Kritische Einordnung
Der unmögliche Spagat: Die Trennung von Kirche und Staat im Angesicht des Papstbesuches
Mit Papst Franziskus ist nicht nur ein Staatsoberhaupt am Donnerstag in Luxemburg eingekehrt, sondern auch das Oberhaupt der katholischen Kirche. Kein Staatsbesuch wie jeder andere, bei dem eine Überraschung nicht ausblieb.
Wenn Kardinäle über Staats- und Regierungschefs thronen Foto: SIP
Bei strömendem Regen hat Papst Franziskus in Luxemburg einen achtstündigen Zwischenstopp auf seiner Reise nach Belgien eingelegt. Dass es kein Staatsbesuch wie andere auch werden würde, zeigte sich bereits bei der Ankunft am Flughafen, wo sich nebst weltlichen Würdenträgern auch zahlreiche Kardinäle und Bischöfe eingefunden hatten. Die Trennung zwischen Kirche und Staat, die unter der vorigen linksliberalen Regierung im Jahr 2018 vollzogen wurde, war bereits in den Anfangsminuten der Visite nicht mehr existent – auch wenn Premierminister Luc Frieden (CSV) später in seiner Rede explizit darauf verwies.
„Luxemburg ist ein Land, das sich den Grundsätzen des internationalen Rechts zutiefst verschrieben hat und dessen Geschichte durch die jüdisch-christlichen Traditionen und Werte stark beeinflusst wurde“, sagte Premierminister Luc Frieden beim Empfang im Cercle Cité. „Wir leben im Land des Heiligen Willibrord, eines Missionars und großen Europäers, lange bevor es die Europäische Union gab.“ Es sei klar, dass sich die Welt, Europa und auch Luxemburg seitdem verändert hätten. „Die Botschaft des Friedens, der Nächstenliebe und der Menschenwürde und nach der alle Menschen streben sollten, egal ob gläubig oder nicht, ist jedoch geblieben“, meinte der Luxemburger Regierungschef. Zu Recht sei in der Luxemburger Verfassung die Menschenwürde als unantastbar verankert worden.
„Auch wenn sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat dahingehend entwickelt haben, dass sie voneinander getrennt sind und die Säkularisierung der Gesellschaft ein Fakt ist, existieren Religionen nicht außerhalb unserer Gesellschaft“, so Frieden weiter. Diese würden im Gegenteil zur Bereicherung der Debatte über ethische, gesellschaftliche und umweltpolitische Fragen beitragen.
„Mehr Kinder kriegen“
Papst Franziskus überraschte die im Cercle versammelten weltlichen und geistlichen Würdenträger, indem er bei seiner Rede etwas vom Skript abwich und Luxemburg dazu aufrief, „mehr Kinder zu kriegen“. Der Blick auf die Geburtsrate des Landes würde ihm Sorge bereiten, so der Pontifex. Ansonsten blieb es bei den zu solchen Anlässen üblichen politischen Aufforderungen nach Frieden und einem solidarischen Miteinander. Zusätzlich pries das katholische Kirchenoberhaupt Europa als Beispiel für die Aufnahme und Integration von Migranten und Flüchtlingen. Vor knapp zwei Wochen meinte Papst Franziskus noch, in den USA sei Donald Trump das „kleinere Übel“ der beiden Präsidentschaftskandidaten, weil dieser Abtreibungen nicht befürworte. Der ausgewiesene Humanist, Philanthrop und bekannte Praktiker des christlichen Glaubens Donald Trump hatte – fälschlicherweise – behauptet, Migranten im Bundesstaat Ohio würden die Haustiere der Bewohner dort essen, und fährt einen allgemein anti-immigrationistischen Kurs.
Papst Franziskus während seiner Rede im Cercle Cité Foto: SIP
Franziskus sagte dann auch, dass „Luxemburg allen zeigen könne, welche Vorteile der Frieden gegenüber den Schrecken des Krieges“ habe und welch „schädliche Folgen von verhärteten Positionen und der egoistischen und kurzsichtigen oder sogar gewaltsamen Verfolgung von Eigeninteressen“ herrühren könnten. Den Ukraine-Krieg oder den Konflikt in Nahost nannte Franziskus nicht namentlich, meinte jedoch „ehrliche Verhandlungen zur Lösung von Konflikten“ und demnach „Sicherheit und Frieden“ für alle schaffen können.
Nebst Vertretern der europäischen Institutionen nahmen auch Würdenträger aus Zivilgesellschaft und Politik an der Zeremonie inmitten der Luxemburger Altstadt teil. Der Linken-Abgeordnete Marc Baum war bei der Zeremonie im Cercle Cité mit einem schwarzen T-Shirt, auf dem in weißen Lettern „Caritas“ stand, erschienen. Er ließ es sich nicht nehmen, zu Beginn der Zeremonie länger stehenzubleiben, um sowohl Papst Franziskus als auch Premierminister Luc Frieden freie Sicht auf sein Shirt zu gewähren, um so gegen die „skandalöse Haltung der Regierung und des Bistums bei der Zerschlagung der Caritas“ aufmerksam zu machen. Den Caritas-Mitarbeitern, die sich Existenzängsten ausgesetzt sehen, dürften die Phrasen über „Nächstenliebe“ jedenfalls wie leere Worthülsen erscheinen. Keine Rede, keine Pressekonferenz oder Statement in der Presse hätte es besser verdeutlichen können als der Besuch des Papstes: „Caritas“ wird eher zerredet als praktiziert.
Subordination
Inwiefern der Papst von den Geschehnissen innerhalb des Luxemburger Ablegers der internationalen Organisation Bescheid weiß, ist unklar. Die Audienz, die er Premierminister Frieden gewährte, war privat. Das ist im Rahmen eines Staatsbesuchs wenig problematisch: Selten sind bilaterale Gespräche zwischen Staats- und Regierungschefs fürs öffentliche Ohr oder Auge gedacht. Problematisch ist, dass es kein „normales“ bilaterales Treffen, sondern eben eine Audienz war. Das wiederum impliziert eine Subordination der weltlichen unter die geistliche Macht – wodurch auch die von Luc Frieden klar betonte Trennung von Kirche und Staat zumindest aus der Ferne wiederum verschwimmt. Natürlich spielt bei solchen Zusammenkünften beiderseitiges Protokoll eine Rolle, wie eine Staatsvisite abläuft. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt dennoch.
Vor allem dann, wenn bei der abschließenden Zeremonie in der Kathedrale – es wurde keine Messe gehalten – Luxemburgs Priesterschaft, Kardinäle, Parlament und Regierungsvertreter geschlossen in der ersten Reihe saßen. Spätestens dann ist klar: Die Trennung zwischen Kirche und Staat ist zwar formell vollzogen – völlig losgelöst voneinander agieren Politik und Kirche dann aber immer noch nicht. Ein anachronistisches Zusammenspiel im warmen Inneren der Kathedrale, der im kalten Nass draußen eine mit einsetzendem Regen schwindende Masse an Schaulustigen gegenüberstand, zwischen denen auch für die mithilfe der Christsozialen aus der Oberstadt vertriebenen Obdachlosen und Bettler Platz genug gewesen wäre. Die Trennung von Kirche und Staat … verlief am Donnerstag bestenfalls durch den Mittelgang der Kathedrale.
Vorne im Bild Regierungsvertreter und Abgeordnete, dahinter die Priesterschaft: Die Trennung zwischen Kirche und Staat war angesichts des Papstbesuchs mehr schwammige Angelegenheit als klares Konzept Foto: SIP