Nach Diskussionen

Kein Messi-Bonus und integre Schiris: Collinas Kampf mit den WM-Scherben

Kein Bonus für Lionel Messi, die Referees sind und bleiben unabhängig – FIFA-Schiedsrichterboss Pierluigi Collina versucht händeringend, die WM-Scherben aufzukehren.

Schiedsrichter François Letexier beim Achtelfinale Ägypten gegen Argentinien, kontroverse Spielszenen und Diskussionen

Nach dem Achtelfinale zwischen Ägypten und Argentinien stand auch Schiedsrichter François Letexier im Mittelpunkt der Diskussionen Foto: AFP/Roberto Schmidt

Einen Besen hat Pierluigi Collina auf dem FIFA-Foto nicht in der Hand. Ein Feger hätte allerdings perfekt zu dem gepasst, was der Schiedsrichterboss des Fußball-Weltverbands mit seinem Statement zur Lage der WM verzweifelt versuchte. Es gibt natürlich keinen Superstar-Bonus für Lionel Messi und die Referees sind selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben, ließ der Italiener wörtlich oder zwischen den Zeilen ausrichten – bei seinen Anstrengungen, die Scherben der vergangenen Tage aufzukehren.

„Unbegründete Anschuldigungen“

„Natürlich wird es im Fußball immer konstruktive Diskussionen über Entscheidungen geben, aber unbegründete Anschuldigungen haben in unserem Sport keinen Platz“, sagte Collina im eigens von der FIFA verbreiteten Kurz-Interview – und fuhr zur Verteidigung seiner Schützlinge die ganz großen Geschütze auf: „Niemand kann die Integrität der Spieloffiziellen bei der WM infrage stellen. Wenn dies geschieht, kann es Reaktionen auslösen, die zu Drohungen gegen sie und ihre Familien führen. Das ist nicht richtig.“

Wohl wissend, dass alles WM-Übel seinen Ursprung im dubiosen Vorgehen der FIFA im „Fall Folarin Balogun“, der ausgesetzten Sperre für den US-Stürmer und dem vorangegangenen Telefonat von US-Präsident Donald Trump mit FIFA-Boss Gianni Infantino hat, nahm Collina als gewohnt treuer Vasall auch seinen Chef in Schutz.

Verschwörungstheoretiker

„Ebenso kann niemand behaupten, dass das FIFA-Schiedsrichterwesen von irgendjemandem beeinflusst werden könnte – nicht einmal vom FIFA-Präsidenten“, gab der 66-Jährige zu Protokoll. Infantino habe den Unparteiischen „stets seine volle Unterstützung gezeigt und gleichzeitig darauf vertraut, dass wir völlig unabhängig arbeiten. Die Spieloffiziellen treffen ehrliche Entscheidungen und versuchen – genau wie Spieler und Trainer – immer, ihr Bestes zu geben.“

Das sahen die Ägypter zuletzt ganz anders. Sie legten nach dem dramatischen Achtelfinal-Aus gegen Argentinien (2:3) offiziell Beschwerde ein und forderten den WM-Ausschluss des französischen Schiedsrichters François Letexier. Nationaltrainer Hossam Hassan mutmaßte, man wolle den Weltmeister und insbesondere Messi im Wettbewerb behalten.

Wenig Gelbe Karten

Genau das vermuten Verschwörungstheoretiker schon seit dem Endrundenstart der Argentinier, nachdem Messi im ersten Spiel gegen Algerien (3:0) einer Roten Karte entging und stattdessen einen Dreierpack schnürte. Die meisten Experten waren hinterher der Meinung, dass der Superstar nach einem Foul gegen Algeriens Kapitän Aissa Mandi (31.) vom Platz hätte fliegen müssen.

Dazu kommen auffällig wenige Gelbe Karten (drei) für Argentinien trotz der aggressiven Spielweise des Titelverteidigers. Auf die Spitze treiben es diejenigen, die in der Ansetzung des fünfköpfigen argentinischen Schiedsrichter-Teams um Facundo Tello für das Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko den Versuch der FIFA sehen, Argentiniens gefährlichsten Konkurrenten aus Frankreich zu eliminieren oder zumindest zu schaden.

Zu den Verschwörungstheoretikern gehört Urs Meier zwar nicht, doch der Ex-Kollege Collinas sieht die Schuld für die Debatten eindeutig bei der FIFA. Mit dem „Fall Balogun“ habe der Weltverband die „Büchse der Pandora geöffnet“, sagte der Schweizer web.de News: „Die Schiedsrichter werden durch diese Entscheidung weiter ‚enteiert‘. Der VAR hat ihre Autorität ohnehin schon verändert, jetzt nimmt man ihnen noch mehr Macht.“

Nach Ansicht Meiers sollte aber nicht Collina die Scherben als Folge des Balogun-Skandals aufkehren, sondern sein Chef: „Eigentlich müsste Gianni Infantino sagen: ‚Ja, das war ein Fehler. Wir gehen wieder zu der bisherigen Regelung zurück.‘ Genau das würde ich erwarten.“ Darauf dürfte Meier aber wohl ziemlich lange warten.

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