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Enthaltung mit Beigeschmack – ein falsches Signal aus Luxemburg

Die historische Abstimmung über eine Resolution, die den Handel mit versklavten Afrikanern und die rassistische Versklavung von Afrikanern zum schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit am Sitz der Vereinten Nationen erklärt

Die historische Abstimmung über eine Resolution, die den Handel mit versklavten Afrikanern und die rassistische Versklavung von Afrikanern zum schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit am Sitz der Vereinten Nationen erklärt Foto: Bianca Otero/ZUMA Press Wire/dpa

Im Jahr 1948 wurde die Sklaverei durch die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen weltweit geächtet. Vor diesem Hintergrund ist Luxemburgs Enthaltung bei der Abstimmung über die Resolution, den transatlantischen Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einzustufen, umso befremdlicher. Das ist kein diplomatisches Feingefühl, sondern ein moralisches Zögern. 123 Staaten stimmten der von Ghana eingebrachten Resolution zu. Gegen den Entwurf stimmten Israel, die USA und Argentinien. 52 Staaten enthielten sich, darunter auch Luxemburg. Die Erklärung verfügt über symbolische Kraft. Sie erkennt ein Verbrechen an, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Zwischen 12 und 15 Millionen Menschen wurden systematisch entrechtet, nach Amerika und in die Karibik verschleppt und dort über Generationen hinweg ausgebeutet. Die Enthaltung Luxemburgs und anderer europäischer Staaten wirkt nicht wie eine diplomatische Zurückhaltung, sondern wie ein Ausweichen.

Die angeführten „juristischen und inhaltlichen Bedenken“ sind nicht überzeugend. Wer von einer „Hierarchisierung von Verbrechen“ spricht, verfehlt den Kern der Sache. Es geht nicht darum, Leid gegeneinander aufzuwiegen, sondern Unrecht klar zu benennen. Erinnerung ist keine Frage von Wettbewerb, sondern von Verantwortung. Meine Frau und ich haben vor Kurzem das Sklavenhaus auf der Île de Gorée vor Dakar besucht – ein eindringliches Mahnmal für die Verletzung der Menschenrechte. Der von den Portugiesen im Jahr 1492 erbaute Handelsstützpunkt entwickelte sich schnell zum Drehkreuz des westafrikanischen Sklavenhandels. Enge, erdrückende, kahle und seelenlose Räume sowie das unheilvolle „Tor ohne Wiederkehr“ lassen die Grausamkeit nicht nur erahnen, sondern drängen sie mit beklemmender Wucht ins Bewusstsein und machen sie auf erschütternde Weise beinahe körperlich spürbar. Millionen wurden von dort verschifft, über zwei Millionen starben bereits auf der Überfahrt. Eine klare Anerkennung wird von Europa und Luxemburg scheinbar nicht gewollt.

Denn die Resolution wirft außerdem unbequeme Fragen auf: die Rückgabe geraubter Kulturgüter, Reparationen und eine ehrliche Aufarbeitung. Auch Luxemburg ist Teil dieser Geschichte – etwa über Verflechtungen mit dem kolonialen System im Kongo. Das ist zwar bekannt, gehört aber noch immer nicht zu unserem kollektiven Gedächtnis. Ja, es gibt erste Schritte. Doch sie wirken zaghaft. Reicht eine Ausstellung? Reicht ein vorsichtiges Erinnern? Eine Zustimmung zur Resolution hätte ein klares Zeichen setzen können: für Verantwortung, für Solidarität und für Glaubwürdigkeit. So bleibt ein schaler Nachgeschmack. Die Enthaltung sendet ein widersprüchliches Signal: Das Unrecht wird zwar anerkannt, die Konsequenzen werden jedoch gescheut. Gerade heute, wo globale Gerechtigkeit mehr als nur ein Schlagwort sein muss, ist das nicht genug. Die Frage bleibt: Was ist Luxemburg bereit zu tun?

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