Norwegen
Herzstillstand, Höhenflug, Halbfinale? Solbakkens besonderer Weg
Vor 25 Jahren war Stale Solbakken für mehrere Minuten klinisch tot. Jetzt möchte er sich unsterblich machen und mit Norwegen ins WM-Halbfinale einziehen.
Stale Solbakken führte Norwegen nach 28 Jahren wieder zu einer WM Foto: AFP
Stale Solbakken war 14 Jahre alt, und er konnte kaum noch hinsehen. Die WM 1982 flimmerte über den Bildschirm, der norwegische Teenager fieberte mit den Engländern um sein Idol Kevin Keegan – und musste ein folgenschweres 0:0 gegen Spanien mit ansehen. Die Three Lions waren raus, Solbakken sank in sich zusammen. „Das ist meine schlimmste WM-Erinnerung“, erzählt er, „denn ich war zu dieser Zeit sehr anglophil.“
Im Viertelfinale am Samstag (23.00 Uhr MESZ) dürfte die Trauer über ein englisches Aus bei der Weltmeisterschaft nun deutlich geringer ausfallen – dann nämlich will der norwegische Nationaltrainer mit seinem Team selbst eine große Geschichte schreiben, die für immer in Erinnerung bleibt.
Dass Solbakken überhaupt noch einmal Teil einer solchen werden könnte, schien in dramatischen Augenblicken vor 25 Jahren ausgeschlossen. Es war der 13. März 2001, als Solbakken im Training des FC Kopenhagen einen Herzstillstand erlitt. „Er war klinisch tot“, sagte Teamarzt Frank Odgaard später. Der damals 33-jährige Solbakken lag nach schneller Behandlung noch 26 Stunden im Koma, doch er überlebte, „ein Wunder“ sei das, sagte der Arzt.
Abruptes Karriereende
Die Karriere als Profifußballer war nach zwölf Jahren und 58 Länderspielen damit abrupt beendet, doch Solbakken hat seither ohnehin einen anderen Blick auf seinen Beruf. „So ein Erlebnis verändert dich natürlich“, sagte er einmal dem englischen Guardian: „Davor wollte ich immer gewinnen, koste es, was es wolle. Aber ich habe erkannt, was im Leben wichtig ist.“
Die Spiele am Wochenende
Norwegen - England (Samstag, 23.00 Uhr):
Mit Erling Haaland als Trommler rudern die Norweger durch die WM. Nach Brasilien soll jetzt England dran glauben müssen. Und der Ober-Wikinger mit dem Blond-Zopf das Wettschießen mit Harry Kane gewinnen. Siebenmal hat der Ex-Dortmunder bisher getroffen, sechsmal der Münchner. Den Druck schiebt Haaland elegant seinem Geburtsland zu: „Es gibt einige klare Favoriten – und England gehört dazu.“ Dass das kleine Fußball-Land Norwegen überhaupt so weit gekommen ist, findet selbst der in Leeds geborene 25-Jährige „überraschend“.
Argentinien - Schweiz (Sonntag, 3.00 Uhr): Noch ein Tor mehr auf dem WM-Konto in Nordamerika hat Lionel Messi. Die acht Treffer bei der XXL-WM haben den Weltmeister auch an die Spitze der ewigen Torjägerliste katapultiert – mit 21. Wenn der kaum alternde Altstar auch noch Elfmeter schießen könnte: Zwei hat der 39-Jährige in diesem Turnier schon vergeben, vier insgesamt in WM‑Spielen – ebenfalls Rekord. Gegen die Schweiz wird er im Fall der Fälle wohl wieder antreten, auch wenn er nach dem Fehlschuss im Achtelfinale gegen Ägypten (3:2) „sehr wütend“ auf sich war. Im Halbfinale käme es zur nächsten Runde im Wettschießen – gegen Haaland oder Kane. Ehe im Endspiel womöglich Kylian Mbappé mit Frankreich wartet. Der liegt aktuell bei der WM mit Messi gleichauf – und in der Rekordliste nur ein Tor zurück.
Solbakken begann seine zweite Karriere, als Trainer fand er seine Berufung. Aus der Heimat Norwegen führte ihn sein Weg zum FC Kopenhagen, und dort hätten sie ihn am liebsten nie wieder gehen lassen. Fünfmal holte Kopenhagen den Meistertitel, sorgte sogar in der Champions League für Aufsehen, Solbakken galt als Visionär mit neuen Ideen – und sollte diese 2011 beim 1. FC Köln in der Bundesliga umsetzen.
Es wurde ein kurzes Kapitel, an das Solbakken ungern zurückdenkt. „Es war ein bisschen unruhig damals“, sagte er einmal trocken. Der Effzeh steckte unter seiner Regie tief im Abstiegskampf, nach einem 0:4 gegen Mainz 05 vier Spieltage vor Saisonende wurde Solbakken beurlaubt.
„Druck ist bei England“
Schon vor diesem Abenteuer in Deutschland war er übrigens als norwegischer Nationalcoach vorgesehen gewesen, 2020 fand dann endlich zusammen, was zusammengehört. Geschichte haben Trainer und Team nun bereits geschrieben: Erstmals seit 28 Jahren ist das Land bei einer WM dabei, der Einzug ins Viertelfinale ist ein historisches Novum. Doch Solbakken und seine Mannschaft wollen mehr. „Der Druck ist ganz bei England“, sagte Kapitän Erling Haaland vor dem Duell.
Zeit also, für neue Erinnerungen zu sorgen, bei Millionen Fans in der Heimat – und in den eigenen Köpfen. Auch die Stars wie Haaland und Martin Ödegaard „haben in ihrer Jugend vor dem Fernseher gesessen und WM geschaut, sie werden sich an viele Stunden erinnern“, sagt Solbakken: „Und jetzt sind sie selbst dabei.“