Kommentar
Die neue Moralität
One-Night-Stands und wechselnde Partner, Polyamorie und Beziehungsanarchie dürften künftig deutlich zurückgehen. Menschen, die nicht in einer familiären, familienähnlichen oder monogamen amourösen Beziehung zusammenleben, müssen Abstand voneinander halten. Foto: AFP/Sergej Supinsky
„Wenn wir den Übergang schaffen in eine neue Art von Normalität, die durch die Einhaltung der elementaren Hygienemaßnahmen gekennzeichnet ist, können wir unsere Freiheit zurückbekommen“, sagt die grüne Justizministerin Sam Tanson im Interview. Diese neue Art von Normalität könnte unsere Freiheit, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten gekannt haben, nachhaltig beeinflussen. Die Schutzmaske, die in verschiedenen Regionen Asiens schon seit Jahren zur vestimentären Grundausstattung gehört, hat sich inzwischen auch in Europa notgedrungen zum Modetrend entwickelt. Die Gemeinden täten gut daran, das Vermummungsverbot wieder aus ihrem Polizeireglement zu streichen. Ständiges Händewaschen wurde bis vor zwei Monaten noch als Zwangsstörung angesehen, heute ist es Teil der neuen Normalität. Küsse, Umarmungen und Händeschütteln sind in vielen Kulturkreisen Teil der gesellschaftlichen Konvention. Inzwischen gelten sie als lebensbedrohlich.
Die Corona-Pandemie könnte aber noch weiter reichende Auswirkungen auf unser soziales Leben haben. One-Night-Stands und wechselnde Partner, Polyamorie und Beziehungsanarchie dürften künftig deutlich zurückgehen. Menschen, die nicht in einer familiären, familienähnlichen oder monogamen amourösen Beziehung zusammenleben, müssen Abstand voneinander halten. Die Gefahr besteht, dass die neue Normalität zu einer neuen Moralität wird, mit Wertvorstellungen, die wir zumindest in Mittel- und Westeuropa überwunden geglaubt hatten.
Eine Rückkehr zur „alten“ Normalität kann eigentlich nur ein Impfstoff bringen. Bis der gefunden ist, kann es aber noch einige Zeit dauern. So lange müssen wir darauf achten, dass bestimmte Moralvorstellungen nicht wieder die gesellschaftliche Struktur vereinnahmen. Es hat schließlich lange genug gedauert, sie zumindest ansatzweise daraus zu entfernen.