Editorial
Die EU-Staaten sind sich einig – bei der Einschränkung der Reisefreiheit
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Wir schreiben das Jahr 2021. Fast ein Jahr lang wütet die Corona-Krise schon auf unserem schönen Planeten – und mal mehr, mal weniger auch bei den Mitgliedern unseres einzigartigen Staatenbunds: der EU.
Alle Menschen werden Brüder. Wie vor allem die Luxemburger wissen, schien Schillers und Beethovens „idealistische Vision“ (O-Ton der EU-Webseite), die die Grundlage zur Euro-Hymne bildet, zwischendurch ein kleines Update zu benötigen. Denn: In Sachen Brüderlichkeit hatten die EU-Länder in den ersten Pandemie-Monaten ja nicht so wirklich die allerbesten Zeugnisse ausgehändigt bekommen.
Das hatte nicht nur mit nationalen Panikattacken zu tun, wie sie Deutschland Mitte März des vergangenen Jahres eindrucksvoll zur Schau stellte. Sondern auch mit den Signalen, die Brüssel selbst über den Äther sendete.
Denkwürdig jener Moment, als ein Sprecher der Kommission gleich zu Beginn der pandemischen Großkatastrophe vor das Bâtiment Berlaymont trat und die Gemeinschaft erst einmal kategorisch unzuständig für Gesundheitsprobleme erklärte. Klar – Politikfelder machen mehr Spaß, wenn man bessere Aussichten darauf hat, Erfolge verkaufen zu können. Aber zuständig sollte eben trotzdem jemand sein.
Luxemburgs guter alter Freund, die Europäische Seuchenbehörde ECDC, wäre ja eigentlich genau das richtige Instrument gewesen, mit dem das vereinte und vernetzte Europa hätte versuchen können, eine Pandemie dieses Ausmaßes in den Griff zu bekommen. Aber die Stockholmer Seuchenschützer beschäftigten sich eben lieber damit, fragwürdige Infektionszahlen zu googeln und in lange Listen zu schreiben. Listen, die Mitgliedstaaten dann nutzen, um ihrerseits gänzlich unbrüderliche Grenzschließungen zu rechtfertigen oder sich anderweitig auf die Nerven zu gehen.
Was nun wirklich nicht einer gewissen Ironie entbehrt, ist, dass wir spätestens am Donnerstagabend an genau dieser Haltestelle wieder mit unserer europäischen Corona-Bimmelbahn angekommen sind. Da haben die EU-Mitgliedsländer nämlich endlich mal wieder etwas gemeinsam beschlossen – und zwar ausgerechnet, das Übertreten der Binnengrenzen für „nicht notwendige Reisen“ zu erschweren. Ja, wir haben auf der Strecke wirklich bahnbrechende Fortschritte beim Kollektiven gemacht.
Luxemburg hat auch bei diesem Thema mal wieder gezeigt, was einen wirklichen Europa-Musterburschen ausmacht. Anstatt laut Urlaubsverbote oder einen maximal fünf Minuten alten Corona-Test für den Einkauf beim DM auf der anderen Moselseite einzufordern, legt die Regierung Bettel die Entscheidung des EU-Gipfels vom Donnerstag auf ihre ganz eigene Weise aus: Grenzkontrollen, ja bitte – aber die machen wir dann nur am Flughafen. Hinweis: Vor der Krise kam es jeden Tag zu mehr als 200.000 Einreisen ins Luxemburger Staatsgebiet – aber für die wenigsten wurde dazu ein Verkehrsflugzeug genutzt.
Als überzeugter Europäer kann man die vergangenen Tage eigentlich nur so resümieren: Es ist gut, dass die EU zumindest im Schlechten irgendwie mal wieder so etwas wie gemeinsame Nenner findet. Sie hätte vielleicht ein bisschen früher damit anfangen können. Und nicht gerade eine der größten Katastrophen der Menschheit als Testballon dafür nutzen müssen. Aber hey – Gott sei Dank lässt sie wenigstens nicht das ECDC die Impfmittel besorgen.