Editorial
Guillaumes Stunde: Wie der Erbgroßherzog die Monarchie ins 21. Jahrhundert führen soll
Demnächst kein Prinz mehr, sondern Staatsoberhaupt: Erbgroßherzog Guillaume Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Ganz Luxemburg fiebert einem historischen Wechsel an der Spitze des Luxemburger Staates in fünf Wochen entgegen. Ganz Luxemburg? Nein! Unbeugsam republikanisch veranlagte Demokraten blicken dem Thronwechsel wohl eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Das hat nicht nur mit der in monarchischen Staatsgebilden inhärenten fehlenden demokratischen Legitimierung eines solchen Machtwechsels zu tun.
Diskussionen und politische Debatten rund um die Luxemburger Monarchie sind fast so alt wie Luxemburg selbst. Vor über 100 Jahren wurde nach der Regentschaft der durchaus unbeliebten Marie-Adelheid und deren Abdankung zugunsten ihrer Schwester Charlotte ein Referendum über die künftige Staatsform abgehalten. Eine überwältigende Mehrheit stimmte für die Beibehaltung der Monarchie unter der damaligen Dynastie. Was anschließend folgte, ist Geschichte: Großherzogin Charlotte mutierte durch ihre Radioansprachen bei der BBC während des Zweiten Weltkriegs zum Freiheits- und Unabhängigkeitssymbol Luxemburgs. Vom Beinahe-Absturz einer gesamten Dynastie zum gefeierten Nationalsymbol – anhand keiner anderen Person lassen sich Höhen und Tiefen der Luxemburger Monarchie derart prägnant verkörpern.
Damit verbunden ist die Frage, wie Guillaume seine Rolle als Staatsoberhaupt wahrnehmen wird. „Während 36 Jahren hat Großherzog Jean sein Amt ausgeübt; die Luxemburger haben ihn genauso wie seine Mutter ins Herz geschlossen“, schrieb das Tageblatt am 9. Oktober 2000 anlässlich der Thronbesteigung von Guillaumes Vater Henri. Von einem „parcours sans faute“ von Großherzog Jean sprach der Lëtzebuerger Journal damals.
Zumindest diese Bürde fällt Erbgroßherzog Guillaume nicht zu. Von einer fehlerfreien Regentschaft kann angesichts der Staatskrise 2008 und der Errichtung der „Maison du Grand-Duc“ nach Querelen zu Hofe unter Großherzog Henri und seiner Ehefrau nicht die Rede sein. Sein Nachfolger kann es in der Hinsicht eigentlich nur besser machen. Oder?
Fünf Wochen vor dem Thronwechsel stellen sich jedenfalls viele Fragen. Wie wird Guillaume sich als Staatsoberhaupt geben? Auf seinen Wirtschaftsmissionen im Ausland konnte man ihn derweil als staatsmännischen, wenngleich auch lockeren Thronnachfolger beobachten. Wird er diese Leichtigkeit auch als Staatsoberhaupt beibehalten wollen oder können? Wie wird er seine Rolle als Staatschef interpretieren: eine Projektionsfläche, auf die jeder seine Wünsche und Idealvorstellung eines Monarchen projizieren kann? Oder wird er ein Großherzog mit Ecken und Kanten sein, der die Grenzen der politischen Neutralität nach dem Vorbild seines Vaters auszureizen versucht? Und spätestens seit den Enthüllungen rund um die Ehefrau des Großherzogs muss auch die Frage erlaubt sein, welche Rolle Guillaumes Ehefrau Stéphanie in Zukunft einzunehmen gedenkt. Ein offizielles Amt steht ihr laut Luxemburger Verfassung nicht zu. Ein Umstand, der Maria Teresa jedoch nicht davon abhielt, der Regentschaft von Großherzog Henri und dessen Hof ihren Stempel aufzudrücken.
Erbgroßherzog Guillaume hat noch fünf Wochen Zeit, diese Fragen zu beantworten. Ihm fällt die Bürde zu, die aus der Zeit gefallene Institution der Monarchie nach den turbulenten Regentschaftsjahren seines Vaters auch im 21. Jahrhundert zu legitimieren. Nicht nur für sich, seine Familie oder seine Dynastie. Sondern für ein ganzes Land.
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