„Er war ein Macher“
Santer, Delvaux, Di Bartolomeo und Sold reagieren auf den Tod von Robert Goebbels
Robert Goebbels ist tot. Der Luxemburger Architekt von Schengen ist in der Nacht von Montag auf Dienstag unerwartet im Alter von 81 Jahren gestorben. Vier ehemalige Weggefährten reagieren auf den Tod des früheren Tageblatt-Journalisten und LSAP-Ministers.
Lesen war die große Leidenschaft von Robert Goebbels Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Sein Name wird für immer mit Schengen in Verbindung bleiben, und das nicht nur aufgrund der Straße, die nach ihm benannt wurde und die gestern Trauerflor trug. Mit Robert Goebbels ist in der Nacht von Montag auf Dienstag nicht nur einer der Architekten des Schengener Abkommens gestorben, sondern auch ein ehemaliger Journalist und Politiker, der Luxemburg mitgeprägt hat und sich bis zum Schluss – oft auf kontroverse Weise – in die öffentliche Debatte eingebracht hat. Der Vater von zwei Kindern wurde 81 Jahre alt. Im Mai 2024 starb seine Ehefrau Annick Goebbels-Luck, ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie.
Robert Goebbels begann seine berufliche Karriere, die ihn letztendlich zu Ministerehren führen sollte, als Journalist beim Lëtzebuerger Journal. „Entscheidend im Journalismus ist nicht, wo man anfängt, sondern wo es einen hinführt“, sagt Alvin Sold, früherer Chefredakteur des Tageblatt und langjähriger Weggbegleiter, der genau wie Goebbels aus Luxemburg-Stadt stammt.
Robert Goebbels (M.) und Alvin Sold (r.) Foto: Editpress-Archiv
Und Goebbels führte es zum Tageblatt, wo er bis 1974 arbeitete und unter anderem stellvertretender Chefredakteur war. Anschließend wechselte er als Fraktionssekretär zur LSAP. Eine Zeit, in der Verflechtungen zwischen Parteien und Zeitungsredaktionen normal waren, in denen sich Konservative und Sozialisten nicht nur in Parlamentsdebatten, sondern ebenfalls in den Spalten der Tageszeitungen herausforderten. So konnte der Fraktionssekretär auch noch Leitartikel im Tageblatt schreiben.
Von 1976 bis 1984 sowie von 2000 bis 2005 war Goebbels Mitglied im hauptstädtischen Gemeinderat. 1984 wurde er zum Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten in der Regierung Santer-Poos II berufen. In diese Zeit fällt die Unterzeichnung des Schengen-Abkommens, weswegen Goebbels bis heute auch als einer der Gründerväter des Schengenraumes gilt. „Sein Name bleibt auf ewig mit dem Schengen-Abkommen verbunden“, schreibt Premierminister Luc Frieden auf X. Der CSV-Politiker würdigte Goebbels als engagierten, offenen und angenehmen Politiker. Er erinnere sich gerne an die gemeinsamen Diskussionen in der Regierung Juncker zurück.
Der damalige Bautenminister Robert Goebbels (LSAP) stellt 1995 die definitive Variante (Ostvariante) der Nordstraße vor Foto: Editpress-Archiv
Das LSAP-Urgestein gilt zudem als Vater der „Nordstrooss“ und prägte als Minister für öffentliche Bauten in den 1990er Jahren das Bild Luxemburgs nachdrücklich. Ab 1999 vertrat er das Großherzogtum als Europaabgeordneter in Brüssel und wurde zweimal wiedergewählt, bis er 2014 nicht mehr für die LSAP antrat. Auch nach seiner politischen Pensionierung blieb Robert Goebbels weiterhin aktiv und war unter anderem Autor zahlreicher Forum-Beiträge im Tageblatt. Sein letzter Forum-Beitrag mit dem Titel „Die notwendige Entrümplung der EU: Plädoyer für ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ erschien am 30. Dezember 2025. Seine Beiträge waren oft umstritten, vor allem die Grünen und die Umweltpolitik wurden zum bevorzugten Streitthema.
Unter seinen Wegbegleitern galt Rob, wie er oftmals genannt wurde, als meinungsstarker Politiker, der auch dann zu seinen Überzeugungen stand, wenn die Mehrheit es nicht tat. Die gesamte Tageblatt-Redaktion spricht der Familie ihr tief empfundenes Beileid aus.
Mady Delvaux
„Ich bin, als ich vom Tod von Robert Goebbels erfahren habe, richtig erschrocken“, sagt die Partei- und Ministerkollegin Mady Delvaux gegenüber dem Tageblatt. „Seitdem ich in der Partei bin, war ‚de Rob‘ ein ständiger Wegbegleiter. Lange Zeit waren wir zusammen in der Regierung, er war ein Freund, unsere Kinder sind im gleichen Alter ... Ich bin einfach traurig.“ Robert Goebbels sei neben Ben Fayot einer der Politiker gewesen, die sie dazu bewogen haben, sich für Wahlen aufzustellen. Es seien Frauen gesucht worden, die sich politisch engagieren wollten. „Auf dem Bezirkskongress Zentrum hat er ein Kongressbüro, dem ich als Präsidentin vorstand, nur mit Frauen besetzt. An dem Tag haben wir die Wahllisten vervollständigt und ich wurde zur Spitzenkandidatin der Zentrumsliste.“ Ohne Robert Goebbels’ Entscheidung, ihr wortwörtlich die Bühne zu überlassen, sei das nie so zustande gekommen, ist sich die ehemalige LSAP-Ministerin sicher. „Das verdanke ich Rob.“ Der Tod des ehemaligen Parteikollegen habe sie komplett überrascht. „Ich hatte noch mit ihm vor einigen Wochen gesprochen.“
Jacques Santer
„Den Dout vum Robert Goebbels huet mech schwéier frappéiert“, sagt der Luxemburger Ehrenstaatsminister und ehemalige Kommissionspräsident der EU Jacques Santer im Gespräch mit dem Tageblatt. „Ich habe ihn gut gekannt und ihn bis zuletzt als dynamischen Aktivisten wahrgenommen, der noch immer überall präsent war. Mit ihm verliert die sozialistische Partei einen große Persönlichkeit.“ Anfangs sei er vielleicht weniger bekannt gewesen, habe sich jedoch sowohl in der Partei als auch als Politiker immer durchsetzen können, weiß Jacques Santer. „Et deet mir leed, dass sou e Mann fir Lëtzebuerg verluer geet.“
Eine spezielle Anekdote will Luxemburgs Ehrenstaatsminister nicht hervorheben. „Es gibt so viele Anekdoten ... Er hat es jedoch verdient, dass jemand sein Gesamtwerk aufarbeitet“, sagt Santer. Und: „En huet sou munches un Aktivitéiten an dëst Land rabruecht, wat anerer net fäerdeg bruecht hätten. Zesummen mam Jacques Poos hunn si eng aner Dimensioun op Lëtzebuerg bruecht, dat muss ee respektéieren.“ Und das tat Santer auch: „En huet nei Elementer an d’sozialistesch Partei bruecht. Et ass net vun ongeféier, dass déi sou laang bei mir an der Regierung war.“ Sein tiefstes Beileid drückt Santer der verbliebenen Familie von Robert Goebbels aus.
Alvin Sold
„Die Nachricht von Roberts Tod geht mir sehr nahe“, so Alvin Sold, ehemaliger Chefredakteur des Tageblatt und Generaldirektor der Editpress-Gruppe. „Wir hatten ein sehr enges Verhältnis und haben uns bis zuletzt regelmäßig getroffen, um über Politik, Wirtschaft und soziale Fragen zu diskutieren. Wir waren zwei Weltverbesserer.“ Goebbels sei ein begnadeter Schreiber und Journalist gewesen. „Er hatte ein Gefühl für Sprache, wie nur sehr wenige es haben. Seine wohl größte Leidenschaft galt dann auch dem Lesen.“ Seine journalistische Laufbahn begann Goebbels beim Lëtzebuerger Journal und kam dann zum Tageblatt, wo er stellvertretender Chefredakteur wurde. „Er schrieb aber weiterhin Artikel und sogar Leitartikel für das Tageblatt.“ Es folgte eine Politikerkarriere, die ihresgleichen sucht, wie der ehemalige Tageblatt-Chefredakteur es beschreibt. „Als Politiker hatte er das Talent, Menschen zusammenzubringen und dennoch immer klar seine Meinung zu formulieren. Er hat als Minister vieles in die Wege geleitet, von dem wir heute noch profitieren.“
Tageblatt-Journalisten und LSAP-Politiker beim Parteikongress 2003 in Beggen: Romain Durlet, Mars di Bartolomeo und Robert Goebbels. Ganz rechts Ben Fayot. Foto: Tageblatt-Archiv
Mars Di Bartolomeo
„Dem Rob seng Weeër a meng hunn sech dauernd gekräizt“, erzählt Mars Di Bartolomeo dem Tageblatt. „Als ich beim Tageblatt angefangen habe, war Robert bereits ein gestandener Journalist und mein Lehrmeister. Jemand, zu dem wir hochgeschaut haben.“ Das Tageblatt-Team war klein, mehr Mission oder Berufung als Beruf. „Er war ein engagierter und überzeugter Journalist, der an das geglaubt hat, was er geschrieben hat.“ Überhaupt fällt es Di Bartolomeo schwer, Robert Goebbels in wenigen Worten zu charakterisieren. Lehrmeister, Wegbegleiter, Freund, meinungsstark, guter Sozialist, ein Mann mit Rückgrat und Überzeugungen, Pragmatiker, Freidenker: „De Rob war ee Macher.“
„Robert Goebbels hat sich – gerade wenn er in der rezenten Vergangenheit Artikel verfasst hat – nicht immer im Mainstream der Partei positioniert“, so Di Bartolomeo. „Doch auch, wenn er mal gegen den Strom schwamm, war er ein absolut treuer Tageblatt-Mann und überzeugter Sozialist. Ein Freund, wie man ihn sich wünscht.“