Meinung
Liebe weiße Männer…: Antwort auf den Leserbrief „Satire im Jahre 2021, Wirklichkeit im Jahre 2031?“ vom 8. April 2021
Ich glaube, es hakt. Seit Jahren erscheinen Meter um Meter Fachliteratur, Erfahrungsberichte, Zeitungskommentare und wasnichtnoch zum Umgang mit gesellschaftlich benachteiligten Gruppen. Es wird diskutiert. Es wird geduldig erklärt, es wird geschimpft, es werden mehr oder minder stichhaltige Positionen gegeneinander abgewogen, es wird um Lösungsansätze gerungen. Das ist manchmal ermüdend, nicht zuletzt für die, die diese Fachliteratur, Erfahrungsberichte, Zeitungskommentare lesen und den Austausch darüber suchen. Man muss sich oft wiederholen. Dennoch überkommt einen manchmal die hoffnungsvolle Ahnung: Ja, es bewegt sich etwas; so langsam setzt sich ein allgemeines Verständnis dafür durch, dass wir einen vernünftigeren gesellschaftlichen Umgang finden müssen, wenn wir weiterhin als Demokratie gelten wollen. Doch dann, zack, wie aus dem Nichts (und es ist vermutlich eine Art Nichts) veröffentlichen Helden wie ihr Eingaben wie den Leserbrief „Satire im Jahre 2021, Wirklichkeit im Jahre 2031?“ und bieten – ohne dass sie jemand um ihre Meinung gebeten hätte – ihre Hilfe beim Treffen „drastischer Entscheidungen“ an, die sämtlich in der impliziten Forderung münden, es solle doch bitte alles so bleiben wie es ist. Als wäre um euch herum in den letzten Jahren nichts passiert. Als hättet ihr von Gender Pay Gap oder Critical Whiteness oder Male Privilege noch nie etwas gehört. Als gäbe es diese Debatten nicht oder als gingen sie euch nichts an. Von der Höhe eurer Privilegien herab verlacht ihr noch die, denen im öffentliche Raum (also vornehmlich durch euch) weniger Platz zugestanden wird. Wie bescheuert das ist, sollte euch niemand vorrechnen müssen. Aber auch das haben die Debatten um strukturelle Benachteiligung von Teilen der Gesellschaft gezeigt: Es bringt nichts, die Schultern zu zucken und euch den öffentlichen Raum zu überlassen. Wenn immer die Klügeren nachgeben, hört man am Ende nur noch das Gerede der weniger Klugen. Deswegen muss ich euch kurz ein paar Dinge sagen, die ihr durch ein bisschen Aufmerksamkeit und Interesse für das Zeitgeschehen selbst hättet in Erfahrung bringen können. Nichts davon ist neu.
Zunächst zu eurem Leserbrief. Mir ist das jetzt ein wenig peinlich, ausgerechnet euch daran erinnern zu müssen, was ein Strohmann-Argument ist. Ihr kritisiert Positionen, die niemand vertritt. Niemand, der halb bei Trost ist, glaubt, alle Deutschen seien Nazis oder alle Schwarzen Präsidenten seien Tyrannen. Aber Schwamm drüber, das wisst ihr ja selbst. Auch wird euch zwischenzeitlich jemand darüber aufgeklärt haben, dass weibliche Endungen in der Grammatik nicht dasselbe sind wie Gendern und dass der Protagonist des Werks, das ihr „das Luxemburger Nationalepos“ nennt, ein Fuchs ist und kein Wolf. Interessant übrigens, dass ihr dieses Beispiel wählt. Man mag nämlich dem Autor des Renert zugutehalten, dass er in seiner Satire die Machenschaften von Wirtschaft, Politik und Klerus scharfsinnig analysiert. Er präsentiert jedoch auch eine Vergewaltigung (der Wölfin durch den Fuchs) als Witz und ordnet die Frauenfiguren generell dem Bereich des Privaten zu, während die männlichen Figuren die Handlung bestimmen. Die historische Distanz lässt diesen Sexismus deutlich werden und könnte, nur so als Anregung, eine Verklärung des Renert zum nationalen Heiligtum mit gutem Grund verhindern.
Auf noch zwei weitere Aspekte in euren Beispielen möchte ich hinweisen. Ihr scheint zu meinen, Rassismus und Diskriminierung könne es unabhängig von der Situierung im gesellschaftlichen Machtgefälle geben. Der Sinn einer solchen Sichtweise wird in der derzeitigen Debatte angezweifelt, unter anderem, weil sie eine Täter-Opfer-Umkehr erlaubt, die von den eigentlichen Problemen ablenkt. Angehörige gesellschaftlich privilegierter Gruppen können nach dieser Ansicht zwar situationsbedingt Opfer unfairer Behandlung werden, aber nicht Opfer von Rassismus oder Sexismus, da ihre allgemeine gesellschaftliche Vorrangstellung durch ein punktuelles Geschehen nicht gekippt wird. Rassismus gegen Weiße, Sexismus gegen heterosexuelle cis-Männer sind in diesem Kontext keine sinnvollen Konzepte. Sie tragen zu mehr Gerechtigkeit jedenfalls nichts bei.
Es geht in dieser Debatte, wie oben schon angedeutet, nicht um sprachliche Kosmetik, sondern um gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung
Beim Thema der strukturellen Diskriminierung geht es, anders als ihr unterstellt, weder vorrangig um Vorurteile noch um Gefühle. Statt den Vertreter*innen von Gegenpositionen Irrationalität zu unterstellen und euch über sie lustig zu machen, hättet ihr gern ein paar Argumente vorbringen können. Als professionelle Denker hättet ihr genug zu tun. Bei der Besetzung von Capitani liegt das Problem nicht vornehmlich bei einem unglücklich formulierten Castingaufruf, hättet ihr schreiben können, sondern darin, dass in luxemburgischen Filmproduktionen für Schwarze Schauspieler offenbar kaum andere Möglichkeiten vorgesehen sind, denn als Bösewicht aufzutreten. Ist nicht die weißweiße Dorfgemeinschaft im Öslinger Kaff aus der ersten Staffel der eigentliche Skandal? Auch könntet ihr euch daran stören, dass Politiker*innen sich über einen Castingaufruf mehr aufregen als über die Drogenbanden im Bahnhofsviertel. Sie hätten ja eventuell Möglichkeiten an der Hand. Die Hauptfrage schließlich, mit der ihr euch befassen könntet, wenn ihr denn eure Position partout nicht verlassen wollt, bestünde darin, zu erklären, warum der Universalismus, der von euren Gesinnungsgenossen immer wieder als Gegenentwurf ins Spiel gebracht wird, in diesen Debatten einfach nirgends greift. Wenn seit Kant die Zielvorgabe klar ist, warum sind wir dann immer noch so weit von einer egalitären Gesellschaft entfernt? Ist der Universalismus vielleicht nicht so universell, wie er tut? Oder verstellt, wie so oft in ethischen Fragen, der Unterschied zwischen dem, was als richtig erkannt wird, und der praktischen Umsetzung den Blick auf eine problematische Wirklichkeit? Von der hübschen Idee, dass alle Menschen gleich seien, hat man nichts, wenn man aufgrund seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, seiner Hautfarbe usw. Nachteile davonträgt.
Es geht in dieser Debatte, wie oben schon angedeutet, nicht um sprachliche Kosmetik, sondern um gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung. Es ist angesichts eurer Qualifikationen ein wenig bedauerlich, wenn euch ein paar kleine sprachliche Anpassungen überfordern und ihr den Zusammenhang zwischen sprachlicher Darstellung und gesellschaftlicher Wirklichkeit nicht anerkennen wollt. Wenn ihr auf euren Privilegien sitzen bleibt, verbietet euch das jedoch niemand. Vielleicht wird dieses Sitzen in Zukunft etwas ungemütlicher. Vielleicht werden sich mehr Menschen, die keine weißen cis-Männer sind, gegen ihre Marginalisierung wehren, vorausgesetzt natürlich, sie teilen das Privileg einer relativen wirtschaftlichen Unabhängigkeit, das uns, euch und mir, überhaupt erst erlaubt, unsere Zeit für längere Zeitungskommentare und dergleichen aufzuwenden. Mit dem Gegenwind, den ihr erwarten könnt, ist aber kein Sprechverbot verbunden. Der Vorwurf, dass irgendetwas nicht mehr gesagt werden dürfe (ihr erhebt ihn mehrfach), ist, vorsichtig formuliert, performativ widersprüchlich, wenn ihr ihn in einer Zeitung veröffentlicht. Meinetwegen könnt ihr gern noch hundert Leserbriefe schreiben, in denen ihr eure reaktionäre Weltsicht zur Schau stellt. Dieses Recht auf freie Meinungsäußerung gesteht die demokratische Gesellschaft ja sogar denjenigen zu, die ihre Werte nicht vertreten.
* Elise Schmit schreibt vor allem Geschichten, Theaterstücke und Gedichte. Für ihren Erzählband „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ (2018) wurde sie mit dem Prix Servais ausgezeichnet. Sie hat in Tübingen Literaturwissenschaft und Philosophie studiert.
Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um eine Antwort auf diesen Leserbrief von Eric(a)* Bruch*IN* und Norbert(a) Campagna, o,