Iran
Was vom Aufstand übrig bleibt: Die Protestwelle ist abgeflacht, doch das Mullah-Regime steht weiter unter Druck
Die Machthaber in Teheran haben die Demonstrationen in den vergangenen Wochen mit äußerster Gewalt niedergeschlagen. Doch die Wut der Menschen bleibt bestehen, die politischen und militärischen Spannungen drohen zu eskalieren. Die Wirtschaft liegt am Boden. Dem Land droht der Kollaps.
Demonstranten in Düsseldorf protestieren gegen das Regime im Iran. Die Demonstranten fordern einen Regimewechsel. Auf Plakaten wird zudem die Rückkehr von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs von Persien, gefordert Foto: Roberto Pfeil/dpa
Ein Samstagnachmittag unter strahlender Wintersonne in Düsseldorf. Doch manchen, die in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt gekommen sind, ist nicht nach Einkaufsbummel zumute. Mit „Free Iran“-Schildern, Transparenten, die auf die Toten bei der Niederschlagung der jüngsten Proteste im Iran hinweisen, und Sprechchören wie „Weg, weg, weg – die Mullahs müssen weg“ sind sie auf die Straße gegangen. Einige haben „Einschusslöcher“ auf ihre Stirn gemalt. Mit rund 18.000 Demonstranten ist es die größte Protestkundgebung in Düsseldorf seit Jahren. Viele von ihnen leben in Deutschland. Sie ziehen bis vor den Landtag. Etliche tragen auch Bilder von Reza Pahlavi, dem Sohn des früheren, 1979 durch die Islamische Revolution gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi.
Unterdessen herrscht in Teheran Ruhe. Kaum noch jemand traut sich auf die Straße. Aus dem lautstarken Protest ist stille Wut über das Regime geworden. Der Graben zwischen der Bevölkerung und den Machthabern hat sich vertieft. Zwar wurde, nachdem das Internet wochenlang gekappt war, zumindest eine teilweise Verbindung wiederhergestellt. Nun zeigt sich das Ausmaß der Gewalt: Hatte die Human Rights Activist News Agency (HRANA) kürzlich noch 5.500 Todesopfer gemeldet – 26.000 Menschen sollen verhaftet worden sein – und von 17.000 noch zu prüfenden Todesfällen berichtet, wird laut dem US-amerikanischen Time Magazine von bis zu 30.000 getöteten Menschen ausgegangen. Die Machthaber um den 86-jährigen Ayatollah Ali Chamenei, Oberster Führer und geistliches Oberhaupt sowie Oberbefehlshaber der Streitkräfte, der sich in einen unterirdischen Bunker zurückgezogen haben soll, drohten den „Unruhestiftern“ mit Vernichtung.
Ein Aufstand nach dem anderen
Nicht nur die Wut ist geblieben, sondern auch die Wirtschaftskrise, die das Land seit einiger Zeit erfasst hat. Nach dem Aufstand ist vor dem Aufstand. In den vergangenen Jahren ist es in immer kürzeren Abständen zu Protestwellen im Iran gekommen. Nach 1979 etablierte sich die heutige Theokratie. Auslöser und Gründe waren unterschiedlich: Die ersten großen Demonstrationen nach der Islamischen Revolution unter Ayatollah Ruhollah Chomeini waren die Studentenproteste von 1999 aufgrund der Schließung reformorientierter Zeitungen; die „Grüne Bewegung“ vor allem der städtischen Mittelschicht von 2009 richtete sich gegen die mutmaßliche Wahlfälschung bei der Präsidentschaftswahl; zu den Protesten von 2017/18 (Dey-Proteste) sowie 2019 (Âbân-Proteste) kam es unter anderem aufgrund der gestiegenen Armut, der hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit und der gestiegenen (Benzin-)Preise; ab dem September 2022 gingen nach dem Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini im Gewahrsam der sogenannten Sittenpolizei Menschen im ganzen Land gegen die Polizeigewalt auf die Straße – die Bewegung „Zan, Zendegi, Âzâdi“ (Frau, Leben, Freiheit), die über ethnische und soziale Grenzen hinausging, erfuhr internationale Solidarität.
Letztere Protestwelle richtete sich schließlich gegen den Islamischen Staat, die aktuelle stellt noch viel stärker die Systemfrage. Sie ging diesmal von den Basarhändlern aus, nicht zuletzt wegen der extremen Inflation und grassierenden Armut. Bald richtete sie sich direkt gegen die politische Führung und forderte deren Rücktritt. So fanden etwa Fotos und Videos von Frauen Verbreitung, die sich ihre Zigarette an einem brennenden Foto von Ayatollah Ali Chamenei anzünden. Diesmal hat die Staatsmacht noch härter und brutaler durchgegriffen als je zuvor. Aber die Menschen hätten ihre Wut gespeichert und würden sie aufbewahren, sagt Tareq Sydiq vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Zudem sei die Erinnerung an die letzte Protestwelle noch aktuell. Die Wut habe keine Zeit abzuflachen, sondern werde weiter aufgeheizt.
Revolutionsgarde als Staat im Staat
Noch stehen die Sicherheitskräfte zum Regime, die Armee ebenso wie die Revolutionsgarde (IRGC), auch Padaran genannt, der nach den Worten der deutsch-iranischen Journalistin Natalie Amiri „wichtigsten und mächtigsten Institution der Islamischen Republik“, die über ein eigenes Heer, eine Marine und Luftwaffe sowie einen eigenen Geheimdienst verfügt. Als eine paramilitärische Einheit der Revolutionsgarde unterstellt ist die Basidsch-Miliz, die sich aus Freiwilligen rekrutiert und immer dann eingesetzt wird, wenn Proteste niedergeschlagen werden. Die IRGC ist zu einem eigenen System in einem dysfunktionalen System, zu einem Staat im Staat geworden. Personen aus dem Kreis der Revolutionsgarden besitzen Restaurants, Hotels, Einkaufszentren und Immobilienfirmen und kontrollieren einen großen Teil der iranischen Wirtschaft. Betrachtet man jedoch die ökonomische Lage im Land, so ist festzustellen, dass die militärische Konfrontation mit Israel und den USA im Juni vergangenen Jahres den Iran noch weiter geschwächt haben.
Die Opposition im In- und Ausland galt lange Zeit als zersplittert. Hinzu kommt, dass viele Regimekritiker im Gefängnis sitzen. Weder eine Führungsfigur noch eine Organisation mit bekannten Gesichtern war auszumachen. Nicht selten wird von einer „vertanen Chance der Auslandsopposition“ gesprochen, wie es die deutsch-iranische Fernsehjournalistin Golineh Atai ausdrückt. Keine Partei und Richtung zeige Interesse an der Aufarbeitung der eigenen Fehler. Vielmehr hätten „die Anhänger der jeweiligen Vertreter die Messer gewetzt, um Gegner auszuschließen und mit ihnen abzurechnen“. Einige fordern eine Rückkehr zur alten Monarchie, andere wollen ein demokratisches System. Mittlerweile hat sich der in den USA lebende Reza Pahlavi als Symbol- und mögliche Führungsfigur herauskristallisiert. Er fordert einen demokratischen Übergang, hat aber auch schon betont, selbst kein Amt anzustreben. Hinzu kommen die Bürgerrechtsbewegungen und ethnischen Gruppen, die ihren Fokus auf Frauenrechte bzw. auf die Rechte von Minderheiten richten, etwa die der Kurden oder Belutschen. Lange Zeit galt die Organisation der Volksmudschahedin, seit 1981 im Exil, die sich an marxistischen Theorien orientierte und schon als Opposition gegen den Schah aktiv war, als aktivste Oppositionsgruppe, wurde aber häufig als Politsekte kritisiert.
Da braucht es nur den nächsten Funken
Katajun Amirpur
Universität Köln
Die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft blieben eher dürftig. Ein ums andere Mal wurde mit verschärften Sanktionen gedroht und US-Präsident Donald Trump tat es mit militärischer Intervention. Das Europaparlament forderte in einer Resolution, die IRGC als terroristische Organisation einzustufen, worüber es bisher keinen Konsens gab, und forderte den Rat der Europäischen Union dazu auf, restriktive Maßnahmen wie das Einfrieren von Vermögen sowie Visumsverbote einzuleiten. Im August 2025 waren unter anderem die 2015 mit dem Atom-Deal ausgesetzten Sanktionen wieder in Kraft getreten, die vor allem den Import, Kauf und Transport von Öl, Gas und Gold aus dem Iran verboten. Das Regime reagierte, indem es verstärkt Geld druckte und die Inflation anfeuerte. Fast 1,5 Millionen iranische Rial kostet ein US-Dollar, im September lag er noch bei einer Million. Die an der Universität Köln lehrende Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur stellt fest, dass das Protestpotenzial gewachsen sei. Die Autorin des Buches „Iran ohne Islam: Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ sagt, das Abflauen des Protests könnte nur vorübergehend sein und die Proteste immer wieder aufflammen. „Da braucht es nur den nächsten Funken.“
Offener Brief an Trump
Dagegen setzt Ehsan Tarinia Gilani Hoffnungen in Reza Pahlavi. Der Journalist, Übersetzer, Schriftsteller und Medienunternehmer mit iranisch-luxemburgischer Staatsangehörigkeit stammt aus Sanandadsch im kurdisch geprägten Westen Irans. Bereits im Alter von 16 Jahren begann er journalistisch zu arbeiten. In einem Umfeld umfassender staatlicher Zensur entwickelte sich das Schreiben für ihn zu einer Form stillen Widerstands. Aufgrund des politischen Drucks und mehrerer Verhaftungen verließ Tarinia den Iran. Anfang der 2000er-Jahre floh er über Griechenland nach Europa und lebt seit mehr als 20 Jahren in Luxemburg. Während der COVID-19-Pandemie gründete er die mehrsprachige Medienplattform Simourq, benannt nach dem gleichnamigen Vogel aus der persischen Mystik. Das Projekt umfasst eine Druckerei und einen Verlag, einen digitalen Medienzweig sowie die Nachrichtenplattform Simourq News.

Ehsan Tarinia Gilani, Journalist, Übersetzer, Schriftsteller und Medienunternehmer Foto: privat
Tarinia versteht seine Arbeit als Versuch, „den Stimmlosen eine Stimme zu geben“, insbesondere Migranten, Exilgemeinschaften und gesellschaftlichen Minderheiten. Der Gründer und Präsident der Organisation PEN asbl (Poets, Essayists & Novelists), die sich für Meinungsfreiheit, den Schutz verfolgter Autoren und interkulturellen Dialog einsetzt, beschreibt die aktuellen Proteste als Ausdruck eines tieferen politischen Bruchs: Es gehe um Würde, Bürgerrechte und die Ablehnung eines Systems, das Kritik systematisch kriminalisiere. In einem von Tarinia weitergeleiteten öffentlichen „Statement“ rufen die Unterzeichnenden zu „dringenden internationalen Maßnahmen unter Führung der USA“ auf, „um das iranische Volk zu unterstützen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“. Das offene Schreiben ist an US-Präsident Donald Trump gerichtet.
Ehsan Tarinia weist auf eine öffentliche Kundgebung für Donnerstag, 29. Januar, um 14 Uhr auf der hauptstädtischen Place de l’Europe an. Die friedliche Aktion stehe unter dem Motto „Wir weigern uns zu schweigen“.