Koreakrieg

Idealisten, Abenteurer und der finanzielle Anreiz: MNHM-Direktor Niederkorn über die „Luxemburger Koreaner“ 

Benoît Niederkorn trat 2017 kurz nach seinem Studium der Militärgeschichte in Freiburg und Regensburg (D) die Stelle als Direktor des Diekircher Militärmuseums (MNHM) an und ist demnach verantwortlich für die Ausstellung zur Luxemburger Beteiligung am Koreakrieg. 2022 erschien dazu ein Buch mit allen Biografien der 85 Soldaten aus dem Großherzogtum, zudem gibt es einen eigenen Internetauftritt. Der 1987 geborene „Stater“ ist Mitglied der Luxemburger Delegation in Südkorea und erläutert im Interview mit dem Tageblatt seine Sicht auf den Krieg.

Korea-Veteran Léon Moyen und MNHM-Direktor Benoît Niederkorn

Korea-Veteran Léon Moyen und MNHM-Direktor Benoît Niederkorn Foto: SIP/Max Gutenkauf

Tageblatt: Benoît Niederkorn, Sie sind zum ersten Mal in Südkorea, haben aber die Geschichte des Koreakriegs und vor allem der Luxemburger Beteiligung daran im Detail aufgearbeitet. Wie ist es da, vor Ort zu sein?

Benoît Niederkorn: Man hat seine Vorstellungen, viele Fotos gesehen, vor allem die von damals. Da ist man dann natürlich geflasht von dem, was in den letzten 70 Jahren hier aufgebaut wurde. Wenn man weiß, welche Zerstörungen angerichtet wurden und was die Veteranen von Land und Landschaft erzählt haben, dann ist es absolut beeindruckend, jetzt zwischen all diesen Hochhäusern zu stehen.

Am Mittwochmorgen stand der Besuch des Museums zum Koreakrieg auf dem Programm der Delegation. Auch vom Museum haben Sie wahrscheinlich viele Fotos gesehen. Wie war es, vor dem Luxemburger Denkmal oder der Tafel mit den Namen der getöteten Soldaten Roger Stutz und Robert Mores zu stehen?

Allein schon der große Gedenkplatz ist beeindruckend, weil die Koreaner ja pedantisch sind – ich meine das im positiven Sinn – und für jedes Land eine Fahne und eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse haben. Auch die Galerie mit den Namen aller Gefallenen ist beeindruckend. Dazu kommt das ganze Protokoll der Zeremonien. Da merkt man, wie sie die Erinnerungskultur hochhalten. Das ist etwas ganz anderes als das, was wir aus Europa kennen. Quasi jeder weiß hier, wer die Luxemburger sind.

Die Anerkennung der Koreaner gegenüber den Luxemburgern hat man in den ersten beiden Tagen der Visite effektiv überall gespürt. In diesem Zusammenhang: Warum gab es diese Anerkennung für die Koreakämpfer nach ihrer Rückkehr nicht in Luxemburg?

Das war eher der Situation geschuldet. Luxemburg kam gerade aus einem Krieg und baute eine neue Armee auf. Zudem wollte Luxemburg seine Versprechen gegenüber den Amerikanern halten und zusammen mit ihnen eine Gemeinschaft aufbauen. Immerhin hatten die Amerikaner unser Land wenige Jahre zuvor befreit. Also wurden freiwillige Soldaten nach Korea geschickt. Das Problem war, dass der Krieg 20.000 km entfernt war. Aus dem Koreakrieg wurde der „vergessene Krieg“. Die Erinnerungskultur konnte sich für die 85 Freiwilligen zudem nicht richtig entwickeln, weil viel größere Vereinigungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die der Zwangsrekrutierten oder der Resistenzler im Mittelpunkt standen. Die „Koreaner“, wie ich die Luxemburger Koreakämpfer nenne, waren eine Untersektion der „Anciens Combattants“-Vereinigung (zuständig für Gedenkfeiern und die „Gëlle Fra“ z.B., d. Red). Die kümmerten sich nach 1945 um den Zweiten Weltkrieg. Da war es für die „Koreaner“ sehr schwer, sich als Sprachrohr durchzusetzen. In anderen Ländern war das nicht anders, zum Beispiel in Frankreich. 

Spielt es da eine Rolle, dass der Koreakrieg wenig mediatisiert wurde, ganz im Gegensatz zum Vietnamkrieg später?

Richtig. Für den Amerikaner zum Beispiel ist der Koreakrieg ein „vergessener Krieg“, weil er zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg stattfand. Der Vietnamkrieg ist via TV in die Wohnzimmer gekommen. Im Vietnam kämpfte eine ganz neue Generation von Soldaten, während es in Korea größtenteils Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg waren. Daher ist die Erinnerungskultur an Vietnam eine ganz andere.

Sie haben sich für die Ausstellung und das Buch sehr lange mit den 85 Luxemburger Soldaten beschäftigt. Was waren das für „Typen“?

Für mich sind sie ein Querschnitt der Luxemburger Sozialgeschichte. Es beginnt mit der Frage, wieso sie sich gemeldet haben. Es wurde ja nicht nur innerhalb der Armee nach Freiwilligen gesucht, sondern auch außerhalb. Zum Beispiel war im Tageblatt eine Annonce geschaltet worden, ein Aufruf, sich zu melden. Dementsprechend gibt es drei große Kategorien. Die ersten sind die Idealisten. Das sind die, die mit 15 oder 16 Jahren erlebt hatten, wie der Bahnhof in der Stadt bombardiert wurde oder sie hatten wie Léon Moyen die Ardennenoffensive erlebt. Und natürlich die Befreiung. Sie wollten den Koreanern das gleiche Schicksal ersparen, das Luxemburg erfahren hatte. Die zweite Gruppe sind die Abenteurer. Diejenigen, die in die Fremdenlegion gegangen sind oder auch schon den Zweiten Weltkrieg in den alliierten Reihen mitgemacht hatten. Im ersten Kontingent bestand der gesamte Unteroffizierskader aus Weltkriegsveteranen. Das sind Leute, die ihren Beruf gelernt haben und die ihn ähnlich wie Legionäre weiter ausleben wollen. Und die dritte Kategorie sind diejenigen, die sich aus finanziellen Gründen gemeldet haben. Man muss bedenken, dass sich Luxemburg nach 1945 im Wiederaufbau befand. Vieles war noch nicht fertig und es fehlte an Arbeitsplätzen. Man konnte im Süden bei der Arbed oder in den Minen arbeiten, aber wenn man im Norden oder im Zentrum lebte, fand man oft keine direkte Anstellung. Und hier bekam man nun die Möglichkeit, während eines Jahres in der Armee das Zehnfache von dem zu verdienen, was ein normal eingezogener Soldat verdiente. Korea-Veteran Robert Müller sagte danach: „Wir haben uns gefühlt wie Arbed-Direktoren“. 100 Franken am Tag plus die Prämien waren enorm viel Geld zu dieser Zeit.

Aus der Sicht eines Historikers und Museumsdirektors, weshalb ist es so wichtig, die Erinnerungskultur hochzuhalten?

Für mich hat die Erinnerungskultur einen hohen Stellenwert, weil früher war es ja so, dass der Großvater vom Krieg erzählt hat. Das Problem ist, dass viele nicht mehr da sind. Und wenn die Großväter nicht mehr vom Krieg erzählen können, dann müssen wir mit anderen Mitteln an ihn erinnern. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, als Blumen vor einem Monument niederzulegen. Für mich ist Erinnerungskultur zum Beispiel auch, die Biografien der Personen zusammenzustellen und mit anderen zu teilen. Zu zeigen, welchen Weg sie gegangen sind. So können sich die Menschen mit ihnen identifizieren. Und in Luxemburg schaut man bekanntlich gerne, ob man den Namen kennt oder jemand aus seinem Dorf dabei ist. Das weckt das Interesse und ist dann für mich Erinnerungskultur. Im Gegensatz dazu stehen die vielen Monumente mit Namen drauf, bei denen heute quasi niemand mehr weiß, wer sie waren, weil die Nachkommen zum Beispiel lange aus dem Dorf weggezogen sind. Wir hatten die Möglichkeit, die Biografien der Luxemburger im Koreakrieg zusammenzustellen, sie in einem Buch und auf einer Internetseite zu publizieren. Die Menschen erfahren so, wer diese Leute waren, wie ihr Leben verlaufen ist und warum Luxemburg in den Krieg gezogen ist.

Die Ausstellung im Militärmuseum ist seit Juni beendet. Wie geht es mit ihr weiter?

Sie ist als Wanderausstellung konzipiert und soll nun in die Schulen kommen. Am besten ab der nächsten „Rentrée“, aber spätestens bis zum nächsten Januar. Sie beschränkt sich nicht auf Plakate, wir haben eine ganze Reihe Sachen mit dabei, z.B. eine „valise pédagogique“ mit Objekten, die wir von den Familien der „Koreaner“ bekommen haben. Fotoalben, Tagebücher und Ähnliches. Und die Recherche ist natürlich nicht abgeschlossen. Wir sind weiter auf der Suche nach Informationen zu den Biografien der 85 Soldaten.

Erinnerungskultur am Mittwoch im Museum zum Koreakrieg

Erinnerungskultur am Mittwoch im Museum zum Koreakrieg Foto: SIP/Max Gutenkauf

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