Editorial

Die Partylöwen vom Staatsrat – wer ist schuld an der zweiten Welle?

Die Partylöwen vom Staatsrat – wer ist schuld an der zweiten Welle?

Symbolfoto: dpa

Seit einer Woche kennt die Kurve der Neuinfektionen in Luxemburg nur eine Richtung: nach oben. Diese Entwicklung war schon am vergangenen Mittwoch Thema einer Pressekonferenz von Paulette Lenert. Ein wenig sauertöpfisch trat die Gesundheitsministerin da auf, als sie die Pandemiegesetze präsentierte, die ihr der Staatsrat eine Woche zuvor begleitet vom Hohn der Opposition gestutzt hatte. Tonus der Lenert-Crew: Wir hätten ja lieber noch eine Woche gewartet, wir haben Einschränkungen im Privatraum für sinnvoll gehalten, aber der Staatsrat, tja, der sah das eben anders, Achselzucken. Soll der doch den nächsten Lockdown regeln!

Eine Woche und 205 Neuinfektionen später – an diesem Mittwoch – reagierte die Regierung dann aber doch und kündigte mit 100 von 100 möglichen Bettel-Pathos-Punkten die große Gegenoffensive an. Auf Privatpartys sollen ab 20 Gästen jetzt wieder die Distanz- und Hygieneregeln gelten. Und Kneipenregelbrechern kann die Terrasse dichtgemacht werden. Eat this, virus!

Wenigstens die Schuldfrage ist jetzt eindeutig geklärt. Trotz versammelter Mannschaft ist eine Ansteckung in einer Luxemburger Schule technisch, rechtlich, physikalisch und biologisch absolut unmöglich. Ganz anders sieht es aber im ausschweifenden Nachtleben der Luxemburger aus. Spätestens ab 23 Uhr fallen dort nämlich sämtliche Hemmungen, virenschwangere Partylöwen feiern hustend Massenorgien und spreaden eine Infektion nach der nächsten. „Wir sehen, dass Partys organisiert werden!“, sagte Bettel am Mittwoch. Und dann, mit erhobenem Zeigefinger: „Den größten Cluster, den wir hatten: 24 Leute, alleine auf einer Party. 24 Leute auf einer Party. 24 Leute. Auf einer Party.“

Es ist überraschend, dass es für einige überraschend ist, dass unsere Handlungen im Privatleben einen Einfluss auf den Verlauf der Pandemie haben. Und es ist überraschend, dass es für einige überraschend ist, dass Menschen wieder zusammenkommen, wenn sie das nach vier Monaten plötzlich wieder offiziell dürfen.

„Wir sind bei der Kommunikation ein bisschen hinten dran“, sagte Paulette Lenert vergangene Woche. Das stimmt überhaupt nicht, denn eine Message wird derzeit in Endlosschleife kommuniziert: Die Paragrafenreiter vom Staatsrat und die verantwortungslose Partymeute versauen uns den Exit – und die Regierung versucht trotz dieser Widrigkeiten das Beste für die Menschheit herauszuholen.

Dabei ist es doch die Regierung, die ihr Pandemiegesetz im ersten Anlauf gegen die Wand gefahren hat. Es ist die Regierung, die offenbar erst jetzt damit beginnt, eine neue Version des vom Staatsrat kritisierten Artikels aufzusetzen – obwohl dessen Gutachten schon seit zwei Wochen vorliegt. Es ist die Regierung, die bis heute nicht sagen will, welche Ergebnisse das Contact Tracing liefert oder wie viele Menschen dort überhaupt arbeiten. Es ist die Regierung, die es noch immer nicht geschafft hat, ihre Teststrategie, deren Kosten und vor allem deren Ergebnis vernünftig zu erläutern. Und es ist die Regierung, die mit Aktionen wie der Zusammenlegung der Schulklassen das Signal gesendet hat: Das Gröbste ist vorbei.

Und es ist die Regierung, die bis heute noch kein Wort darüber verloren hat, wie ihr Plan zur Eindämmung der zweiten Welle aussieht. Und obwohl Bettel und Co. diesen Begriff vermeiden wie die Staatsratsmitglieder derzeit die Villa Louvigny: Diese zweite Welle bricht gerade über uns herein.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Flüchtlingslager und „Outsourcing“: Die EU setzt auf Abschottung