Radsport
Mit Feuer im Herz und Klarheit im Kopf: Mathieu Kockelmann brennt auf seine erste Saison als Profi
Mathieu Kockelmann steht kurz vor dem Beginn seiner ersten Saison als WorldTour-Profi. Beim belgischen Team Lotto Intermarché hat er einen Vertrag bis Ende 2027. Der 21-Jährige ist motivierter denn je, weiß aber auch, dass er ruhig bleiben muss.
Mathieu Kockelmann beginnt in Marseille seine erste Saison als Profi Foto: Editpress/Luis Mangorrinha
„That was enormous!“, lautete der englische TV-Kommentar am 18. August 2025, als Mathieu Kockelmann in Mamer die zweite Etappe der Tour de Luxembourg gewann. „Mathieu Kockelmann is a big fish, who just hasn’t been landed yet.“ (Deutsch: Kockelmann ist ein dicker Fisch, der bislang noch nicht an Land gezogen wurde.) An diesem Tag änderte sich das. Mit seinem ersten Profisieg machte der 21-Jährige endgültig auf sich aufmerksam – und etablierte seinen Namen in der Profi-Szene.
Dabei hatte Kockelmann schon wenige Wochen zuvor angedeutet, wozu er fähig ist: Bei der Tour de l’Avenir gewann er eine Etappe. „Die Saison war noch besser als erwartet“, sagt er rückblickend. „Ich denke, dass vor allem der Teamwechsel ausschlaggebend war.“ Ende 2024 verließ er das deutsche Team Lotto Kern-Haus PSD Bank und schloss sich dem Kontinental-Team von Lotto an – ein Schritt, der sich auszahlen sollte.
Verkürzter Weg ins Profiteam
„Der Teamwechsel hat mir gutgetan. Ich hatte ein neues Umfeld und habe mich direkt wohlgefühlt. Bei mir spielt der Kopf eine große Rolle, und bei Lotto habe ich mich sehr frei und gut gefühlt.“ Auch bei der Tour de Luxembourg, die Kockelmann mit der Nationalmannschaft bestritt, war dieses Wohlbefinden ein entscheidender Faktor. „Da war ich mit meinen Freunden und mit Jempy (Drucker, Nationaltrainer). Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und definitiv zu meinen Leistungen beigetragen.“
Ich habe jetzt schon das geschafft, was ich mir mein ganzes Leben erträumt habe
Mathieu Kockelmann
Der Wechsel zu Lotto brachte jedoch nicht nur sportlichen Aufschwung, sondern verkürzte auch den Weg in den Profibereich. Ab dieser Saison fährt Kockelmann im WorldTour-Team, das mit Intermarché fusioniert ist und ab kommender Saison unter dem Namen „Lotto Intermarché“ an den Start gehen wird. Mit 21 Jahren hat er damit geschafft, wovon viele Radsportler träumen: den Sprung in die höchste Liga.
„Ich habe jetzt schon das geschafft, was ich mir mein ganzes Leben erträumt habe. Es ist schon krass, weil ich weiß, was andere Leute für einen solchen Vertrag geben würden. Ich darf aber nicht übertreiben, sondern sollte auch genießen und einfach so weitermachen wie vorher. Ich bin jetzt aber noch disziplinierter und motivierter.“ Dass er weiterhin in einem vertrauten Umfeld bleibt, helfe ihm. „Ich kenne das Team. Der Unterschied ist, dass jetzt WorldTour-Team statt Kontinental-Team hier steht. Aber das ist gut für mich. Es fühlt sich nicht so an, als wäre alles neu. Ich habe keinen Druck, dass ich mir denke: ‚Oh nein, ich bin in einem neuen WorldTour-Team und hier läuft alles anders.‘“
Vorbilder im Team
Im Dezember stand das erste Trainingslager mit den neuen Teamkollegen in Spanien an. Dort lernte Kockelmann unter anderem Arnaud De Lie oder das belgische Top-Talent Jarno Widar näher kennen. „Die Stimmung im Team ist echt gut, es ist sehr familiär. Ich kann mit jedem über alles reden.“ Einen besonders engen Draht pflegt er zu den französischsprachigen Fahrern; im Trainingslager teilte er sich das Zimmer mit Matys Grisel, den er bereits aus der Vorsaison im Konti-Team kannte.
Zu den großen Namen im Team zählt Arnaud De Lie, der 2023 den Grand Prix Cycliste de Québec gewann und im vergangenen Jahr u.a. bei der Renewi Tour, der Bretagne Classic und dem Grand Prix de Wallonie erfolgreich war. „Er ist ein Vorbild für mich“, sagt Kockelmann, der De Lie vom Fahrertyp her ähnelt. „Ich will ihn aber nicht kopieren, sondern meinen eigenen Weg gehen.“ Auch Jarno Widar zählt für ihn zu den Bezugspersonen. „Es gibt auch andere Fahrer im Team wie Jarno (Widar), gegen den ich schon von klein auf gefahren bin. Auch er ist ein Vorbild. Seine Herangehensweise ist extrem professionell, und er weiß ganz genau, was er will.“
Neuer Trainer
Die Vorbereitung auf die neue Saison verläuft bislang nach Plan. Kurz nach dem Saisonende absolvierte Kockelmann ein privates Trainingslager mit Mil Morang und Alex Kerrens, ehe ihn eine Krankheit zu einer einwöchigen Pause zwang. „Ich war krank und habe mir direkt Gedanken gemacht, im Rückstand zu sein. Ich will direkt in Form sein und mache mir mehr Gedanken über das Wintertraining als letztes Jahr. Aber mein Trainer hat mich schnell beruhigt.“
Seit dieser Saison arbeitet Kockelmann enger mit Oliver Delaey zusammen, der ihn bereits aus der Zeit im Devo-Team kennt. „Er weiß, wie ich bin.“ Dass Delaey mit 26 Jahren noch sehr jung ist, spielt für Kockelmann keine Rolle. „Er ist ein sehr guter Trainer. Er trainiert auch Jarno (Widar). Ich kenne ihn vom letzten Jahr und wollte unbedingt zu ihm.“ Nach seinem Besuch bei den Cyclocross-Landesmeisterschaften am Sonntag in Diekirch ging es Montag für Kockelmann zur Teampräsenation bei Brüssel, dann geht es für ihn erneut nach Spanien – zum zweiten Trainingslager mit dem Team.
Debüt in Marseille
Sein WorldTour-Debüt gibt er am 1. Februar beim Grand Prix Cycliste de Marseille La Marseillaise. Danach stehen voraussichtlich die Etoile de Bessèges (4.–8. Februar), die Figueira Champions Classic (14. Februar), die Classic Var (21. Februar) und die Tour des Alpes-Maritimes (22. Februar) auf dem Programm. „Das sind Rennen, die mir vom Profil her entgegenkommen. Ich will in dieser Saison ein stabiler WorldTour-Fahrer werden. Das Team hat keine krassen Erwartungen an mich, das ist gut. Sie erwarten nicht, dass diese Saison so weitergeht, wie die letzte aufgehört hat. Das nimmt mir den Druck, und ich glaube, dass ich so am besten performen kann. Ich werde meine Chancen bekommen, aber ich muss nicht sofort für Siege sorgen.“
Dass Kockelmann bereits einen Vertrag für 2026 und 2027 besitzt, unterstreicht das Vertrauen des Teams. „Ich bin im Profibereich angekommen und bekomme Zeit, Fuß zu fassen. Es ist für mich ein neues Kapitel, und ich fange wieder bei null an. Ich möchte wieder kleine Schritte machen und nichts überstürzen. In meinem ersten U23-Jahr habe ich vieles überstürzt, das ging nach hinten los. Ich werde auch dieses Jahr Fehler machen, aber das Wichtigste ist, daraus zu lernen.“
Im richtigen Umfeld
Gemeinsam mit dem Team hat Kockelmann zudem festgelegt, in welchen Bereichen er sich weiterentwickeln soll. Der Junioren-Europameister im Zeitfahren von 2021 will auch in dieser Disziplin wieder Fortschritte machen. „Auch das Team will mich dort weiter fördern. Ich habe Lust darauf, und es wird in diesem Jahr mehr Möglichkeiten geben, Zeitfahren zu absolvieren.“ Seine größten Chancen sieht er jedoch weiterhin im Sprint. „Meine besten Chancen werden wieder in Sprints liegen, wie bei der Tour de Luxembourg. Zudem will ich auch meinen Job auf Terrains machen, die mir nicht liegen.“
Die Motivation für die kommende Saison ist größer denn je – dennoch weiß Kockelmann, wie wichtig es ist, sich zu bremsen. Dabei hilft ihm auch sein Umfeld. „Ich habe mit Mats (Wenzel) gesprochen, mit dem ich trainiere. Bei ihm war es auch so, dass er sich in seiner ersten Profisaison direkt zeigen wollte. Er hat mir gute Tipps mit auf den Weg gegeben. Ich solle mir nicht zu viel Stress machen, wenn es nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle. Das bremst mich manchmal, und das ist auch gut so. Ich bin froh, solche Freunde zu haben.“