WM-Kolumne „Hasta la Visa“

Redakteur Tom Haas befürchtet, dass Fußballspiele in Zukunft von Anwälten gewonnen werden

Die Briten wollen jetzt auch eine Rote Karte weg haben, die Franzosen eine Gelbe, Ägypten am liebsten gleich das ganze Schiedsrichtergespann. Werden Spiele in Zukunft von Anwälten gewonnen?

Redakteur Tom Haas befürchtet, dass Fußballspiele in Zukunft von Anwälten gewonnen werden

Grafik: Tageblatt

Das Schöne an Präzedenzfällen ist ihre Ansteckungskraft. Verständlich. Wer einmal gesehen hat, dass das Regelwerk ein Wunschkonzert ist, will mitsingen.

Gianni Infantino hat mit einer einzigen dämlichen Entscheidung dem Fußball mehr geschadet als mit einer gesamten WM in Katar. Dass die FIFA ein geldgieriger Haufen ist, der über Gewinnaussichten jede Integrität zur Disposition stellt, hat niemanden wirklich gewundert. Und die meisten Menschen auch nicht gestört, wenn wir ehrlich sind. Kommerz war für die meisten Fans bestenfalls etwas nerviges Beiwerk, unter der heiligen Bedingung: Auf dem Platz gelten eiserne Regeln. Mit seiner Entscheidung im Fall Balogun hat Infantino nun gezeigt, dass es auch noch andere Regeln gibt, wenn Trump die eisernen nicht gefallen.

Das Problem: Jetzt will jeder eigene Regeln. Die Engländer wollen Einspruch gegen die Rote Karte von Jarell Quansah prüfen, Frankreich hat Einspruch gegen die Gelbe Karte von Olise eingelegt. Ägypten stellt die Schiedsrichterleistung im Spiel gegen Argentinien generell infrage. Der Zweifel ist gesät und die Spiele werden bald nicht mehr auf dem Platz entschieden, sondern vor Schiedsgerichten und Untersuchungskommissionen, auf Pressekonferenzen und in Hinterzimmergesprächen. Die 90 Minuten sind jetzt nur noch Schauspiel. Der zwölfte Mann im Team, der wahre Spielmacher, wird in Zukunft der Anwalt.

Die Integrität des Spiels stirbt nicht mit einem Knall. Infantino hat den Fußball jahrelang als Ware behandelt, die man an jeder Haustür verkauft. An Katar, an Riad, an Washington. Jetzt hat einer der Käufer die Ware benutzt. Trump hat eigentlich nur auf Vertragserfüllung gepocht. Keine Sorge: Der Ball wird rollen, solange das Geld fließt. Nur ob noch jemand Freude an dem Trauerspiel haben wird, wissen wir noch nicht.

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