PISA-Studie
Luxemburg macht künftig wieder mit: Schulniveau laut Gewerkschaft „dramatisch“ gesunken
In vielen Staaten, die an der PISA-Studie teilnahmen, haben sich die Schüler in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften verschlechtert. Luxemburg war dieses Mal nicht dabei. Bildungsminister Claude Meisch habe sich vor dem Resultat gefürchtet, meint Gewerkschafterin Vera Dockendorf. Ab dem nächsten Ländervergleich 2025 soll das Land laut Ministerium wieder jedes Mal mit von der Partie sein.
Luxemburg schwänzt die PISA-Studie bald nicht mehr– die Mängel bleiben offensichtlich Bildmontange: Editpress
Dass die jüngste, 2022 durchgeführte und am vergangenen Dienstag vorgestellte Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) für die meisten der 80 Länder – bis auf wenige wie etwa Japan im Lesen und in den Naturwissenschaften sowie Italien, Irland und Lettland ebenso in den Naturwissenschaften – schlechter ausfiel als vier Jahre zuvor, stellt einen erneuten PISA-Schock dar. Es ist nicht der erste, wie man seit der ersten Durchführung im Jahr 2000 weiß. Die PISA-Schocks, die in schöner Regelmäßigkeit von drei Jahren die Länder besonders trafen, deren Bildungssystem schlecht abgeschnitten hatte, erzielten ihre Wirkung.
So auch hierzulande, wo PISA von Beginn an Kontroversen auslöste: „Es wurden neue Fragen aufgeworfen“, stellt der Direktor des „Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques“ (Script), Luc Weis, fest. Das Schulmonitoring sei konkret aufgebaut und die Forschung intensiviert worden, mehr und mehr Zahlen standen zur Verfügung. „Das Schulmonitoring bekam eine neue Qualität“, sagt Weis, der zurzeit an einer OECD-Tagung in Bukarest teilnimmt. Der Weg „von einem auf ‚eminenz‘- zu einem evidenzbasierten Schulsystem“ war eingeschlagen. Auch wenn es von OECD-Seite immer wieder hieß, dass es nicht um einen Wettbewerb zwischen den Ländern gehe – „wir sind uns einig, dass das große Publikum auf das Ranking schaut“, sagt der Script-Chef. Er erkennt an, dass PISA „viele Inputs“ gebracht habe, „doch manche Vergleiche hinken“.
Das Schulmonitoring bekam eine neue Qualität
Luc Weis
Script-Direktor
Unter dem Durchschnitt
Luc Weis, Direktor des „Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques“ (Script) Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Luxemburg lag bei den PISA-Studien – sowohl im Lesen als auch in der Mathematik und in den Naturwissenschaften – regelmäßig unter dem OECD-Durchschnitt. 2018 verschlechterte sich das Land in allen drei Bereichen gegenüber 2015: in der Lesekompetenz (Schwerpunkt 2018) von 481 Punkten auf 470, in Mathematik von 486 auf 483 und in Naturwissenschaften von 483 auf 477. Getestet wurden hierzulande 5.230 Schüler im Alter von 15 bis 16 Jahren. Außerdem schlugen einmal mehr sozioökonomische Faktoren zu Buche: Die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus gut situierten und sozial benachteiligten Familien waren besonders groß. Als Erklärung wurde stets der hohe Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund genannt – jedoch sei das Ergebnis gegenüber 2015 relativ stabil geblieben, obwohl der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund angestiegen sei, konstatiert Luc Weis. Die Bildungsungleichheit war trotzdem noch zu groß. Zu vielen Kindern fehlten die nötigen Grundkenntnisse.
Bildungsminister Claude Meisch, seit 2013 zuständiger Ressortleiter, hatte schon bei der Veröffentlichung der Resultate von 2015 diese infrage gestellt. Weshalb das Großherzogtum am letzten PISA-Test nicht teilgenommen hat und nur noch alle sechs Jahre teilnehmen wollte: Die Vergleichsstudie lasse die besondere Situation der Vielsprachigkeit außer Acht. Und sie trage den spezifischen luxemburgischen Gegebenheiten nicht genügend Rechnung. Allerdings konnten die hiesigen Schüler im Vergleich zu den allermeisten anderen Ländern zwischen den Testsprachen (Deutsch und Französisch, in den internationalen Schulen war auch Englisch erlaubt) wählen, allerdings für den ganzen Test, auch wenn zum Beispiel die Unterrichtssprache in Mathematik eine andere war.
Bewertung und Vielfalt
Jedenfalls sollten einzelne Aspekte aus der Studie tiefergehend analysiert werden. So wird unter anderem etwa der sozioökonomische Aspekt in dem seit 2015 alle drei Jahre erstellten Nationalen Bildungsbericht beleuchtet. Und in den alljährlich seit 2009 durchgeführten „épreuves standardisées“ werden jedes Jahr mehr als 20.000 Schüler im ersten, dritten, fünften, siebten und neunten Schuljahr immer im November getestet. Dies erlaubt, die Entwicklung der Schüler während ihrer schulischen Laufbahn zu verfolgen. Außerdem strebte das Ministerium einen Vergleich mit Ballungsräumen beziehungsweise mit Ländern oder Regionen an, die Ähnlichkeiten mit Luxemburg aufweisen, etwa mit der Schweiz, Ostbelgien oder Südtirol. Schritte in diese Richtung wurden bereits unternommen, doch habe 2020 die Covid-Pandemie vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht, erklärt Luc Weis.
Die Diversifizierung des Schulangebots und die eingeschlagene Richtung einer mehrsprachigen Frühförderung unter Meisch sind Reaktionen auf bisherige Untersuchungen – und nicht zuletzt auch auf PISA. Die Entscheidung der OECD, die Vergleichsstudie künftig alle vier Jahre durchzuführen, hat nun zur Folge, dass Luxemburg wieder jedes Mal daran teilnehmen wird. Die nächste PISA-Studie wird 2025 stattfinden, die übernächste 2029. Mit Luxemburg.
Meisch zu Luxemburg und PISA
Bildungsminister Claude Meisch: „Ech si frou, datt d’OECD eis Argumenter iwwerholl huet an d’Periodizitéit vun der PISA-Etude elo vun dräi op véier Joer unhieft. Dofir ass et nëmme logesch, datt mer als Lëtzebuerg an Zukunft och nees bei all Etude matmaachen. Dat nieft eisen nationalen Etuden, déi mer mat der Uni.lu mat den Epreuves standardisées permanent duerchféieren.“
Meisch und die Studien
Vera Dockendorf, Sekundarlehrerin und Sprecherin vom SEW/OGBL Foto: Editpress/Alain Rischard
Die Lehrergewerkschaft SEW/OGBL steht der PISA-Studie prinzipiell eher skeptisch entgegen. „Das Bildungsverständnis, das von PISA propagiert wird, ist uns zu kurzsichtig“, sagt Vera Dockendorf, Sekundarlehrerin und Sprecherin vom SEW/OGBL. Laut OECD müssen Schüler beispielsweise keine Literatur lesen, sondern nur die Sprache an sich beherrschen. Auch der kompetenzorientierte Unterricht, den die OECD vertritt, bewertet die Gewerkschaft als wenig sinnvoll. „Wir sind Vertreter der humanistischen Bildung – das geht über das hinaus, was die Wirtschaft verwerten kann“, so Dockendorf.
„Auf der anderen Seite stellt PISA natürlich fest, wie gut das Schreiben, Lese- und Hörverstehen bei den Schülern ist“, so die Gewerkschafterin. Feedback, das Luxemburg dringend nötig habe. Die Abwesenheit Luxemburgs werfe nämlich die Frage auf, ob Meisch sich vor dem Resultat fürchtet. Der Minister entziehe sich bewusst einer Bewertung – außer, die Studie wurde vom Bildungsministerium selbst in Auftrag gegeben. „Herr Meisch hat die sehr eigenwillige Art, nur die positiven und nicht die negativen Aspekte zu beachten“, sagt Dockendorf. Ein Umstand, den die Gewerkschaft schon mehrmals kritisiert habe.
Herr Meisch hat die sehr eigenwillige Art, nur die positiven und nicht die negativen Aspekte zu beachten
Vera Dockendorf
Sprecherin SEW
Ein Beispiel: Laut einer Luxemburger Studie seien die Europaschulen ein Wundermittel gegen Bildungsungerechtigkeiten. „In Wirklichkeit haben diese Schulen einen höheren sozioökonomischen Status als die Bildungseinrichtungen im Luxemburger System – das ist exemplarisch dafür, wie der Minister mit Studien umgeht“, meint Dockendorf. Für die Gewerkschaft ist klar, dass die Bildungslücke durch Covid und durch die Reform des „cycle inférieur“ gewachsen ist. Das Niveau sei „dramatisch“ gesunken. Die „épreuves standardisées“ der vergangenen Jahre würden dies beweisen. „Nicht im ,Classique‘, aber im ,Générale‘, ,Préparatoire‘ und im ,Primaire‘“, sagt Dockendorf.
Die Schule werde bei Meisch als Dienstleister angesehen. Diese Philosophie sei an der Reform des „cycle inférieur“ zu erkennen. Von 7e bis 5e können Schüler nämlich nicht mehr durchfallen. „Der Kunde ist zufrieden, wenn er ein Diplom bekommt – und danach läuft er gegen die Wand“, sagt Dockendorf. Dieses System erlaube den Schülern nicht, an ihren Defiziten zu arbeiten. Deshalb sei es sinnvoll, ein externes Feedback zu bekommen – durch PISA oder eine andere Studie. „Dann müsste sich Herr Meisch auch mit dieser Realität auseinandersetzen – und er könnte sich die Situation nicht schön malen, so wie er das mit seinen nationalen Studien macht.“