Tour de France
„Hatte sehr zu kämpfen“: Van der Poel rast zum erlösenden Etappensieg
Mathieu van der Poel gelingt vor dem Ruhetag der ersehnte Etappensieg. Für sich, aber vor allem für seine gebeutelte Mannschaft. Einmal mehr scheitert sein Teamkollege Jasper Philipsen im Sprint nämlich an Tim Merlier.
Die schnellsten Beine am Sonntag hatte Mathieu van der Poel Foto: AFP/Jeff Pachoud
Mathieu van der Poel holte sich nach der grenzwertigen Hitze-Tortur erst mal ein Küsschen seiner Freundin Roxanne ab, dann gratulierte auch sein alter Klassiker-Rivale Tadej Pogacar. Gelöst und mit einem großen Grinsen im Gesicht genoss der Niederländer seinen Triumph im Glutofen von Ussel. Die Misere bei der diesjährigen Tour de France ist beendet.
Kollektives Aufatmen
„Ich hatte sehr zu kämpfen, aber heute hatte ich endlich die Beine, um auf Sieg zu fahren“, sagte van der Poel, der nach einem unauffälligen Start pünktlich zum ersten Ruhetag mit seinem spektakulären Ausreißer-Coup auf der wegen der hohen Temperaturen verkürzten neunten Etappe endlich ins Rampenlicht raste. „Es war ein superharter Tag. Der Start der Tour war nicht gut von uns. Wir haben aber daran geglaubt, das rumzureißen“, erklärte der Weltmeister von 2023.
Van der Poel bescherte seinem gebeutelten Rennstall Alpecin-Premier Tech den ersten Tagessieg bei der 113. Frankreich-Rundfahrt. Vor allem in den Massensprints, in denen van der Poel als Anfahrer für Topspurter Jasper Philipsen fungiert, erlebte die Mannschaft enttäuschende Tage. Auch am Samstag in Bergerac war Philipsen chancenlos gewesen, als sein belgischer Landsmann Tim Merlier zum zweiten Mal binnen 24 Stunden gewann. Klassiker-Spezialist van der Poel aber sorgte mit seinem 61. Profisieg und dem insgesamt dritten bei der Tour für ein kollektives Aufatmen.
Ausreißer prägen Rennen
Van der Poel setzte sich am Rande des Zentralmassivs in der nächsten Hitzeschlacht im Sprint einer vierköpfigen Fluchtgruppe nach 154,6 km vor dem Norweger Tobias Johannessen (Uno-X Mobility) und dem Briten Tom Pidcock (Pinarello Q36.5 Pro Cycling) durch. Es war ein von Ausreißern geprägtes Rennen. Alex Kirsch (Cofidis) suchte auf der neunten Tour-Etappe einmal mehr früh die Flucht nach vorn und gehörte zu den ersten Angreifern des Tages. Auch ein kurzer Soloversuch blieb allerdings erfolglos. Am Ende erreichte der Luxemburger das Ziel als 129. mit einem Rückstand von 17:39 Minuten.

Im Massensprint gibt es aktuell kein Vorbeikommen an Tim Merlier Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat
In der Gesamtwertung blieb alles beim Alten. Titelverteidiger Tadej Pogacar (UAE Emirates-XRG) führt das Klassement weiter mit einem komfortablen Vorsprung von 2:42 Minuten vor Jonas Vingegaard (Visma-Lease a Bike) an. Dritter ist Pogacars Teamkollege Isaac del Toro (3:27 Minuten zurück).
Die Etappe war ursprünglich in einer Länge von 185,5 km geplant gewesen. Weil die Temperaturen am frühen Nachmittag im Département Corrèze die von den Behörden vorgegebenen Grenzwerte für Sportveranstaltungen überschritten, wurden in der Anfangsphase 30 Renn-Kilometer gestrichen. Die Fahrergewerkschaft CPA forderte in einem Schreiben vor Etappenstart, die Startzeiten der Sommerrennen anzupassen, „um die Gesundheit der Athleten zu schützen“.
Ergebnisse
113. Tour de France:
9. Etappe: Malemort - Ussel (154,6 km): 1. Mathieu van der Poel (Niederlande/Alpecin-Premier Tech) 3:27:51 Stunden, 2. Tobias Johannessen (Norwegen/Uno-X Mobility), 3. Tom Pidcock (Großbritannien/Pinarello Q36.5 Pro Cycling), 4. Alex Baudin (Frankreich/EF Education-EasyPost) alle gleiche Zeit, 5. Filippo Ganna (Italien/Netcompancy Ineos) 0:06 Minuten zurück, 6. Mads Pedersen (Dänemark/Lidl-Trek), 7. Michael Matthews (Australien/Jayco AlUla), 8. Nicolas Breuillard (Frankreich/TotalEnergies), 9. Jordan Jegat (Frankreich/TotalEnergies), 10. Sean Quinn (USA/EF Education-Easy Post) alle gleiche Zeit ... 129. Alex Kirsch (Cofidis) 17:39
8. Etappe: Périgueux - Bergerac (180,4 km): 1. Tim Merlier (Belgien/Soudal Quick-Step) 3:52:50 Stunden, 2. Biniam Girmay (Eritrea/NSN Cycling Team), 3. Olav Kooij (Niederlande/Decathlon - CMA CGM), 4. Jasper Philipsen (Belgien/Alpecin-Premier Tech), 5. Pavel Bittner (Tschechien/Team Picnic PostNL), 6. Rick Pluimers (Niederlande/Tudor Pro Cycling), 7. Pascal Ackermann (Deutschland/Jayco AlUla), 8. Clément Russo (Frankreich/Groupama-FDJ United), 9. Max Kanter (Deutschland/XDS Astana), 10. Milan Fretin (Belgien/Cofidis) ... 80 Kirsch alle gleiche Zeit
Stand in der Gesamtwertung nach 9 von 21 Etappen: 1. Tadej Pogacar (Slowenien/UAE Emirates-XRG) 31:17:04 Stunden, 2. Jonas Vingegaard (Dänemark/Visma - Lease a Bike) 2:42 Minuten zurück, 3. Isaac Del Toro (Mexiko/UAE Emirates-XRG) 3:27, 4. Remco Evenepoel (Belgien/Red Bull-Bora-hansgrohe) 3:30, 5. Juan Ayuso (Spanien/Lidl-Trek) 3:34, 6. Paul Seixas (Frankreich/Decathlon - CMA CGM) 3:55, 7. Florian Lipowitz (Deutschland/Red Bull-Bora-hansgrohe) 4:00, 8. Lenny Martinez (Frankreich/Bahrain-Victorious) 4:21, 9. Mattias Skjelmose (Dänemark/Lidl-Trek) 4:57, 10. Egan Bernal (Kolumbien/Netcompany Ineos) 9:12 ... 105. Kirsch 1:42:05
Die drückende Hitze hielt die Fahrer nicht ab, zu Beginn ein enormes Tempo anzuschlagen. Das Hauptfeld dünnte sich aus, eine Fluchtgruppe konnte sich aber erst nach knapp 60 km absetzen. Letztendlich blieb ein Quartett um van der Poel übrig, im Sprint war der Topstar klar der stärkste.
Merlier am Samstag
Am Tag davor war es der Belgier Tim Merlier, der die Arme in die Höhe riss und seinen nächsten Triumph feierte. Der belgische Sprintspezialist ist bei der Tour de France aktuell kaum zu stoppen. Nach seinem Tageserfolg in der Weinmetropole Bordeaux siegte er auch einen Tag später in der Dordogne.
„Wenn du einmal gewinnen kannst, dann gelingt es auch ein zweites Mal“, sagte der 33-Jährige. „Ich habe die ganze Zeit um meine Position gekämpft“, fügte er hinzu.
Währenddessen war die Gefühlslage bei seinem Landsmann Jasper Philipsen komplett anders. Der Star-Sprinter sucht im Südwesten Frankreichs weiter seine Form bei der 113. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt. Auch bei der dritten Möglichkeit für die schnellen Männer auf der achten Etappe ging der 28-Jährige leer aus und muss weiter auf seinen elften Tour-Tageserfolg warten. Philipsen, den im vergangenen Jahr ein schwerer Sturz bei der Tour zum Aufgeben zwang, wurde nur Vierter im Massensprint nach 180,4 Kilometern zwischen Périgueux und Bergerac.
Der zehnmalige Tour-Etappensieger Philipsen wurde auf der fünften und siebten Etappe jeweils Fünfter. Besonders nach dem Auftritt in der Weinmetropole Bordeaux am Vortag hatte sich der Profi enttäuscht gezeigt, warf seinen Helm frustriert weg. „Ich kann mir keine Vorwürfe machen. Ich kann nicht mehr leisten, als ich kann“, hatte er in Bordeaux gesagt. „Es ist nicht angenehm, nicht auf dem gewohnten Niveau zu sein.“
Hitze: Pogacar würde „Rennkalender komplett ändern“
Radsport-Star Tadej Pogacar hat in der Diskussion um die zunehmend stärkere Hitzeproblematik eine radikale Maßnahme angeregt. „Wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich den Rennkalender komplett ändern und im Juli, August gar nicht mehr in den heißen Gegenden fahren“, sagte der Gesamtführende der Tour de France am Sonntag nach der neunten Etappe in Ussel. Pogacar schränkte allerdings ein: „Das ist etwas, was man sehr gut durchdenken müsste. Und das kann ich nicht selbst erledigen.“ Eine frühere Startzeit der Etappen wäre für den Slowenen keine Lösung: „Wenn wir schon um 10 Uhr starten, ändert dies nichts – dann kommen wir in der größten Hitze an.“ Die 113. Frankreich-Rundfahrt ist seit dem Start in Barcelona von einer großen Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu über 40 Grad geprägt. Die Etappe am Sonntag war wegen der Hitze um 30 km verkürzt worden, was eine Premiere in der langen Tour-Geschichte darstellte.