Hintergrund

Energiekrise: Vom Geburtshelfer zum Totengräber der Zeitumstellung?

Eine Energiekrise hat sie 1980 hervorgebracht, jetzt wird wieder über Sinn und Unsinn der Zeitumstellung diskutiert. Angesichts sprunghafter Gas- und Strompreise könnte eine Abschaffung Energie einsparen, sagen einige – aber ganz so leicht ist es nicht.

Ein Techniker bewegt in Medfield in den USA die Uhrzeiger einer 500 Kilogramm schweren Uhr mit einem Durchmesser von mehr als 3,5 Metern

Ein Techniker bewegt in Medfield in den USA die Uhrzeiger einer 500 Kilogramm schweren Uhr mit einem Durchmesser von mehr als 3,5 Metern Symbolfoto: Elise Amendola/AP/dpa

Autofreie Sonntage, strengere Tempolimits, Zeitumstellung: Die Ölkrise der 1970er Jahre hatte Auswirkungen auf unser Leben, die wir teils bis heute spüren. Damals bestand die Hoffnung, durch den Zeitsprung im Frühjahr und der Stunde mehr Schlaf im Herbst signifikant Energie zu sparen. Das Kalkül ging, so viel weiß man heute, nicht auf. Genau diesen Punkt führen nun Kritiker der Zeitumstellung ins Feld. Eine ewige Sommerzeit würde sogar Energie sparen, heißt es.

So sagte Korbinian von Blanckenburg, Professor an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, der Rheinischen Post: „Je heller es abends ist, desto weniger Strom wird verbraucht.“ Er spricht von einem Einsparpotenzial von bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr bei dauerhafter Sommerzeit. Wird eine Energiekrise also nun vom Geburtshelfer zum Totengräber der Zeitumstellung? Ganz so einfach ist es nicht. Christoph Mordziol vom Umweltbundesamt (UBA) betont etwa, dass nicht nur der Stromverbrauch zu Hause berücksichtigt werden müsse. „Bei geändertem Freizeitverhalten kann man annehmen, dass Aktivität außerhalb des Hauses zu Energieverbrauchssteigerungen im Verkehrs- und im Freizeitsektor führt.“

Weniger Strom für Licht, dafür aber mehr heizen

Er betont: „Es scheint offensichtlich, dass die derzeit übliche Umstellung auf Sommerzeit nur zu geringfügigen Energieeinsparungen führt, das heißt, dass sie ihren ursprünglichen Zweck nur dürftig erfüllt.“ Zudem würden sich Zeitumstellungen innerhalb der EU regional unterschiedlich auswirken. So müsse dabei auch immer die jeweilige Lage, etwa das Klima, Dauer und Intensität der Sonneneinstrahlung, Wirtschaft oder auch Kultur in Berechnungen berücksichtigt werden.

Die Zeitumstellung spare keine Energie, heißt es auf der UBA-Website. Mehr Erfolg habe man etwa durch weniger heizen und mehr Dämmung. Kurz duschen statt baden und effiziente Geräte bei energieintensiver Haushaltselektronik wie Kühlschrank und Herd gehören den Angaben zufolge zu den Bereichen, wo sich mit am meisten sparen lässt.

Eine Sprecherin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft geht ebenfalls von geringen Auswirkungen bei einer Abschaffung der Zeitumstellung aus. „Zwar wird durch die Zeitumstellung im Sommer tatsächlich an hellen Sommerabenden weniger Strom für Licht verbraucht, dafür wird im Frühjahr und Herbst in den Morgenstunden hingegen mehr geheizt.“ Das hebe sich gegenseitig auf. „Der Dreh am Zeiger zur Winter- und Sommerzeit bringt demnach keine spürbare Energieeinsparung“, so die Sprecherin.

Auswirkungen auf den Biorhythmus der Menschen

Auch die EU-Kommission spricht von unwesentlichen Einsparungen durch die Zeitumstellung. Die Brüsseler Behörde verweist auf unterschiedliche Faktoren, die je nach geografischer Lage eines Landes Auswirkungen auf den Energieverbrauch hätten. „Einige Studien deuten darauf hin, dass die Sommerzeit in Verbindung mit mehr Freizeitaktivitäten im Freien positive Auswirkungen haben könnte“, heißt es zudem. Aber es gebe auch Forschungsergebnisse, die darauf hindeuteten, dass gesundheitliche Auswirkungen wie auf den Biorhythmus gravierender sein könnten als bisher angenommen.

Eine aussichtsreiche Initiative, die Zeitumstellung wirklich abzuschaffen, ist derzeit nicht in Sicht. Die Präsidentschaft unter den EU-Ländern – derzeit hat Tschechien das Ruder in der Hand – hat das Thema nicht auf die Tagesordnung gesetzt. So wird – wie kommenden Sonntag – wohl noch öfter an der Uhr gedreht. Dabei ist der ständige Wechsel vor allem in Deutschland unbeliebt. Eingeführt 1980 wegen angeblicher Einsparungen befeuert durch die Ölkrise in den 70er Jahren, hält sie sich seit mehr als 30 Jahren.

Zwar hat die EU-Kommission einen Vorschlag gemacht, wie die Umstellung abgeschafft werden könnte, aber die Staaten der Europäischen Union können sich nicht einigen. So liegt das Vorhaben seit längerem in Brüssel auf Eis. Ein Streitpunkt: Käme die dauerhafte Sommerzeit, hieße das für Spanien im Winter Dunkelheit bis kurz vor 10.00 Uhr. Einigen sich alle auf Winterzeit, würde es in Warschau im Sommer schon um 3.00 Uhr hell. Die Zeitumstellung zweimal im Jahr dämpft diese Extreme.

Luxemburger Petitionen zur Zeitumstellung

Der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte im Jahr 2018 angekündigt, die halbjährliche Zeitumstellung abschaffen zu wollen. Der Hintergrund: Eine zuvor von der Kommission durchgeführte öffentliche Befragung mit dem Ergebnis, dass 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer die Streichung der Zeitumstellung wollen. „Die Menschen wollen das, wir machen das“, sagte der Luxemburger damals. Die Teilnehmerzahl entsprach rund einem Prozent der EU-Bevölkerung – die Befragung war jedoch nicht repräsentativ.

In Luxemburg forderte ein Antragsteller im Mai 2019 in einer Petition, dass per Referendum darüber abgestimmt werden solle, ob das System der aktuellen Zeitumstellung abgeschafft wird. In der Petition mit der Nummer 1269 ging es demnach darum, dass jeder Wahlberechtigte – und nicht das Parlament – über diese Frage abstimmen können solle.

Bereits jeweils 2016 und 2017 verlangten Luxemburgerinnen in Petitionen die „Abschaffung der Sommerzeit“. Und auch die Politik mischte sich ein. Der damalige Landwirtschaftsminister Fernand Etgen beklagte zur Winterzeitumstellung im vergangenen Oktober, dass die Nutztiere arg daran litten. „Lasst uns an die Tiere denken, deren innere Uhr durcheinandergerät“, forderte der DP-Mann damals. Das gelte auch für Kinder, Kranke und Ältere. 

Mexiko schafft die Sommerzeit ab

Nach einer jahrelangen Diskussion über den Sinn der Zeitumstellung hat Mexiko die Sommerzeit abgeschafft. Das beschloss der Senat des lateinamerikanischen Landes am Mittwochmorgen (Ortszeit). Am kommenden Sonntag werden die Uhren in Mexiko zum letzten Mal auf die Winterzeit umgestellt. Künftig werde nur noch die „Zeit Gottes“ gelten, sagte Präsident Andrés Manuel López Obrador in Anspielung auf eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Normalzeit.
Die Sommerzeit war in Mexiko 1996 eingeführt worden, um Energie zu sparen. Wie auch in anderen Ländern gab es in Mexiko immer wieder Debatten über die Vor- und Nachteile der Sommerzeit. Die Abschaffung sei aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll, hieß es nun zur Begründung aus dem Senat. In den vergangenen 26 Jahren habe es außerdem keinen wesentlichen Energiespareffekt gegeben, sagte der Senator Félix Salgado von der Regierungspartei Morena. (dpa/Red.)

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Kriminalitätsstatistik 2025

Häusliche Gewalt, Raubüberfälle und Einbrüche nehmen zu in Luxemburg

„Wussten nichts davon“

Großherzog Guillaume, Bettel und Roth reagieren auf Fake-Foto der US-Botschaft

;