Amnesie einführen? Kritisieren wir die weißen privilegierten Männer, wenn sie Blödsinn reden, aber seien wir ihnen – aber auch den Frauen, selbstverständlich, und gegebenenfalls auch denen, die dem dritten, vierten, usw. Geschlecht angehörten – dankbar dafür, dass sie uns die Mittel an die Hand gegeben haben, um diesen ihren Blödsinn zu kritisieren. Und versuchen wir vor allem zu verstehen, was sie dazu gebracht hat, solchen Blödsinn zu schreiben. Dadurch integrieren wir sie in die Gemeinschaft der fehleranfälligen Wesen, die wir alle sind. Folgen wir hier dem muslimischen Philosophen Al-Kindi (gestorben 870), der dazu aufrief, den heidnischen Philosophen dankbar zu sein für die Wahrheiten, die sie der Nachfolgewelt hinterlassen haben (Al-Kindi, Metaphysics, Albany 1974, S. 57). Seine Widersacher, die fanatischen asharitischen Theologen, sahen es nicht so: Sie wollten, wie man heute sagen würde, das heidnische, griechisch-römische Erbe „canceln“. Wozu der Sieg dieser Theologen geführt hat, wissen wir, leider, nur allzu gut.

Wenn jetzt jemand glaubt, mir vorwerfen zu müssen, dass ich von meinem Bildungsprivileg Gebrauch gemacht habe, indem ich hier nicht in einem oder zwei Sätzen billig polemisiert – was schließlich jeder und jede kann –, sondern einen argumentativen Text produziert habe, darf das ruhig tun.

Dem vorstehenden Beitrag ging ein Beitrag des Verfassers voraus: Leserbrief / Satire im Jahre 2021, Wirklichkeit im Jahre 2031? auf den Elise Schmit ihrerseits eine Reaktion mit dem Titel Liebe weiße Männer…: Antwort auf den Leserbrief „Satire im Jahre 2021, Wirklichkeit im Jahre 2031?“ vom 8. April 2021 verfasst hatte.

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