Interview
Escher Drecksblatt: Richtung22 will dem Tageblatt zu mehr Qualitätsjournalismus verhelfen
Das Tageblatt stockt auf. Ab Oktober enthält die gedruckte Ausgabe jeden zweiten Samstag eine Satireseite aus der Feder des Kollektivs Richtung22: das Escher Drecksblatt. Zum Auftakt ein Gespräch.
Der Vertrag ist unterschrieben, die neuen Redakteure können ihre Arbeit beginnen Foto: Editpress/Julien Garroy
Tageblatt: Was kann, oder vielmehr, was muss man den Lesern einer Zeitung wie dem „Escher Drecksblatt“ heute zumuten?
R22: Also angesichts der Resultate der jüngsten PISA-Studie ist es schon gut, wenn sie überhaupt lesen können. Es ist uns auch sehr wichtig, auf diese Bedürfnisse einzugehen. Deshalb schreiben wir große Buchstaben und kurze Sätze, damit es für jeden verständlich bleibt.
Warum seid ihr Satiriker geworden? Wurdet ihr als Kinder häufig missverstanden?
Also ich weiß jetzt nicht, wo der Vorwurf der Satire herkommt, aber ich nehme an, wir müssen Redaktionen wie dem Tageblatt notgedrungen kleine Qualitätsmängel durchgehen lassen. Wir sind hier, um wieder Qualität im Luxemburger Journalismus großzuschreiben. Seit die Kirche das Luxemburger Wort aufgegeben hat, ist Qualität zur Rarität geworden. Wir denken, das Land ist bereit, den Wandel in der Presselandschaft zu bekommen, den es verdient hat.
Ihr sagt, das Land sei bereit. War das Land nicht mehr bereit für das Hannerland?1
Das Land hat sich phasenweise auf eine gewisse Klientel spezialisiert und nicht mehr die große Masse angesprochen. Uns war es ein Anliegen, die Luxemburgerinnen und Luxemburger wieder persönlich anzusprechen.
Die erste Ausgabe des Escher Drecksblatt am Samstag in der gedruckten Zeitung und im E-Paper Bild: Editpress
Ihr sagt, ihr plant, Qualität großzuschreiben. Benutzt ihr deshalb so viele Großbuchstaben?
Das ist unser Versuch, die Druckereiindustrie in Luxemburg wieder zu fördern. Wir wollen, dass möglichst viel Farbe benutzt und die Konjunktur angekurbelt wird. Wir stehen der Wirtschaft und dem Wachstum generell positiv gegenüber, das ist immerhin das, was unser Land zusammenhält. Mehr Farbe, mehr Druck, das ist unsere Agenda.
Mehr Druck ist etwas, das wir generell in der Gesellschaft erleben. Seht ihr euch da auf einer Linie mit der Regierung?
<Langes Schweigen>
Soll ich das Aufnahmegerät ausschalten?
Es ist immer blöd, wenn auffliegt, wie sehr wir, wie alle Presseorgane, von der Regierung abhängig sind. Wir überlegen uns deshalb immer gut, was wir publizieren, weil wir wissen, dass eine bestimmte Berichterstattung in Luxemburg auch gewisse Konsequenzen haben kann.
Um auf die Regierungslinie zurückzukommen: Wir befinden uns gerade in einer Zeit, in der wir als Land zusammenstehen müssen. Diese Wagenburgmentalität ist etwas, das wir bei der Presse manchmal vermissen. Wenn Attacken von außen kommen, ist es auch wichtig, nicht zu kritisieren, sondern zusammenzustehen. Wir bleiben trotzdem kritisch bei den Dingen, die man gerne kritisieren kann: Minderheiten zum Beispiel. Da sollte man nicht immer mit Samthandschuhen zupacken. Da sehen wir uns an einer Seite mit der Regierung, dem Druck widerstehend, der von äußeren und inneren Feinden auf unser armes Ländchen zukommt.
Wir sorgen aber auch dafür, dass die Stimme des Volkes gehört wird, wenn die Regierung ihre Arbeit nicht macht.
Ihr deutet also an, dass es vorkommt, dass diese Regierung ihre Arbeit nicht macht?
Verschiedene Mitglieder machen einen guten Job. Andere Mitglieder sehen ihren Job darin, arme Ärzte von ihrer Arbeit abzuhalten.
Wenn wir als Tageblatt mit euch jetzt im Sinne des Landes kollaborieren, riskieren wir dann auch, unsere Räumlichkeiten in Esch zu verlieren?
Wenn ich mir die Geschichte des Tageblatt vor Augen führe, ist das ja bereits passiert. Wir sind uns aber sicher, dass wir uns in einem Fitnessstudio jenseits der Grenze wiederfinden werden.2
Kann man euch in euren Redaktionsräumen besuchen?
Ja, wenn ihr schnell seid.
1 Das Kollektiv veröffentlicht im gleichen Rhythmus eine Satireseite auf der letzten Seite der Wochenzeitung Lëtzebuerger Land.
2 Das Tageblatt zog im Juni 2021 aus dem traditionsreichen Gebäude in der Escher Kanalstraße ins Belval Plaza 1 – in die Räumlichkeiten eines ehemaligen Fitnessstudios. Richtung22 droht derweil der Rauswurf aus dem Escher Bâtiment 4.
Was darf Satire?
„Was darf die Satire? Alles.“ Das schrieb Kurt Tucholsky 1919. Juristisch ist es etwas komplizierter. Satire fällt unter die Meinungs- und Pressefreiheit. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schützt sie ausdrücklich als Form der Gesellschaftskritik, auch wenn sie provoziert und verletzt. Grenzen gibt es trotzdem: Verleumdung, Aufrufe zu Hass und Angriffe auf die Menschenwürde bleiben verboten, auch mit Augenzwinkern.
Satire schont niemanden. Auch nicht die Zeitung, in der sie erscheint. Wer im Interview mit Richtung22 also liest, das Tageblatt hänge am Tropf der Regierung oder residiere im Fitnessstudio, darf lachen. Ganz falsch ist nicht alles.
Richtung22 ist ein Künstler- und Satirekollektiv mit Sitz im Escher Bâtiment 4. Ab Oktober gestaltet es alle zwei Wochen eine Satireseite im Tageblatt.