Editorial

Luxemburgs zweite Welle: Weshalb die Regierung zu langsam reagiert

Xavier Bettel (DP) und Paulette Lenert (LSAP) schwimmen sehenden Auges in die zweite Corona-Welle

Xavier Bettel (DP) und Paulette Lenert (LSAP) schwimmen sehenden Auges in die zweite Corona-Welle Foto: Editpress/Claude Lenert

Wie konnte es bloß so weit kommen? Übereilte Lockerungsmaßnahmen, sträflich vernachlässigte Tracing-Teams, Zickzackkurs in den Schulen und „fatzeg Dëlpessen“, die sich nicht um gefährdete Menschen scheren: Ja, das konnte unsere Regierung nicht kommen sehen. Keine wissenschaftlichen Indikatoren, keine Modelle und Projektionen, keine Hilferufe aus den „Santé“-Teams, keine warnenden Stimmen in den Schulen, keine Erfahrungswerte mit kontaktfreudigen Menschen und ganz sicher eins nicht: Streitereien zwischen den Regierungsparteien.

Denn unsere führenden Regierungsmitglieder sind nicht nur supersympathisch, sondern auch waschechte PR-Profis: Sie steuern die Kommunikation immer noch mit Bravour, selbst ohne die autoritären Verlockungen des Lockdowns. Die Methode: Man gibt der parlamentarischen Opposition und der Presse kaum Zugang zu grundlegenden Daten und Details, die kritisch hinterfragt werden können. Es wird verlautbart, versprochen und vertröstet – jeder darf denken und meinen, was er will. Fragen stellen und seine kritische Kontrollfunktion ausüben bleibt somit bis auf Weiteres erschwert. Aber es gibt ja auch keine Probleme.

Okay, die Nachbarn wollen uns nicht mehr so einfach reinlassen. Eigentlich ganz schön unfair: Wir sind doch Weltmeister im Testen! Europas Dank dafür: bestraft werden, ein toller Hecht zu sein. Und die Warnungen der „Covid-19 Task Force Luxembourg“, dass wir scheinbar unfähig sind, Masken zu tragen und Abstand zu halten? „Hal se zou, mir wëllen op d’Belsch Plage.“ Also lasst das mal lieber brav sein mit dem Large Scale Testing und den Tracing-Detektiven: Damit Wirtschaft und Urlaub nicht baden gehen, schwimmen wir lieber Richtung zweite Welle.

Oder ist sie schon da, diese von Politik und Zivilgesellschaft unbeeinflusste Naturkatastrophe? Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) nennt das „eng epesch Diskussioun“. Was bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz mit Premier Xavier Bettel (DP) am Mittwoch deutlich wurde: die Unlust am Schönreden des schleichenden Kontrollverlusts. Was die zwei Politiker auch gemeinsam haben: Transparenz ankündigen, Expertenwissen vorschieben – und beides am Ende ignorieren. Denn die „Covid-19 Task Force Luxembourg“ kommt in ihrem aktuellen Bericht zu folgender Schlussfolgerung: „Somit müsste man aufgrund der aktuell vorliegenden Fallzahlen von einer allgemeinen zweiten Welle ausgehen.“ Und „Santé“-Direktor Jean-Claude Schmit meint in einem Schreiben zur Wiederbelebung der hauseigenen Krisenzelle: „La deuxième vague d’infections est bien réelle, comme en témoignent aussi des messages reçus par des confrères généralistes qui voient à nouveau des cas symptomatiques à leur consultation, et la montée récente des hospitalisations (47 personnes), y compris en soins intensifs (3 personnes).“

Nein, diese zweite Welle konnte und kann niemand kommen sehen.

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