Editorial
Die Politik muss die Dringlichkeit bei der Wohnungskrise endlich wahrhaben
Bei der derzeitigen Immobilienkrise gilt es, jetzt zu handeln Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Der gestrige 23. Juni 2021 stand im Zeichen der Pandemie, ähnlich wie der letzte Nationalfeiertag. Auch wenn sich in der Bevölkerung langsam eine Zuversicht breitmacht, dass sich der Sommer 2021 wieder etwas dem Normalzustand annähern könnte. Bei anderen Krisenherden, die dieses Land zu bekämpfen hat, breitet sich das Feuer weiter aus: Ein Beispiel dafür ist die angespannte Situation auf dem hiesigen Wohnungsmarkt. Die Pandemie hat die Nachfrage nach Immobilien nicht etwa gestoppt, sondern die Preise weiter in Rekordhöhe steigen lassen, und zwar um ganze 14,5 Prozent für 2020. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht.
Demnach werden diejenigen, die bereits eine Immobilie besitzen, im Schlaf reicher, während andere vielleicht nie den Schlüssel für ihr Eigenheim in den Händen halten können. Eine Analyse im Tageblatt beschreibt den Umstand, dass aus eigener Kraft für eine Wohnung sparen nicht mehr möglich ist. Dazu wird es für Normalverdiener schwieriger, überhaupt ein Darlehen für ihr Eigenheim zu bekommen.
Banken müssen seit Beginn des Jahres neue Regeln befolgen, die besagen, dass Kaufinteressenten für die Zusage eines Kredits mehr Eigenkapital aufbringen müssen. Damit geht vielleicht die Nachfrage für Immobilienkäufe etwas zurück. Doch diese neue Regelung wird wieder nur jene betreffen, die vorher bereits Probleme hatten, bezahlbaren Wohnraum zu finden.
Bereits im Jahr 1991 haben zwischen 6.000 und 30.000 Wohnungen gefehlt. Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Das heißt, jemand, der in dem Jahr geboren wurde, könnte gerade selbst auf der Suche sein nach einem eigenen Dach über den Kopf. Wenn dieser jemand nichts auf dem Immobilienmarkt findet, wird er wie viele andere gezwungen, sich im nahen Grenzgebiet etwas zu suchen. Dies zieht jedoch einen Rattenschwanz nach sich, denn dadurch steigen die Immobilienpreise in den gefragten Regionen der Nachbarländer.
Ein weiterer Faktor, der durch die Krise aufgekommen ist, wird die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt negativ beeinflussen. Die Baufirmen haben in den letzten Wochen Lieferengpässe zu spüren bekommen und die Kosten für so manches Baumaterial sind in die Höhe geschnellt. Ohne Material kann auch nicht gebaut werden und dies wiederum verzögert die Fertigstellung des eh schon dringend benötigten Wohnraums. Auch an die Stellschraube Grundsteuer hat sich bisher niemand herangetraut.
Wohnungsbau-Minister Henri Kox hat im Mai eine „Offensive“ der Regierung für bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum bekannt gegeben. Dadurch sollen bis 2025 weitere 8.200 bezahlbare Wohneinheiten vom Staat subventioniert werden. Angesichts der fehlenden 6.000 bis 8.000 Wohnungen jährlich reicht dies bei weitem nicht aus. Aktuell werden pro Jahr 3.000 bis 4.000 des knapp gewordenen Gutes gebaut.
Das Coronavirus hat gezeigt, dass die Regierung schnell reagieren kann, wenn es darauf ankommt. Beim Thema Wohnen muss jetzt mit derselben Dringlichkeit gehandelt werden. Damit die Kinder, die heute geboren werden, in 30 Jahren überhaupt eine kleine Chance haben, auf eigenen Beinen zu stehen.