Kommentar
Wie Loriot die Migrationspolitik kommentieren würde
Léon Gloden betont gerne die humane Seite seiner „verantwortungsvollen“ Migrations- und Asylpolitik „mat Häerz a Verstand“, geigt aber mit im europäischen Orchester der „neuen Härte“.
Léon Gloden solo, aber zugleich im Duett mit dem Generaldirektor der Immigrationsbehörde und im Orchester der Europäischen Union Foto: Editpress/Julien Garroy
Manch einer kennt noch Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot. Der Humorist und Grandseigneur der deutschen Fernsehkomik verstand es wie kein Zweiter, auf elegante Weise die Absurdität von Alltagssituationen, bürgerlichen Ritualen und bürokratischen Ausdrucksweisen sowie die Kommunikationsstörungen des Aneinander-vorbei-Redens zu entlarven. Die Übersetzung einer Pressemitteilung des Innenministeriums wäre nach Loriots Geschmack gewesen: „Andererseits wird die Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats einfacher und schneller, nicht zuletzt aufgrund der Neugestaltung der Kriterien für die Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats und der Verkürzung der Fristen im Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats.“
Innenminister Léon Gloden betont gemeinsam mit seinem Sidekick Jean-Paul Reiter immer wieder, dass die Regierung für eine verantwortungsvolle Immigrationspolitik „mat Häerz a Verstand“ stehe. Manche sind geneigt zu sagen: „Merde alors!“ Sicher ist, dass es jeder in Zeiten von „Migrationswende“ sowie Migrations- und Asylpaket schwer hat, eine humane und gerechte Asylpolitik zu betreiben. Die freundliche Ansage eines Ministers macht aus einer verkürzten Asylprozedur noch lange keine gerechte, aus der Abweisung an EU-Außengrenzen und Abschiebungen in angeblich sichere Drittstaaten wie Tunesien wird keine „menschliche“ Behandlung von Flüchtlingen, aus dem „failed state“ Libyen kein Transitland, mit dessen Führung man über die gemeinsame Bekämpfung irregulärer Migration verhandelt, aus der „maison de retour“ keine familiäre Begegnungsstätte. Eine harte Linie wird jedenfalls nicht automatisch eine humanistisch geprägte Flüchtlingspolitik, nur weil man ihr einen solchen Anstrich verpasst.
Loriot liebte klassische Musik. Die europäische Orchestrierung der Migration dürfte jedoch nicht nach seinem Geschmack gewesen sein, was weniger an der EU-typischen Kakofonie und Disharmonie als an den Instrumenten liegt. Diese sind verstimmt. Mit ihnen lässt sich Beethovens Neunte kaum spielen. Das „Screening“ von Neuankömmlingen ohne gültige Ausweispapiere nährt Zweifel und Misstrauen. Lager für Flüchtlinge außerhalb der EU stehen einem Europa, das mehr und mehr auf Fachkräfte aus Drittstaaten angewiesen ist, schlecht zu Gesicht und dienen der Abschreckung. Als Akteur auf internationalem Parkett spielt die EU kaum noch eine glanzvolle Rolle. Sie „vergeigt“ es sich im Konzert der Großmächte und lässt sich die Instrumente aus der Hand nehmen. Die von Gloden häufig beschworene Solidarität in der Flüchtlingspolitik entspricht bestenfalls einer Einigung auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner. Auch wenn diese Politik humoristisch begleitet werden kann, sind ihre Auswirkungen bitterer Ernst.