Luxemburg

Infektiologe Schockmel über Affenpocken, die Zukunft der Pandemie und die Impfpflicht

Dr. Gérard Schockmel hat die Corona-Pandemie von Anfang an miterlebt und verfolgt. Die Affenpocken sind bei Weitem nicht so gefährlich wie Covid-19, sagt der Infektiologe. Überhaupt soll man das Coronavirus nicht vergessen, denn es sei noch immer „für schlechte Überraschungen gut“. Deswegen sei es auch wichtig, dass über eine partielle Impfpflicht diskutiert werde. Ein Gespräch.

Infektiologe Schockmel über Affenpocken, die Zukunft der Pandemie und die Impfpflicht

Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Im Kontext der Covid-19-Pandemie hat die Meldung des Auftretens von Affenpocken in den westlichen Ländern die Aufmerksamkeit der internationalen Gesundheitsorganisation geweckt. Wirklich Sorgen muss man sich allerdings nicht machen, sagt Dr. Gérard Schockmel am Dienstagmorgen gegenüber dem Tageblatt. „Für die Allgemeinbevölkerung ist das Risiko wirklich gering“, sagt der Infektiologe. Trotzdem müsse man aufmerksam bleiben. Denn: Ursprünglich sei das Virus vom Tier auf den Menschen übertragen worden, aber bei den neuen beobachteten Ansteckungen sei das nicht der Fall gewesen.

Die festgestellten Krankheitsfälle seien von Mensch zu Mensch übertragen. „Und das ist eine neue Situation, die wir bis jetzt noch nicht hatten“, sagt Schockmel. Deswegen würden die weltweiten Gesundheitsorganisationen die Ausbreitung der Affenpocken ernst nehmen. Überhaupt sei bei diesen festgestellten Fällen vieles untypisch „und nicht so, wie wir es kennen“. Beim klassischen Affenpocken-Fall – also vom Tier auf den Mensch übertragen – sei es so, dass man den Ausschlag zuerst im Gesicht und danach an den Extremitäten entdecke.

Bei den neuen Fällen seien die ersten Symptome, wie Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen, ganz wenig ausgeprägt. Und: Der Ausschlag tauche sofort in der Leistengegend, auf Geschlechtsteilen oder rektal auf. „Dann könnte man es prinzipiell auch mit anderen Krankheiten verwechseln, die man im Genitalbereich findet“, sagt Schockmel. Deswegen stehe die Frage, ob es sich da bei dieser Krankheit um eine Geschlechtskrankheit handele, momentan im Raum. „Die Frage ist nicht beantwortet“, sagt Schockmel. Experten würden vorsichtig sagen, dass dies noch nicht nachgewiesen sei. Bei einer Geschlechtskrankheit finde die Übertragung durch die Genitalsekrete statt. Aber es sei eben auch möglich, dass die Affenpocken durch den direkten Kontakt mit den Pusteln, die sich im Genitalbereich befinden, verbreitet werden.

Dass die Affenpocken jetzt ein Sprungbrett für die nächste Pandemie seien, wie es aus Kreisen der Verschwörungstheoretiker heißt, ist laut Schockmel „Mumpitz“. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung sei klein, das Risiko sei eher bei jungen Männern mit wechselnden Geschlechtspartnern vorhanden. Die Tröpfcheninfektion sei also nicht sonderlich effizient. „Von einem weiteren Lockdown kann gar keine Rede sein“, sagt Schockmel.

„Keine Herausforderung für Krankenhäuser“

Die Affenpocken würden sowohl über direkten Kontakt übertragen als auch über die Atemwege – allerdings sei Letzteres eher unwahrscheinlich. Trotzdem müsse man im Gesundheits- und Pflegesektor, wie bei jeder Infektionskrankheit, gewisse Sicherheitsmaßnahmen in die Wege leiten. Das sei laut Schockmel allerdings keine spezielle Herausforderung für die Krankenhäuser, da sich das Personal regelmäßig mit etlichen Infektionskrankheiten beschäftige. „Das ist eine Routinesache, aber es ist wichtig, dass man daran denkt. Der Vorteil in diesem Fall ist, dass sich die Krankheit mit einem Hautausschlag bemerkbar macht, der eigentlich nicht zu übersehen ist“, sagt Schockmel.

Sobald die Affenpocken als Erreger vermutet werden, würde das Krankenhaus die richtigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Heißt: Handschuhe, Schutzkleidung, Maske. Der Patient werde also isoliert, dann werde geschaut, mit wem er Kontakt hatte und dann würden diese Personen auch isoliert. Möglicherweise würde es auch Sinn ergeben, die Kontaktpersonen dann zu impfen.

Das Vakzin gegen die Pocken habe eine gute Wirksamkeit und schütze in 85 Prozent der Fälle. „Die Pocken gelten seit 1980 als ausgerottet und dann haben die Impfprogramme auch aufgehört“, sagt Schockmel. Die Zahl der Menschen, die eine Impfung gegen Pocken erhalten haben, liege im Schnitt bei ungefähr 30 Prozent. Mittlerweile habe auch der Schutz dieser verabreichten Impfungen nachgelassen.

Corona ist noch immer für schlechte Überraschungen gut

Neben den Affenpocken gibt es allerdings noch immer das Coronavirus. Die momentane Infektionslage sei entspannt. „Es war dringend notwendig, dass wir wieder etwas Normalität entwickeln konnten, damit das Personal in den Krankenhäusern nicht mehr diesen Zulauf hat, wie noch vor ein paar Monaten“, sagt Schockmel. Der neue Omikron-Subtyp BA.5, der sich unter anderem in Portugal rasend schnell verbreitet, scheine allerdings nicht virulenter zu sein als das aktuelle Virus in Luxemburg – dafür allerdings ansteckender.

Doch: „Für jemanden, der geimpft ist, ist eine Ansteckung wie eine Art Booster, also gar nicht schlecht“, sagt Schockmel. Die beste Immunität habe man also bei einer Impfung kombiniert mit einer Genesung – auch bei der neuen Variante. „Die nächsten Monate bleiben wir vielleicht noch bei den Omikron-Varianten, aber irgendwann sind diese auch weg“, sagt der Infektiologe. Man dürfe nicht vergessen, dass zu jedem Moment eine neue Variante entstehen könne – beim Coronavirus könne dies alle paar Monate passieren. „Das Coronavirus ist immer noch für schlechte Überraschungen gut“, sagt Schockmel. „Es ist naiv, zu glauben, dass wir immer nur bei den Omikron-Varianten und Subvarianten bleiben werden.“

Die Gesellschaft wolle so normal wie möglich leben – „und das machen wir auch momentan“. Diese Freiheiten würden uns auch bis in den Herbst begleiten, wenn die Neuinfektionen-Zahlen wieder ansteigen können. Diese Freiheiten würden es dem Virus erlauben, sich zu verbreiten.

Gutachten zur Impfpflicht zu 95 Prozent fertig

Deswegen sei der beste Schutz noch immer die Impfung. „Wir wissen, dass die über 50-Jährigen das höchste Risiko haben, wenn es um Krankenhauseinlieferungen und Sterblichkeit geht“, sagt Schockmel. Es sei auch bekannt, dass diese Menschen durch die dreifache mRNA-Impfung am besten geschützt seien. Im Sinne der Allgemeinheit sei es also sinnvoll, über eine Impfpflicht für diese Risikopatienten zu diskutieren. „Natürlich kann man jetzt wieder warten, bis eine neue Variante da ist, die ein riesiges Problem ist, aber dann sind wir wieder nicht vorbereitet“, sagt Schockmel.

Um genau dies zu verhindern, hat die Regierung ein Experten-Gremium beauftragt, ein Gutachten zu einer möglichen Impfpflicht zu erstellen. Das Gutachten sei zu 95 Prozent fertig. Das Problem sei allerdings, dass „immer andere Menschen nicht da sind und dann haben wir keine Versammlungen“. Die fünf Wissenschaftler würden das Gutachten in ihrer Freizeit erstellen. „Das ist ein bisschen blöd, weil die Idee wirklich war, dass wir bis Ende Mai fertig sind“, sagt Schockmel. Das Gremium habe sich die Daten alle angeschaut, momentan würden sie die Konklusionen erstellen, danach folgten dann die Empfehlungen. „Ich hoffe, dass das in den nächsten zwei Wochen über die Bühne geht“, so Schockmel. Die Gesetzesprojekte seien nämlich bereit.

„Das heißt, sie warten jetzt auf uns. Dann muss man natürlich schauen, ob sie uns zuhören oder nicht, aber das sind politische Entscheidungen“, sagt Schockmel.

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